„Frau Merkel: Wie war das eigentlich in ihren Wechseljahren, ist Ihnen da das Aufstehen um 5 Uhr morgens schwergefallen?“ So ein Interview würde ich zu gerne lesen. Ihr auch? „Das Private ist doch politisch, Frau Merkel – komm, erzählen Sie doch mal! Das kann doch nicht immer leicht gewesen sein, in der Hormonumstellung, ihr krasses Pensum einzuhalten. Oder gehören Sie zu den ca. 30% glücklichen Frauen, die vom massiven Progesteron-Abbau ab Mitte Vierzig kaum etwas spüren?“*

Übrigens: Egal, wie ich es ausdrücke, alles, was mit dem Hormonwandel im mittleren Alter von Frauen zu tun hat, unterstreicht mir mein Windows-Rechtschreibprogramm rot. „Progesteronmangel gibt es nicht!“, zischt Microsoft. „Hör auf, über deine Befindlichkeiten zu schreiben! Mach die weg! Frau Merkel hat auch nicht gejammert!“

Nö, im Gegenteil: Wir müssen mal reden, Microsoft, Frau Merkel, Gesellschaft! Um mich herum, in meinem Freundeskreis, fallen die unfassbar talentiertesten Journalistinnen, Redaktionsleiterinnen, Frauen, die sich die Karriereleiter hochgeschuftet und nach wie vor sehr schnell arbeiten müssen, um. Wie Fliegen. „Burn-Out“ heißt es dann meistens, aber machen wir uns nichts vor: Das ist schon komisch, dass es uns alle im gleichen Alter trifft. Und alle mit ähnlichen Symptomen. Dazu gehören:

  • Brustschmerzen, als stille man drei Babys gleichzeitig ab. Gefühlt könnte man mit den Dingern jetzt das Patriarchat abschießen, wenn sie abnehmbar wären.
  • Histamin-Empfindlichkeit mit hochroten Köpfen beim klitzekleinsten Glas Wein. Gerne begleitet von Schweißausbrüchen was einem vor Scham noch röter werden lässt.
  • Migräne und Bauchschmerzen, gerne nach Histamin-Einnahme-Das Gefühl, Watte im Kopf zu haben, Vergesslichkeit und Unkonzentriertheit. Autoschlüssel im Kühlschrank, wichtige Pressekontakte nicht zurückrufen. Sowas.
  • Unfassbare Müdigkeit, als hätte man beim Aufwachen eine Bratpfanne übergezogen bekommen und
  • Schwitzen, schlecht schlafen, gar nicht schlafen.

Kurz: Dass sich Frauen in Domänen, in denen sie härter arbeiten müssen als jeder Kerl um überhaupt die Berechtigung zum Mitspielen zu erhalten, irgendwann zusammenklappen, ist an sich schon verständlich. Die hormonelle Belastung ab Mitte Vierzig hilft da aber gerne ordentlich nach.

Was ich kürzlich gelesen habe, hat mich zutiefst frustriert: Wir scheinen nämlich ohne Runterzuschalten aus diesen Problemen nicht heraus zu kommen. Es ist wohl so: Wenn man keine Hormone nehmen möchte (oder nicht darf), kann man zwar einiges tun, was hilft. Keinen Alkohol, keinen Kaffee trinken, keinen Zucker und kein Weißmehl essen. Bei Histaminintoleranz immer alles frisch kochen. Das ist schon mal zeitaufwendig und, let’s face it, so brav ich das mitmache: Spaß geht anders. Jetzt kommt’s aber: Der Grundbaustein von Progesteron ist so ein Ding, dass auch für das Stresshormon Cortisol verwendet wird. Jedes Mal, wenn wir uns aufregen oder in Wallungen geraten, überlegt der Körper: Ok, baue ich jetzt Fruchtbarkeitshormone (Progesteron) oder mache ich den Menschen wach, damit sie vorm Säbelzahntiger wegrennen kann (Cortisol)? Der Körper entscheidet sich eher für den Raubtier-Alarmknopf. Also mehr Cortisol, weniger Progesteron. Das gibt Progesteronmangel (auch, wenn Microsoft ihn nicht kennt), somit Östrogendominanz (weil die beiden sich ausgleichen sollen), somit noch mehr Stress im Körper (Östrogen puscht Histamin nach oben), und was macht Stress? Noch mehr Cortisol und letztendlich Nebennierenerschöpfung. Das heißt, egal, wie gesund wir essen: Ohne Ruhe und Mediation und Hormonyoga und „Karriere? Och, die überlassen wir jemand anderem!“ wird das nichts mit dem entspannt-durch-die-Wechseljahre-kommen.

Das ist ungerecht! Okay, ich werde dabei sehr weise, kann lernen, welche Kräuter mir guttun und früher wurde ich für diese Entwicklung entweder geschätzt oder als Hexe verbrannt. Leider lebe ich 2020, da sind Kräuterhexen nicht so hoch im Trend.

Ich bin inzwischen Achtsamkeits-Queen und verbringe viel Zeit mit Essensplanung. Was Frau Merkel da abgezogen hat in den Jahren, als sie in meinem Alter war, hätte ich nicht leisten können. Sarah Wagenknecht hatte gerade ihren eigenen Burn-Out (ich sag’s nur: 51 Jahre alt) und auch ansonsten wird es dünn nach oben. Nicht, weil die alle in den Wechseljahren sind, sondern weil nicht genug Kerle da sind, um Frauen mit nach oben zu ziehen und ihnen dort Konditionen zu bieten, in denen sie eine Zeitlang mit reduzierter Kraft arbeiten können.

Dabei haben wir so unendlich viel zu geben. So viel Erfahrung gesammelt: Wir sind für Wirtschaft, Politik, Journaille und Kampagnen Gold wert. Selbst, wenn wir zwischendurch ein Jahr Teilzeit für gleiches Geld arbeiten. Ich fordere eine Wechseljahrbezahlung! Wie findet ihr das? Und, dass wir viel, viel mehr über diese Zeit im Leben von Frauen sprechen.

Und übrigens gilt das natürlich nicht nur für die privilegierten, studierten, meist weißen Frauen, die in Männerdomänen machen. Es gilt genauso für die Bäckereifachangestellte und alleinerziehende Mutter; für die Frau of Colour, die neben Beruf und Karriere auch noch rassistische Diskriminierung managen muss. Und nicht jede Frau hat Uterus und Eierstöcke. Darüber müssen wir reden. Aber über eine Sichtbarkeit und Teilhabe für die, die nicht über Wechsel, Hormone, Schwitzen und Depressionen reden dürfen, ohne als Mimose und irgendwie „bäh“ zu gelten, eben auch. Dringend!

Allerbeste, meditative Grüße!

Von eurer Stevie

Quelle: Creative Commons
Wagenknecht: Trialon Berlin

*Ich gehe hier selbstredend von einem zu diesem Thema geplanten Gespräch aus und keinem übergriffigen Journalismus – Pressegespräche mit hochrangigen Politiker*innen sind in der Regel bis ins Detail im Vorhinein abgesprochen.

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