Ein Park in Hamburg an einem beliebigen Sonntagnachmittag im Sommer. Kinder, die Ball spielen, rumspringen oder auf ihren Rädern durch die Gegend fahren. Erwachsene, die grillen, beisammensitzen oder spazieren gehen – mit und ohne Hunde. Ein Mann – nennen wir ihn Björn – geht über die Wiese an den verschiedenen Menschengruppen vorbei zum Rand des Parks. Dort stellt er sich hin, mit den Blick aufs Gebüsch. Und pinkelt.

Jeder Mensch muss Urin lassen. Männer täglich etwa vier Mal, Frauen fünf Mal. Pinkeln ist also alltäglich. Aber: dafür ist die Toilette da. Eigentlich wunderbar, dass es ein über die Jahrhunderte immer weiter verbessertes System gibt, wie Mensch seinen Urin loswerden und entsorgen kann – um Krankheiten zu verhindern. Und seit mehr als 200 Jahren sogar in einem extra dafür vorgesehenen Raum, in dem jede*r in Ruhe pinkeln kann. (Außer Eltern von kleinen Kindern, aber das ist ein anderes Thema.)

Warum gibt’s dann doch immer wieder Leute wie dieser Mann, Björn, der sich an die Parkbüsche stellt und seinen Penis auspackt? Das ist eine interessante Frage. Fakt ist: In ebendiesem Park gibt‘s ein öffentliches Klo – eine kleine ovale Kabine, silbrig-grau. Fakt ist auch: Rund um diesen Park gibt’s Cafés, die Toiletten haben. Nicht sehr viele, aber eine Handvoll, 10 Minuten zu Fuß entfernt. Warum nutzt Björn nicht das öffentliche Klo oder geht zu einem der Cafés, legt 50 Cent auf den Tresen und nutzt dort die Toilette?

Nehmen wir an, unter den vielen Menschen im Park ist eine Frau, die ebenfalls pinkeln muss. Was würde sie machen? Aufs öffentliche Klo gehen – zum nächsten Café laufen – wildpinkeln? Sollte das öffentliche Klo zu dreckig sein – was sehr wahrscheinlich ist -, würde sie zum nächsten Café laufen. Oder einhalten bis in alle Ewigkeit. Was diese Frau aber niemals tun würde: sich an die dürftigen Büsche hocken, um dort unter aller Augen zu pinkeln. An Frauen werden Erwartungen in der Öffentlichkeit gestellt, wie sie sich zu verhalten haben – sie müssen sogar damit rechnen, aus Cafés zu fliegen, weil sie ihr Baby stillen. Wer auf die Idee kommt, in Städten wild zu pinkeln, ist eine Frage des Geschlechts.

Man könnte jetzt einwenden: Für Männer ist es ja auch einfacher! Die packen schnell ihren Penis aus, pinkeln, packen ihn wieder ein. Ohne dass sie dafür die Hose runterziehen müssten. Bei Frauen ist es komplizierter. Hose runterziehen, Slip runterziehen, hinhocken und dann beim Pinkeln auch noch aufpassen, dass der Urin nicht an den eigenen Schuhen entlangläuft. Doch es liegt nicht an der unterschiedlichen Komplexität des Vorgangs – Frauen sind durchaus in der Lage, wild zu pinkeln. Und sicher hat das jede auch schon mindestens einmal in ihrem Leben getan. Aber eben echt „wild“: in der Wildnis, wo sich im Umkreis von 500 Metern keine fremden Menschen befinden.

Denn überall woanders als in der echten Wildnis ist draußen zu pinkeln unhygienisch und eine Belästigung für alle Umstehenden oder Vorbeigehenden. Urin stinkt und ätzt. Auch das Gebüsch in diesem Park, das Björn bepinkelt, leidet unter dem Urin, der ihm Wasser entzieht. Es wird irgendwann vertrocknen, wenn an jedem Park-tauglichen Sommertag viele Leute wie Björn dorthin pinkeln.

Männer wie Björn pinkeln nicht nur in Parkbüsche, sondern auch an Straßenecken, Hauseingänge oder Straßenlaternen. Sie pinkeln wann und wo es ihnen beliebt. Und je höher der Alkoholspiegel, desto niedriger die Hemmschwelle. Alkohol führt gleichzeitig dazu, dass der Druck größer wird, denn Alkohol beeinflusst das für den Wasserhaushalt zuständige Hormon. Die Folge: Wer zum Beispiel in Hamburg in Straßen nahe der Feiermeile Reeperbahn wohnt, bekommt an Wochenenden den Uringeruch nicht mehr aus der Nase. Und muss – sobald es dunkel wird – den Blick aufs Handy oder den Asphalt richten, um nicht ständig fremde Penisse im Blickfeld zu haben.

Wildpinkeln ist nicht nur eklig und eine Belästigung für alle anderen – es ist außerdem verboten. Die Bußgelder, die es dafür in den unterschiedlichen Städten gibt, sind teilweise ziemlich hoch. So kann es in Hamburg bis zu 1000 Euro kosten. Allerdings wird in den meisten Fällen zuerst ein Verwarngeld von 50 Euro verhängt. Zusätzlich kann das öffentliche Pinkeln als Erregung öffentlichen Ärgernisses eingestuft werden. Wer sich belästigt fühlt, kann sich an die Polizei wenden: Entweder die Notrufnummer 110 wählen oder direkt zum Polizeikommissariat gehen und Anzeige erstatten. Dafür ist es hilfreich, sich möglichst viele Merkmale zu notieren wie Kleidung, Aussehen oder andere Auffälligkeiten. Dass Anzeige erstattet werden kann und Bußgelder fällig werden können, scheint Pinkler wie Björn aber nicht zu stören. Es muss also nach anderen Wegen gesucht werden, das Wildpinkeln zu verhindern. Auf St. Pauli, dem durch die Pinkler rund um die Reeperbahn besonders gebeutelten Stadtteil in Hamburg, wird seit ein paar Jahren zurückgepinkelt: Ein spezieller Lack sorgt an einigen Wänden dafür, dass der Urin zurückspritzt. Ein Forschungsprojekt der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München hat sich des Themas angenommen – auf Basis einer Befragung unter Wildpinklern werden dort nun mobile Toiletten entwickelt, die vor allem bei Großveranstaltungen Abhilfe schaffen sollen. Hilfreich für alle Ex-Wildpinkler ist außerdem die Website gratispinkeln.de, wo in einer Datenbank fast 3000 kostenlose öffentliche aufgelistet sind und per Karte leicht gefunden werden können.

Mehr öffentliche Toiletten helfen allen. Aber das hält Wildpinkler nicht von ihrem Draußen-Geschäft ab – siehe Björn an diesem Sonntagnachmittag im Park. Dazu ist ein Umdenken nötig. Denn ob man potenzieller Wildpinkler ist oder nicht, ist eine Frage der Haltung.

Beim Wildpinkeln zeigt sich nämlich Egoismus pur: Björn denkt nur daran, wie er schnell und möglichst ohne Aufwand den Druck auf der Blase loswerden kann. Dass das andere Menschen belästigt, vielleicht sogar re-traumatisieren könnte, wenn Björn seinen Penis auspackt, daran denkt er nicht. Oder – schlimmer noch – vielleicht denkt er daran, aber es ist ihm egal, denn sein Pinkelbedürfnis schlägt alle Bedürfnisse der anderen Menschen. Björn ist als Mann in dem Bewusstsein groß geworden, dass ihm der öffentliche Raum gehört, dass er darin im Grunde tun und lassen kann, was er will. Denn es ist der Raum seinesgleichen. Erschaffen von Männern, für Männer gedacht. Frauen dagegen wachsen damit auf, dass sie sich in der Öffentlichkeit an viele Regeln halten müssen, der Frauenkörper an sich wird in der Öffentlichkeit stark diskutiert, sogar kontrolliert. Sie lernen, Angst zu haben, Platz zu machen, sich umzuschauen. Björn aber muss nicht aus dem Weg gehen, ihm wird aus dem Weg gegangen. Björn ist noch nie im Dunkeln nach Hause gegangen und hatte Angst, weil er sich verfolgt fühlte. Und wenn seine Blase drückt, dann geht Björn in die Büsche oder an die Häuserwand – weil er das kann.

Anmerkung: Uns ist bewusst, dass der Text nur eine cis-Perspektive darstellt. Hier geht es um “Männer” und “Frauen”, obwohl das längst nicht alle Menschen umfasst – es gibt mehr als nur diese beiden Geschlechter. Wir setzen uns hier mit gesellschaftlichen Konstruktionen auseinander, die noch immer auf “männlich” oder “weiblich” basieren und wollen diese hinterfragen.

Bild: Unsplash

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