„Wie, bist du jetzt schwul oder was?“ Mit dieser oder einer ähnlichen Frage ist fast jeder heranwachsende Junge schon einmal konfrontiert worden. Wenn er einen Freund umarmt, Schwäche zeigt und sich ganz allgemein für angebliche Mädchensachen wie Tanzen, Tratschen und Verschönerung interessiert. Dahinter steht die Vorstellung, Kinder und Jugendliche etwas tun könnten, dass ihre Homosexualität entweder belegt oder befördert. Und immer wieder die Frage, ob Homosexualität angeboren oder anerzogen ist.

Die maßgeblichen Forschungsgebiete aus Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften beantworten  diese Frage mit einem jeweils unterschiedlichen Schwerpunkt. Einig ist man sich insofern, als dass Homosexualität weder unnatürlich noch krankhaft ist. Homosexualität braucht keine Therapie, Homosexuelle bedürfen keine Rettung vor angeblich gesellschaftsschädigenden oder unerwünschten Tendenzen. Aus beiden Bereichen gibt es veraltete Studien, die ein Zerrbild von Homosexualität zeichnen. Ein angeblich 1993 identifizierte „Schwulen-Gen“ erwies sich bei näherer Betrachtung als grobe Vereinfachung von komplexen genetischen und hormonellen Vorgängen. Und eine sozialwissenschaftliche Studie, die mittels fragwürdiger Methoden herausgefunden haben wollte, dass es sich bei Homosexualität um therapierbares Fehlverhalten handelt, wurde mit einer Entschuldigung des Verantwortlichen für seine unbewiesenen Behauptungen 2012 zurückgezogen.

Die Suche nach dem  sogenannten „Schwulen-Gen“ ist zugleich ein Hinweis darauf, inwieweit die Wissenschaftsgeschichte von Männern und ihren Forschungsanliegen dominiert. Lesbische Identität wird in ihren Arbeiten eher als beiläufige Randnotiz erwähnt, hauptsächlich interessierten sie sich für männliche Sexualität. Lesbischsein galt und gilt vielfach als das was Frauen mit einander machen, solange Männer nicht im Raum sind. Also eine Art Ersatzhandlung wenn heterosexueller Verkehr nicht möglich ist.

Die Forschungslage ist also einigermaßen unübersichtlich und hat deutliche blinde Flecken. Trotzdem lassen sich zwei Richtungen ausmachen. In der Genetik bemüht man sich darum herauszufinden, welches Zusammenspiel von genetischen und hormonellen Voraussetzungen Homosexualität bedingen. Dadurch wurde das bislang einzige bekannte Kriterium dafür ermittelt, dass ein Junge mit höherer Wahrscheinlichkeit schwul ist als andere: Die Existenz älterer Brüder. Mütter, die mehrere Söhne zur Welt bringen, bilden mit jedem Austragungsprozess eine größere Menge von spezifischen Antikörpern, die sich gegen ein Eiweiß auf dem Y-Chromosom richten. Bei etwa 15 Prozent der schwulen Männer kommt dieser Effekt zum Tragen. Diese Zahl belegt aber auch, dass Homosexualität nicht nur auf einem Weg entsteht, sondern durch das Zusammenspiel von vielen Faktoren. Homosexualität ist nach jetzigem genetischen Forschungsstand also biologisch angelegt, aber nicht vererbbar. Ein wie auch immer geartetes „Homosexuellen-Gen“ gibt es nicht. Deswegen sind Kinder aus Regenbogenfamilien auch nicht häufiger homosexuell als Kinder von heterosexuellen Paaren. Genauso wenig wie sie homosexuell gemacht werden können, wenn sie in der Schule über Vielfalt, Identität und Sexualität aufgeklärt werden.

Dem gegenüber steht innerhalb der Sozialwissenschaften die Queer Theorie, die Fragen des biologischen und sozialen Geschlechts kritisch beleuchtet. Auch die Queer Theorie würde nicht behaupten, dass ein Kind beispielsweise durch angebliche Frühsexualisierung schwul oder lesbisch wird. Stattdessen zieht sie die Starrheit und Absolutheit von geschlechtlicher und sexueller Identität in Zweifel. Hetero- und Homosexualität sind ihr zufolge nicht statisch festgeschrieben, sondern Schubladen, in die wir einordnen. Sie sind soziale Erfindungen oder auch: Erzählungen. Queer Theorie geht davon aus, dass Identität durch Handlungen erzeugt wird. Aber eben nicht nach einer spezifischen Formel. Eine bestimmte Handlung hat nicht zwangsläufig das immer gleiche Resultat. Menschen sind keine Maschinen. Es gibt keine festen Baupläne für jeweils hetero- und homosexuelle Menschen. Es gibt nur sehr verschiedene Menschen mit gleichen Rechten.

Unabhängig von diesen unterschiedlichen Herangehensweisen, ist Homosexualität in jeder Hinsicht vollkommen in Ordnung und braucht nicht entschuldigt oder gerechtfertigt zu werden. Trotzdem stellt die tatsächliche oder geargwöhnte Homosexualität der eigenen Kinder viele Eltern leider immer noch vor ein Problem. Entweder lehnen sie Homosexualität grundsätzlich ab oder sie befürchten, dass Kinder durch ihre Identität und ihr Verhalten Spott, Verachtung und Gewalt ausgesetzt werden könnten. Deswegen werden Kinder auch oft geradezu belauert, ob sich in ihrem Verhalten „homosexuelles Verhalten“ identifizieren lässt.

Neben dem Umstand, Personen des gleichen Geschlechts zu lieben und zu begehren, gibt es aber kein festgeschriebenes homosexuelles Verhalten. Weder treten alle schwulen Männer feminisiert auf, noch geben sich alle lesbischen Frauen burschikos. Jungen, die eine besondere Vorliebe für Rosa und Pink oder Röcke und Kleider haben drücken damit weder zwingend ihre Homosexualität aus noch laufen sie Gefahr, durch diese Begeisterung homosexuell zu werden. Genauso wenig wie Mädchen, die kurze Haare tragen, keine Lust auf Schminke haben und dreimal die Woche zum Boxen gehen auf jeden Fall lesbisch sind

Die Frage danach, ob Homosexualität angeboren ist oder anerzogen wird, ist letztendlich die gleiche Frage wie die, ob Heterosexualität angeboren ist oder anerzogen wird. Nur wird letztere nie gestellt, weil Heterosexualität als der Normalfall gilt. Als das erwartete und erwünschte Ergebnis von Identität. Dabei ist bei Heterosexualität genauso wenig klar, ob sie genetisch verankert oder erlernt ist.

Wenn es neuere Entwicklungen zu diesem Thema gibt, halten wir euch hier auf dem Laufenden.