Manchmal lege ich mein Smartphone unter ein Sofakissen und wünsche mir, ich hätte die Nachrichten nicht gelesen. Was passiert hier eigentlich gerade?, frage ich mich dann. Und: Das ist schon das Jahr 2021 – oder?

An manchen Tagen kann ich es nicht fassen, dass es immer noch so viel Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Hass gibt. Und das insbesondere gegen weiblich gelesene Menschen. Traurig ist das, finde ich und setze dabei meinen kleinen Achterbahnwagen auf einer Abwärtsspirale in Bewegung. Ich weiß, dass ich gleich herunterrauschen werde. Aber ich weiß auch: Ich komme am Ende wieder hoch.

Wenn ich die Nachrichten sehe, Radio höre und durch Social Media scrolle, bin ich immer wieder fassungslos, wütend und erschrocken über das, was in Deutschland und überall auf der Welt gerade passiert.

Nazi-Hetze und antifeministische und anti-LGBTQI*-Propaganda auf Telegramm. Rechtsruck und (sexualisierte) Gewalt oder Androhungen solcher.

Eine Frau geht nachts nach Hause und kommt nie an, die Türkei tritt aus der Istanbul-Konvention aus. Wir driften ab, in eine Richtung, die mir Sorgen macht. Das ist furchtbar, denke ich dann, während ich pandemiemüde in meiner Wohnung sitze, viel zu viel grüble und immer tiefer falle:

Der Mord an Sarah Everard, der jungen Britin, die auf dem Nachhauseweg von einem Polizisten getötet wurde, hat mich ähnlich stark mitgenommen wie letztes Jahr der Tod von Breonna Taylor, die bei einem Polizeieinsatz erschossen wurde und mit George Floyd gemeinsam zum Gesicht der Black-Lives-Matter-Bewegung wurde. Ein Tod, so völlig sinnlos und für den keiner der am Einsatz beteiligten Polizisten bislang in Verantwortung gezogen wurde.

Femizide und Millionen von Frauen, die unter Gewalt leiden, unter Missbrauch und Angst. Türk*innen, die für ihre Rechte demonstrieren, weil die Türkei vor wenigen Tagen aus der Istanbul-Konvention austrat: Einem Übereinkommen des Europarats, das (häusliche) Gewalt gegen Frauen und weiblich gelesene Menschen bekämpfen soll.

Frauen und weiblich gelesene Menschen in Polen, die für das Recht legaler Schwangerschaftsabbrüche kämpfen müssen und Frauen wie die Gynäkologin Kristina Hänel, die wegen Werbung für Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland verurteilt wurde.

Ich lese vom Gender Care Gap und darüber, dass Frauen durchschnittlich jeden Tag 87 Minuten mehr Zeit mit Pflege, Kinderbetreuung, sozialem Engagement und Arbeit in Haushalt und Garten verbringen – unbezahlt natürlich. Vom Gender Pay Gap und darüber, dass Frauen bei vergleichbarer Tätigkeit immer noch sechs Prozent weniger Lohn erhalten als Männer.

Spätestens jetzt befinde ich mich schon ziemlich weit unten in der kreisenden Abwärtsspirale, in der ich mich zugleich schrecklich wütend und furchtbar ohnmächtig fühle.

Ich denke an eigene Erfahrungen und an die Momente, in denen mir Freund*innen von Diskriminierung, Belästigung oder verschiedenen Formen von Gewalt erzählt haben oder an Erfahrungsberichte anderer, die mich berührt haben. Ich denke daran, wie verletzlich wir in diesen Momenten sind. Aber manchmal auch so stark.

Verletzlich sein ist okay und wichtig, finde ich. Gemeinsam stark sein, manchmal wütend, manchmal laut, aber vor allem füreinander-sein ist bestärkend und ein entscheidender Faktor, der meinen kleinen Achterbahnwagen immer wieder nach oben befördert.

Denn es sind die anderen, die Feminist*innen, die tollen, inspirierenden, mutigen Frauen, weiblich gelesenen Personen und unsere Allys, die meine Sprungfeder nach oben sind, wenn ich ganz unten angekommen bin. Sie sind es, die mir Mut machen und mich bestärken, wenn ich mich ohnmächtig fühle, die mir eine Stimme geben, wenn ich gerade keine Worte finde und die mir neue Perspektiven und vor allem die Initiative, die Wege und die Bereitschaft für eine gerechtere Zukunft zeigen, die ich mir für uns und für die Menschen wünsche, die nach uns kommen.

Am Sonntag veröffentlichte die Moderatorin, Journalistin und Rapperin Visa Vie hetzerische Fragmente aus einer Telegramgruppe und machte auf Instagram auf Antisemitismus von Atilla Hildmann und Xavier Naidoo aufmerksam. Dafür wurde sie von Anhänger*innen der Telegrammgruppe massiv persönlich angefeindet, beleidigt und bedroht. Nur ein paar Tage vorher hatte sie einen Beitrag veröffentlicht, in dem sie Hassnachrichten, Beleidigungen und Vergewaltigungsdrohungen zeigt, die ihr als Frau in der Rapwelt und Person der Öffentlichkeit, die sich politisch positioniert, entgegenschlagen. Visa Vie spricht über Hass und Hetze im Internet, die zum „Kanonenfutter“ für die Attentäter von Halle und Hanau von Morgen werden.

Sie ist eine der Frauen, die ich dafür bewundere, an die Öffentlichkeit zu gehen, den Finger in die Wunde zu legen, obwohl es beängstigend ist, mit wie viel Hass und Macht zurückgeschlagen wird. Das alles kann sie nur, sagt sie Anfang der Woche, weil sie neben den Drohungen und Beleidigungen viel mehr Unterstützung erhält und sie sich mit ihrer Fassungslosigkeit durch den Support und die Zustimmung nicht alleine fühlt.

In einer Zeit, in der eine schlechte Nachricht die andere abzulösen scheint, kann es schwierig sein, optimistisch nach vorne zu sehen und sich nicht allein zu fühlen. Gerade jetzt während der Corona-Pandemie, da sich so viele Klüfte und Probleme innerhalb unserer Gesellschaft offenbaren.

Ich bin froh, dass es Menschen, wie Luisa Neubauer gibt, die sich für eine lebenswerte Zukunft nachfolgender Generationen einsetzen,…

…Menschen wie die Politikerinnen Aminata Touré oder Ricarda Lang, Wissenschaftsjournalistin und Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim,…

…Publizist*innen, Journalist*innen und Autor*innen wie Alice Hasters,

Margarete Stokowski, Sibylle Berg, Sophie Passmann, Nhi Le, Louisa Dellert, Kathrin Weßling, Ninia LaGrande, Giulia Becker, Tupoka Ogette, Linus Giese, Aurel Mertz, Jasmina Kuhnke, Melodie Michelberger und so viele mehr, die mich durch meinen Alltag begleiten und mich vor allem darin bestärken, dass wir Miteinander und füreinander so viel erreichen können.

Sie sind laut, sie machen auf Ungerechtigkeit aufmerksam und geben dem Feminismus, der Zukunft aber vor allem denjenigen, die zu ihnen aufsehen oder sich mit ihnen identifizieren können, ein Gesicht und eine Stimme. Sie alle haben in diesen Momenten des Sichtbar-machens von Ungerechtigkeit etwas gemeinsam: Sie sind mutig. Denn wer sich in diesen Zeiten öffentlich zu gesellschaftlichen Themen äußert, macht sich immer auch zur möglichen Zielscheibe von Anfeindungen und Wut. Und leider gilt das immer noch vor allem für weiblich gelesene Personen.

Auch, wenn ich ab und zu das Gefühl habe, die Welt könnte jeden Moment einstürzen, weiß ich, dass ich nicht alleine bin. Dass da auch andere Menschen sind, die sich für eine gerechtere Welt einsetzen: eine ohne Misogynie, ohne Rassismus oder Ableismus, ohne Antisemitismus, ohne Transfeindlichkeit, ohne Homophobie. Ich hoffe, dass es irgendwann einfacher wird. Dass es irgendwann nicht mehr mutig ist, öffentlich Diskriminierungsformen zu kritisieren. Und dass wir immer mehr werden.

Wir alle tragen einen Teil dazu bei, in welcher Welt wir morgen leben. Damit wir aber auch zu gleichen Teilen dazu beitragen können, brauchen wir eine gerechtere Zukunft. Wie genau das geht? Keine Ahnung. Aber das ist ja das Schöne: du und ich, wir müssen das auch gar nicht alleine rausfinden. Lass uns das zusammen machen.

Bild: Pinkstinks Germany e.V.

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