Mit dem Patriarchat ist das so eine Sache. Den einen gilt es als gesellschaftlicher Zustand, der Sexismus, Ungerechtigkeit und Gewalt bedingt, den anderen als Verschwörungstheorie des Feminismus, die rechtfertigen soll, dass Frauen sich seit Jahrzehnten bevorzugte Behandlungen erschleichen. Manche glauben es längst überwunden, während andere gerade jetzt sein Erstarken konstatieren, weil es sich dagegen aufbäumt, dass es ihm mittlerweile ziemlich an den Kragen geht. Einige halten es als Kategorie für ziemlich lächerlich, außer wenn sie es Geflüchteten zuschreiben können, und wieder andere arbeiten konsequent an seiner Abschaffung.

Patriarchat scheint ein schwieriges Konzept zu sein, weil es schwer zu fassen und zu definieren ist. Da hilft auch eine historische Herleitung über „Herrschaft der Väter“ oder ein Schwenk über Max Weber nur bedingt weiter. Selbst Feminist*innen kritisieren den Begriff als zu ungenau und undifferenziert. Unter anderem weil er universalistisch und ahistorisch eingesetzt wird, um verschiedenste Aspekte von Herrschaft und Macht zusammenzufassen. Alles Patriarchat eben. Dabei wären Benennungen wie Androzentrismus, hegemoniale Männlichkeit oder Heteropatriarchat womöglich sinnvoller und konkreter.

Trotzdem sollte man dieses Konzept nicht vorschnell abtun, denn es ist und bleibt wirkmächtig und zeigt – bei allen Fragen, die es aufwirft – bemerkenswerte Antworten und Zusammenhänge auf. Zum Beispiel dass und inwieweit das Patriarchat für Männer UND Frauen schädlich ist, obwohl es doch grundsätzlich und ziemlich umfassend Männer begünstigt und Frauen gegenüber in der Vorteil setzt. Das Patriarchat ist ein Fleischwolf, durch den wir alle gedreht werden.

Allerdings gehen wir unterschiedlich rein und kommen auch nicht gleich wieder raus. Das zeigt sich unter anderem an der patriarchalen Maxime:

Männliche Gewalt ist immer eine Option.

Der Soziologe Michael Kaufman nennt das die Triade der Gewalt: Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegen Männer, Gewalt gegen sich selbst. Das Privileg, mich als Mann grundsätzlich nicht vor Gewalt durch Frauen zu fürchten, schützt mich nicht davor, Opfer anderer Männer oder meiner selbst zu werden. Es hilft mir auch nicht, falls ich wirklich Opfer von Gewalt durch eine Frau werden sollte, sondern stellt meine Erfahrung in Abrede und erklärt sie für geradezu lachhaft unmännlich.

Auch die Strategie der Deutungshoheit über und des absoluten Zugriffs auf Frauen

Nein heißt Ja. Ja heißt Mehr. Mehr heißt Alles.

sollte nicht mit Freiheit verwechselt werden. Denn was ist das für eine Freiheit, wenn ich einer Frau als Gegenüber nicht mehr auf Augenhöhe begegnen kann und mein Kommunikationssystem so gestört ist, dass wir uns nicht verständigen können? Was ist das für eine Freiheit, die mir ermöglicht, ihr mein „Komm schon, du willst es doch auch!“ aufzuzwingen, aber damit zugleich dafür sorgt, dass ich niemals erkenne und erfahre, was sie will?

Und selbst eine der widerlichsten und brachialsten Forderungen des Patriarchats schlägt schließlich und endlich auch auf Männer zurück. Sie lautet:

Frauen sollten einfach begreifen,
dass sie sich ficken lassen müssen.
Dann wäre alles gut.

Oder wie es die BILD Zeitung kürzlich formulierte: „Erschoss ein junger Mann zehn Menschen, weil eine Mitschülerin seine Liebesavancen zurückwies?“

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
Video-Link: https://twitter.com/StopBildSexism/status/998172932072460288

Denn nicht nur werden dadurch auch meine Töchter, meine Schwester, meine Mutter und meine Geliebte geringgeschätzt und zu sexuell verfügbaren Objekten degradiert. Ich muss zudem als Mann mit meinem Geschlecht dafür herhalten, diese Forderung zu verkörpern. Ich bin eine Stellvertreterbedrohung, die sich bestenfalls gut führt.

„Die Macht der männlichen Ordnung zeigt sich an dem Umstand, dass sie der Rechtfertigung nicht bedarf.“ hat der Soziologe Pierre Bourdieu in seinem Buch Die männliche Herrschaft geschrieben. Die Ohnmacht, so könnte man hinzufügen, allerdings auch. Denn sie nimmt Männer wie Frauen in Geschlechterhaft und rechnet sie gegeneinander auf.

Wenn sich also wieder einmal jemand bei mir darüber beschwert (wie zum Beispiel mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nach Erscheinen dieses Textes), dass die Existenz des Patriarchats eine Lüge sei, weil Männer früher sterben, die gefährlicheren Jobs machen, seltener das Sorgerecht bekommen und häufiger als Frauen Opfer von Gewalt werden, dann stecken wir vermutlich bis zum Hals in der gleichen Scheiße. Nur dass wir sie jeweils anders benennen.

Quelle Beitragsbild: Sasha Kimel, flickr.