Die Ankündigung des Geschäftsführers des Basketballteams ALBA Berlin, Marco Baldi, hat ganz schön für Furore gesorgt: Nach 25 Jahren würde die Saison 2019/20 erstmalig ohne die ALBA Dancers gestaltet werden. Zukünftig sollten in den Spielunterbrechungen der ALBA-Heimspiele keine Cheerleader mehr auftreten. Baldi verwies darauf, dass „das Auftreten junger Frauen als attraktive Pausenfüller bei Sportevents nicht mehr in unsere Zeit passt.“ Frauen solten nicht länger als „tanzende Pausenunterhaltung“ wahrgenommen werden, während Männer Basketball spielen.

Seitdem tobt in Zeitungsbeiträgen, Kommentarspalten und den sozialen Netzwerken ein Kampf um die Deutungshoheit über diese Entscheidung. Nicht nur die „Was soll daran falsch sein, mit halbnackten Frauen die sportlichen Leistungen von Männern zu umrahmen“-Fraktion ist alles andere als begeistert. Auch diesseits solcher sexistischen Vereinnahmungsversuche wird darüber gestritten, ob das eine gute Idee ist. Die Position, dass Frauen keine Pausenfüller sind, vertritt dabei am deutlichsten der Berliner Tagesspiegel. Zu Recht wird dort in mehreren Texten darauf hingewiesen, dass die Zeiten entgültig vorbei sein sollten, in denen Frauen als Staffage für männliche dominierten Sport fungieren, und dass es umgekehrt auch keine Veranstaltungen von Sportlerinnen gibt, für die Männer die Cheerleader geben. Selbst mit Blick auf die unbestrittenen sportlichen Leistungen bleibt in diesem Zusammenhang die Frage, „ob man höher springt, wenn der Rock kurz ist“.

Auf der anderen Seite positionieren sich die, die auf die Selbstbestimmung der Cheerleader pochen und diesen Sport nicht ausreichend gewürdigt und viel zu sehr belächelt sehen. Cheerleading ist kein Spaziergang, es ist richtig harte Arbeit. Allen, die daran zweifeln, sei eine entsprechende Trainingseinheit empfohlen.

Darüber hinaus muss man sich bei allem Verständnis für berechtigte Kritik die Frage gefallen lassen, ob nicht durch einen solche Einschätzung ein sich allmählich emanzipierender Sport um Jahre zurückgeworfen wird.

Denn Entwicklung hat bereits stattgefunden und findet weiter statt. Selbst auf einer extrem sichtbaren und professionalisierten Ebene.

Deshalb geht diese Frage auch an uns. Nicht zuletzt deshalb, weil wir die Abschaffung der Grid Girls bei der Formel 1 begrüßten, wohingegen wir es uns in Bezug auf die Wischer-Girls im Handball nicht so leicht gemacht haben. Grundsätzlich gilt, dass man nicht dem erliegen sollte, was die taz „Feminismus für Faule“ nennt. Von den Grid Girls über die Wischer-Girls bis hin zu den Cheerleadern findet eine Art (R)Evolution statt. Genau wie innerhalb des Cheerleadings. Einer Profession, die zunächst ausschließlich von Männern wie dem ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush ausgeübt wurde. Später zogen normschöne und sehr junge weiße Frauen den Male Gaze auf sich.

Mittlerweile bemüht man sich um Diversität und darum, Cheerleading als eigenständigen Sport zu etablieren. Inklusive Meisterschaften auf nationaler und internationaler Ebene. Selbstverständlich ist nicht alles Gold, was glänzt, aber zweifellos geht es in die richtige Richtung.

Wir werden also, und das ist die einzige Quintessenz zu der wir hier gelangen können, Mehrdeutigkeit und Differenzierungsproblematiken aushalten müssen. Cheerleading ist sowohl das, was ihm entlang von Sexismuskriterien vorgeworfen wird, als auch das, was man ihm zugutehält. Mit einer Tendenz zu letzterem, die man nicht leichtfertig abtun oder verbieten sollte. Das tut ALBA Berlin, und das sollte in all der Aufregung auch kurz erwähnt werden, übrigens nicht. Wie der Verein sich diesbezüglich aufstellt, ist seine Sache, was andere Vereine machen, ist ihre. Dass wir aus zutiefst sexistischen Verhältnissen kommen und uns nur in Minischritten ganz allmählich aus ihnen befreien, realisieren glücklicherweise immer mehr Menschen. Manches wird auf dem Weg in eine gleichberechtigte und inklusive Gesellschaft tatsächlich verboten oder abgeschafft werden müssen. Vieles wird Zeit und Kraft brauchen, um sich weiterzuentwickeln.
In diesem Fall plädieren wir für Entwicklung. Auch und gerade, weil anders zu entscheiden hieße, bereits erstrittene Fortschritte zu liquidieren. Nicht nur in diesem Sinne ist ,kein Cheerleading‘ auch keine Lösung.