„Wallah, Hamburg!“, Idil Baydar alias Jilet Ayse betritt strahlend die Bühne und die Menge tobt. Mit ihrer ersten Kabarett Show „Deutschland, wir müssen reden“ tourt die Comedian aktuell durch Deutschland und begeistert damit „Kanaken“ wie „Kartoffeln“ gleichermaßen. Die in Celle geborene 40 Jährige, ging auf eine Waldorfschule und zog im Alter von 15 Jahren mit ihrer alleinerziehenden Mutter nach Berlin. Durch ihre Arbeit an sogenannten „Problemschulen“, wie der Rütli-Schule in Neukölln wurde ihr die Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher besonders deutlich.

Mit Hilfe zweier Figuren, der Deutschtürkin ‚Jilet Ayse‘ und der deutschen ‚Gerada Grischke‘ öffnet die Wahlberlinerin nicht nur die Vorurteilsschublade, sie macht sie lebendig und hält damit allen den Spiegel vor. Ihren Youtube Kanal betreibt sie seit 2011 und begeistert tausende Follower*innen.

Die 18 Jährige Jilet Ayse flucht am laufenden Band, rollte theatralisch mit den Augen und beleidigt alles, was ihr in den Weg kommt: Männer, Frauen, das Integrationskonzept oder Thilo Sarrazin. Dabei komplettieren ihr billiger Trainingsanzug aus Polyester, die auftoupierten, schlecht gefärbten Haare und die riesigen Ohrringe den „Integrationsalbtraum Jilet Ayse“, wie sie sich selbst bezeichnet. Beeindruckend ist, wie die Figur es schafft, 60 Minuten am Stück alles aus der Vorurteilskiste zwischen „Deutschen“ und „Türken“ herauszukramen und sie so präsentiert, dass sie an Absurdität nicht zu übertreffen sind.

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Die zweite Figur ist Gerda Grischke, eine Neuköllner Hausfrau, die in Kittelschürze und Schlappen die Bühne auf und ab tigert. Dabei zetert sie wild über all die „Kanaken“ und darüber, wie schlimm die „Vermischung der Kulturen“ doch sei. Sie ist stolze AFD Wählerin, würde sich aber nie als Rassistin bezeichnen. Schließlich hieße es ja „Gastarbeitende“, da wäre es ja nur gerecht, wenn „die“ wieder in ihre Heimat zurückgehen. Ihr Stammtischgeschwätz à la „Das wird man ja mal sagen dürfen…“ bildet somit die Antithese zu Jilet Ayses „Kanakendeutsch“. In Kombination sind beide Rollen ein ausgewogenes Angebot eigene Vorurteile und Stereotype zu reflektieren, denn am Ende gibt es nur zwei Arten von Menschen: „Arschloch oder kein Arschloch“.

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Es ist beeindruckend zu sehen, wie Idil Baydar in beiden Rollen mit vollem Elan aufgeht und dabei das Publikum permanent mit einbezieht. Sie agiert, reagiert und provoziert immer wieder spontane Lacher, die sie auf der Kabarett-Bühne zu Hause wirken lassen. Besonders in der deutschen Comedy Szene ist sie als Frau mit Migrationshintergrund eine absolute Seltenheit. Ihr Mut dies auch noch mit den schwierigen Themen von Integration und Diskriminierung zu tun, beeindruckt uns umso mehr und macht sie für uns zu einem absolut passenden Rolemodel für den Mai 2016.

Nach der Show hatten wir übrigens die Chance mit ihr persönlich zu sprechen. Das Interview könnt ihr hier nachlesen. Viel Spaß.