Wir freuen uns riesig: Unser Song Not Heidis Girl macht richtig Welle, das Presseecho ist derart gewaltig, das wir die Anfragen kaum alle bewältigen können. Und mit der gesteigerten Aufmerksamkeit kommen natürlich auch kritische Nachfragen. Das kennen wir nicht anders, das geht in Ordnung so. Zu dem Vorwurf, wir hätten die Mädchen für den Song gecastet, beziehungsweise nicht gut genug gecastet/sie wären zu hübsch, nein halt, zu hässlich hat Stevie am Montag schon Stellung bezogen. Und ich möchte heute gerne etwas zu dem Vorwurf sagen, wir würden Germany’s Next Topmodel gar nicht gucken und wüssten nicht, dass das inzwischen ganz anders sei. Warum ausgerechnet ich?

Weil ich mir komplette Staffeln dieser Sendung reinziehen musste, um wöchentlich darüber im Blog oder den sozialen Medien zu berichten. Deshalb konnte ich das Entsetzen der Publizistin Carolin Emcke, die letzte Woche zum ersten Mal in GNTM reingeschaut hat, auch gut nachvollziehen.

Das macht keinen Spaß und ist außerdem Lebenszeit, die man so nicht zurückbekommt. Aber wir können uns nicht mit diesem Format auseinandersetzen und es kritisieren, wenn wir uns damit nicht befassen. Das wäre – bei allem Ärger über GNTM – unprofessionell und nicht fair. Außerdem hat sich die Sendung ja tatsächlich verändert. Man kann Heidi Klum und ihrem Team nicht vorwerfen, dass sie nicht auf Kritik reagieren würden. Die Reaktion mag kontraproduktiv und beschwichtigend sein, aber sie erfolgt. In den Staffeln 2013 -2015 drehte es sich zum Beispiel viel darum, möglichst ostentativ zu essen. „Döner macht schöner“, „Zeit für Happa Happa“ oder „Wo bleibt denn der Kuchen für Wolfgang?!“

GNTM sollte auf einmal zeigen, dass Models auch essen dürfen. Allerdings ging der Schuss gehörig nach hinten los. Denn wenn man den Kandidatinnen und Zuschauerinnen zugleich Sätze wie „Ihr müsst hart werden. Ich will nichts schwabbeln sehen!“ entgegenschleudert, dann ist Essen alles andere als ok. Dann bleiben junge Frauen und Mädchen auf der Frage sitzen, warum sie nicht so überschlank aussehen, wenn sie solche Dinge essen.

Seit 2016 bemüht sich GNTM zudem um mehr Diversität. Der Fokus auf Normschönheit wurde minimal erweitert und beispielsweise die eine oder andere Transgenderkandidatin zugelassen. Auch in dieser Staffel. Also ja: Die meisten aus dem Team haben die erste Folge gesehen. Wie gesagt: Sollten wir mal in einem Jahr keine Aktion zu diesem Format machen und uns nicht dazu äußern, verzichten wir mit Freuden darauf. Bis dahin tun wir uns das an. Zum Beispiel besagte erste Folge, in der ja angeblich alles ganz anders sein soll, tatsächlich aber vieles beim Alten ist. So wird GNTM die Geister der Körpernormierung, der gestörten Selbstwahrnehmung und der eimerweise ausgekübelten Häme nicht mehr los. Man täuscht Diversität an, indem man Transfrau Soraya mal kurz vor die Kamera bittet, damit sich die Presse mit Begriffen wie „geschlechtsloses Fabelwesen“ an ihr abarbeiten kann, und schickt sie sogleich wieder nach Hause. Ebenso wie die Mutter eines zweijährigen Sohnes, der die Vierfachmama Klum nicht zumuten mochte, so lange von ihrem Kind getrennt zu sein. Na dann.

Daheim wird sich derweil darüber das Maul zerrissen, wie fake die Kandidatinnen doch dieses Jahr seien, weil einige kosmetische Eingriffe haben vornehmen lassen. Kannste dir nicht ausdenken: Die Kandidatinnen einer Sendung, die Körperoptimierung und Normschönheitszwang predigt, werden dafür angegangen, dass sie ihren Körper operativ in die Normschönheit optimieren. Heidewitzka, wie sind die nach 13 Staffeln Beauty-Terror wohl darauf gekommen?! Und wenn das nicht zieht, dann halt Slutshaming. Eine der Kandidatinnen führt vielleicht ein Sex-Tagebuch und hatte womöglich sogar schon Sex mit 60 Männern. Oh mein Gott, darf die das überhaupt!?!

Was noch? Alle drei Sekunden Werbung. Bodyshaming, wie gehabt. Hier und da und überall!

Dunkelhäutige Models werden „Raubkatze“ genannt. Und ach ja: GNTM hat jetzt auch Curvy-Models. Oder eben das, was sie den Leuten als Curvy verkaufen wollen – Größe 38 nämlich.

Aber keine Sorge: Das Geheimnis, dass die entsprechenden Kandidatinnen am Set auch Ugly-Models genannt werden, ist bei Promiflash bestimmt total sicher.

In diesem Sinne bleiben wir am Ball. Nicht immer, aber immer wieder.