Die ersten Corona-Tage habe ich immer um 21 Uhr am offenen Fenster geklatscht. Für die systemrelevanten Menschen, die den Laden am Laufen halten. Dann las ich im Internet, wie erstens Pflegekräfte meinten, wir könnten uns den Applaus sonst wohin schieben und zweitens andere die Aktion überheblich belächelten, weil: Das ist überheblich und sowieso, was soll das denn jetzt bitte bringen!?! Letzteren wollte ich am liebsten antworten: „Ach ja, und du schraubst in deiner Küche gerade an einem Impfstoff, oder was?“. Aber statt was zu antworten, habe ich aufgehört zu klatschen. Schön blöd!

Wenn ich am Fenster stehe und applaudiere, dann denke ich nicht, dass ich damit das Gesundheitssystem rette. Und ich weiss auch, dass ich damit nicht den Kontostand derer ausgleichen werde, die schon vor Corona unterbezahlt und unterrespektiert waren. Für sowas gehe ich wählen, demonstrieren, schreibe Abgeordneten und unterzeichne Petitionen.

Wenn ich am Fenster stehe und klatsche, mache ich das aus vielen anderen Gründen. 

Ich bedanke mich für die wichtige Arbeit. Das mache ich auch im Supermarkt, beim Arzt oder wenn mir jemand ausweicht, damit es 1,5m Abstand bleiben. Ich klatsche für diese wohltuende Verbindung zu den Menschen, von denen ich mich sonst fern halte, mit denen ich aber im selben Boot bzw. in der selben Straße sitze. Und nicht zuletzt klatsche ich mir ein wenig Druck von der Seele. Druck, weil ich seit Wochen so gut wie nie allein bin (aber es Menschen gibt, die gerade ganz allein sind). Weil mich Job und Kinder und das Verhandeln mit meinem Mann darüber, wann ich das eine oder andere machen kann, an meine Grenzen bringen (aber es Menschen gibt, die ihren Job verloren und weder Kinder noch Partner*innen haben). Weil ich so eine diffuse Katastrophenangst davor habe, dass mein Mann oder meine Kinder an Corona sterben (und es Menschen gibt, deren Familien gerade im echten Leben so etwas durchmachen müssen). Weil ich mich so schlecht von den Bedürfnissen anderer abgrenzen kann und ich jetzt vom dauerhaften Verfügbarsein und Gute-Gefühle-Transportieren Herzrhytmusstörungen, Migräne und Angst bekomme (und es Menschen gibt, die ECHTE Probleme haben).

Mit diesem Gejammer gehöre ich übrigens zum Mittelstand, dem ein Spiegel-Autor gerade in seiner Kolumne zurief, er solle leise heulen. Ohne Quatsch! Da erleben wir das krasseste Ereignis seit dem zweiten Weltkrieg und verschiedene Menschen gehen auf verschiedene Weise damit um, und der Typ scheisst rum, wir sollen aufhören zu jammern. Für mich stellt sich hier die Frage, wer sich hier wirklich zu wichtig nimmt: Die Leute, die ihre individuellen Sorgen teilen oder die selbst ernannten Sachverständigen der Prüfstelle für angemessene Jammergründe. Was glauben die denn, was passiert, wenn sie finden, die Menschen haben kein Recht dazu? Sind deren Sorgen weg? Reissen sie sich ab jetzt zusammen? Ist das hilfreich?

Und was diese Leute irgendwie nicht mitschneiden: Wenn ich davon schreibe, dass es mir nicht gut geht, dass ich wütend bin, oder traurig oder ängstlich, dann vergesse ich, wie die meisten anderen Menschen, nie mein Jammer-Niveau. Ich vergesse auch nicht, meinen Nachbar*innen Kuchen vorbeizubringen, Mundschutze zu nähen, Osterkarten fürs Altersheim in Serie zu produzieren und zu gucken, wo ich helfen kann. Ich vergesse auch nicht, selber zu merken, dass solche Rechtfertigungen beknackt sind.

Es gibt verschissenerweise immer Menschen, denen es schlechter geht, und die meisten Menschen brauchen die o.g. Prüfstelle nicht, um sich dessen durchgehend bewusst zu sein. Aber das kann doch keinen Maulkorb für die bedeuten, die es objektiv besser haben. Weil: Wann genau haben Menschen nochmal angefangen Blumen und pure Lebensfreude zu rülpsen, nachdem sie Probleme in sich reingefressen haben? Eben. Deshalb klatsche ich heute Abend auch wieder.

Foto Credit: Hernan Sanchez on Unsplash

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