Da sind wir also wieder. Lange nicht mehr hier gewesen, mal sehen, ob ich das noch kann. Denn das hier wird tatsächlich wieder so ein Text. Ein Text über Körpernormierungen, Dünnsein als »Trend« und Models, die bei der Präsentation von Mode möglichst minderjährig und verfügbar aussehen sollen.
Die Kritik an solchen Schönheitsvorstellungen, an der Besessenheit von der Idee, weibliche Körper müssten zur Darstellung von Schönheit, Sexiness und Erfolg untergewichtig aussehen, harmlos, unterwürfig und jung, gehört zur DNA von PINKSTINKS. Dagegen haben wir von Anfang an angekämpft und angeschrieben, wir haben Theater gemacht und sind vor das Brandenburger Tor gezogen. Wir haben Welle geschoben, Gegen-Kampagnen entworfen und alles, was nach Überschlankheitsdiktatur aussah mit buntem Glitzer und vielfältigeren Bildern beworfen. Wir haben uns mit Heidi Klum und ihrem Topmodel-Format angelegt, wieder und wieder. Einmal hatten wir sie fast. Und das absurderweise nicht mit lautstarkem Protest, sondern dem Kleingedruckten. Die Geschichte dazu geht so:
Schlankheitsdruck zur Primetime
In Deutschland gibt es nicht nur die »Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft« (FSK), sondern auch noch die »FSF«, die ähnliche Aufgaben für das Fernsehprogramm übernimmt. Die FSF bewertet also, welche Sendungen für welches Alter geeignet sind. Das ist insofern relevant, als dass an dieser Einschätzung auch der mögliche Sendetermin hängt. Die werberelevante Zielgruppe von »Germany’s Next Topmodel« (GNTM) waren bzw. sind Mädchen im Alter von 10 bis 16 Jahren. Die sollen sich angesprochen fühlen, zu den Kandidatinnen aufschauen, konsumieren, mitfiebern … und womöglich eben auch mithungern.
Im Jahr 2015 haben wir uns angeschaut, wie das funktioniert. Die FSF hat GNTM mit dem Siegel »Ab 12« versehen. Damit kann die Sendung zur Primetime ausgestrahlt werden und nicht erst nach 22 Uhr. Das ist wichtig für die Werbekund*innen, die ihre Produkte vor allem an junge Mädchen verkaufen wollen. Und die meisten von denen sitzen zur Spätsendezeit nicht mehr vor dem Fernseher. Angesichts der Tatsache, dass laut FSF-Kriterien Sendungen, die »einen Druck, optischen Schönheitsidealen nachzueifern (z.B. durch kosmetische Operationen) erzeugen«, nicht in die Primetime gehören, fanden wir die Bewertung »ab 12« schon reichlich merkwürdig.¹
Altersfreigabe bei GNTM: Versagen der FSF
Als wir das laut und medienwirksam aussprachen, brach die Hölle los. GNTM könne gar nicht zur Bewertung angenommen werden, hieß es, weil es ja live ausgestrahlt werde. Das Prinzip ist richtig: Eine Altersfreigabe für eine Live-Sendung kann nicht definiert werden, weil – nun ja – der Inhalt der Sendung sich ja erst live entwickelt. Aber bei GNTM war nur die Final-Show live. Alles andere hätte die FSF sich anschauen müssen und, dingdong »Druck, optischen Schönheitsidealen nachzueifern«, nicht unter 16 freigeben dürfen. So ging es hin und her. Schutzbehauptungen, Halbwahrheiten, Artikel im hauseigenen FSF-Heft, in denen uns Panikmache vorgeworfen wurde und GNTM als harmlose Unterhaltungssendung bezeichnet wurde, denn: »Das Verhältnis von Zuschauerinnen zu GNTM ist komplex, und nicht jede Zuschauerin ist magersüchtig.«²
Na dann, dachten sich auch die »Kommission für Jugendmedienschutz«, und beließ es nach monatelangem Rumeiern bei der Altersfreigabe, weil GNTM »zwar in der Sendung ein bedenkliches Schönheitsideal transportiert, dieses allerdings ausnahmslos im Zusammenhang mit den hohen Anforderungen an ein Topmodel in seiner Berufsrealität stünde«.³
Ja nee, is klar. Gar kein Problem also. Vollkommen egal auch, dass erst letztes Jahr eine umfangreiche Studie erschienen ist, die belegt, wie GNTM die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper befeuert – und war sowohl bei Frauen und Mädchen mit als auch ohne Essstörung.⁴
Wir waren mal (Body Positivity) Stars
Elf GNTM-Staffeln später müssen wir konstatieren: Heidi Klum hat gewonnen. Geld, Macht, ein sich wandelnder Zeitgeist, Diversity-Washing⁵ und die Aufnahme in die Queerness von Bill hat die Panzerung der Sendung derart verstärkt, dass jede Kritik an ihr zerschellt – egal wie wichtig und richtig sie ist.⁶
Und sie ist nicht die einzige. Wir hatten mal so etwas wie Body Positivity. Zumindest waren wir auf einem guten Weg. Aber wie die Aktivistin (und ewige PINKSTINKS Heldin) Melodie Michelberger feststellt: »Rückblickend wirkt Body Positivity wie ein kurzes Spektakel«.⁷
In einem Interview berichtet sie davon, wie innerhalb von nur zwei Jahren Frauen innerhalb der Body-Positivity-Bewegung plötzlich erschlankten. Und zwar mithilfe von Abnehmspritzen wie Ozempic, Wegovy und Mounjaro. Melodie Michelberger bringt es auf den Punkt:
»Diese Spritzen sind für viele hochgewichtige Menschen, die sehr stark unter ihrem Körpergewicht leiden, und Diabetiker*innen ein Segen. Auf der anderen Seite erhöhen diese Medikamente wie Ozempic und Wegovy den Druck des Abnehmens auf uns alle exorbitant, dementsprechend auch auf mich. Denn ich habe seit meinem siebten Lebensjahr das Gefühl, zu dick zu sein. Das Ideal, dünn zu sein, das lange Zeit für viele Menschen unerreichbar war, wird plötzlich in greifbare Nähe gerückt, da es mithilfe von Spritzen ›so einfach‹ ist. Was das ganze Thema auch sehr klassistisch macht: Bekomme ich es verschrieben oder habe ich ausreichend Geld, um es mir zu leisten? Wir reden da von mehreren Hundert Euro im Monat für Spritzen, die man, um das Gewicht zu halten, eigentlich ein Leben lang nehmen muss. Du kannst nicht einfach zehn Kilo abnehmen und Ozempic absetzen. Es ist nur scheinbar ein Quick-Fix, eine schnelle Methode.«⁷
Gleichzeitig spricht sie sich zu Recht dafür aus, individuelle Abnehmentscheidungen nicht zu kritisieren, sondern sich die systemische Problemsituation dahinter anzuschauen. Denn die Abnehmspritzen leiten eine Revolution ein, deren Auswirkungen gegenwärtig kaum zu überblicken sind. Wir laufen auf eine Situation zu, in der Dünnsein als für alle verfügbar markiert wird und wir Gefahr laufen, als Gesellschaft mit noch mehr Kälte und Verachtung auf die hinabzublicken, die nicht mitmachen wollen oder können.
Mode, Macht und Missbrauch: Jeffrey gefällt das
In der Vergangenheit waren »Schlankheitszurichtungsmaßnahmen« und die Sexualisierung junger Frauen beste Freunde. Daran hat sich nichts geändert. Beide hatten eine harte Zeit, weil unter anderem wir ihnen kräftig in ihre misogynen Ärsche getreten haben. Aber jetzt sind sie wieder da und finden sich geiler denn je. Immerhin stehen sie jetzt offen unter der Schirmherrschaft von mächtigen und ekelhaften Männern (Grüße an den Mango-Mussolini). Deshalb waren wir nicht allzu überrascht und zugleich tief bestürzt, als wir uns die Website des Modelabels Zara angeschaut haben: Extrem schlanke, sehr jung aussehende Models präsentieren da Mode für den männlichen Blick. Zur Bewerbung eines ärmellosen Baumwolltops wird die Hotpants halb heruntergelassen. Ein 3er-Pack Fußkettchen muss mit einem kauernden Model und »Tu mir nicht weh«-Blick angepriesen werden. Und zur Präsentation eines Neckholder-Tops werden die Beine gespreizt.
Stellenweise sieht das aus wie aus einem Katalog für Jeffrey Epstein und seine Kumpels. Der nutzte nämlich die Modeindustrie systematisch als Rekrutierungs- und Vertuschungsnetzwerk, indem er falsche Karriereversprechen machte und bestehende, sexualisierende Machtstrukturen ausnutzte, um junge Frauen in finanzielle und emotionale Abhängigkeit zu treiben. Epstein finanzierte die Modelagentur »MC2 Model Management« seines engen Vertrauten Jean-Luc Brunel, der Mädchen »vorauswählte« und die Bilder Epstein zur Ansicht vorlegte.⁸
Epstein hatte unter anderem Verbindungen zu »Victoria’s Secret«⁹ und schuf mit willigen Helfern ein Netzwerk, das ihm über 1000 junge Frauen und minderjährige Mädchen mit falschen (Model-)Versprechungen, Geld, Druck und Gewalt zuführte.¹⁰
Die Modeindustrie hätte also allen Grund, Abbitte zu leisten und sich endlich zusammenzureißen. In mehr als einer Hinsicht. Aber wenn ich mir anschaue, in welche Richtung das spätestens seit der zweiten Amtszeit des präsidierenden Sexualstraftäters Donald Trump läuft, möchte ich alles anzünden.
Sexualisierung und Körpernormen nerven, wir aber auch
Apropos anzünden: Es hilft nicht, daran zu verzweifeln. Ja, die misogynen Ärsche sind immer noch da, und ja, wir haben ein paar Kämpfe verloren. Aber widersprechen können wir ja noch. Schreiben, laut werden, protestieren, uns verbünden. Ich werde jedenfalls nicht tatenlos zusehen, wie in einem der reichsten Länder auf diesem Planeten einmal mehr zu viele Leute es für eine super Idee halten, jungen Mädchen zu sexualisieren und ihnen dafür einreden, sie mögen sich doch gefälligst aus der Gesundheit und womöglich sogar in den Tod hungern. Ja, weite Teile der Body-Positivity-Bewegung scheinen rückblickend eher performativen Charakter gehabt zu haben.¹¹
Aber nichts, absolut nichts ist falsch daran, den eigenen Körper zu lieben. Oder ihn zumindest nicht zu hassen (und gegen ihn einen gesellschaftlich initiierten Vernichtungsfeldzug im Namen der Schönheit und der Sexualisierbarkeit durch Männer zu führen). Das wird nicht einfach und der Jüngste bin ich auch nicht mehr. Ist mir aber egal, zur Not schreie ich die Verantwortlichen alle einzeln an.¹²
Lieber aber hätten wir so viel Unterstützung wie möglich. Also ja, wir sind müde und wir können nicht glauben, dass wir 2026 immer noch oder schon wieder gegen diese Scheiße protestieren müssen. Machen wir aber trotzdem.
Disclaimer Copy
Wenn wir von Frauen und Männern sprechen, beziehen wir uns auf strukturelle gesellschaftliche Rollen, die weiblich und männlich gelesene Personen betreffen. Gleiches gilt für die Adjektive »weiblich« und »männlich«. In Statistiken und Studien, die wir zitieren, wird leider oft nur zwischen Frau und Mann differenziert.
Quellenangaben
Folgende Links führen dich auf eine andere Website
- mabb.de: »KJM-Beschluss: Kein Jugendschutz-Verstoß bei GNTM«.
- onlinelibrary.wiley.com: »Assessing the Impact of a Reality TV Fashion Model Contest on Women’s State Body Dissatisfaction, Affect, and Self-Esteem«.
- watson.de: »Neues GNTM-Konzept: Warum Heidi Klum Diversity Washing vorgeworfen wird«.
- youtube.com: »GNTM Exposed: Mi$$brauch, Lügen und Minderjährige«.
- editionf.com: »Melodie Michelberger: Rückblickend wirkt Body Positivity wie ein kurzes Spektakel«.
- sueddeutsche.de: »Wie konnte Jeffrey Epstein jahrzehntelang ein weltumspannendes Anwerbenetzwerk betreiben, durch das mehr als tausend Mädchen und Frauen in seine Fänge gerieten?«.
- vogue.com: »What, Exactly, Was the Connection Between Victoria’s Secret and Jeffrey Epstein?«.
- ndr.de: »Epstein-Files: Epsteins Jagd nach Models in Europa«.
- theguardian.com: »Ozempic arrived and everything changed: plus-size models on the body positivity backlash«.
- pinkstinks.de: »Beulenpest und Schenkelschande«.