So oft, wenn ich über Kolumnenthemen nachdenke, möchte ich über meinen Sohn schreiben.

Als zehnjähriger Fünftklässler ist er das superste Kind, aber er will auch gerne groß sein und ist leider auch fasziniert von den Großen, die ihre Kleinheit mit Mackertum verdecken. Ich bin so oft so wütend auf diese pimmelige Dickhosigkeit, bei der es nur darum geht, als stärkster, mächtigster oder sonstwie geilster Typ zu gelten, wofür vermeintliche Schwächen der anderen als Anerkennungs-Trampoline benutzt werden. Dann werde ich wütend auf die Eltern, die ihren Kindern anscheinend weder Gewaltfreiheit vorleben noch ihnen mit so viel Respekt begegnen, dass diese denken könnten, ihre Meinung, oder noch krasser – ihre Gefühle – würden ernst genommen. Gleich danach fällt mir auf, dass mein Sohn sich gerade auch nicht jeden Tag wie der beste Menschenfreund verhält, und ich halte den Ball der Verurteilung schnell flacher. Apropos Ball, das ist eine prima Überleitung: Denn während ich also gerade jeden Tag rumspagate zwischen Mackerverhalten tolerieren, kommentieren oder untersagen, sehe ich ein Video von einem – knickknack – Fussballspieler. Javier Hernández telefoniert mit seinen Eltern, um ihnen mitzuteilen, dass er nach einer zehnjährigen Karriere im europäischen Fußball von Sevilla zu L.A. Galaxy in die MLS wechselt. Für Millionen!

Vorher denke ich in die Schublade: Der wird ja ordentlich damit angeben, wie viel er jetzt verdient, und wie er alle kaputtverhandelt hat und dass er sich jetzt einen Lamborghini Hurakan kauft, von dessen Motorhaube sein geairbrushtes Konterfei alle verhöhnt, die sich sowas nicht leisten können. Nachdem ich das Video gesehen hatte, habe ich statt einer Schublade einen großen Notizblock in der Hand, auf dem oben ganz groß „Parenting Goals“ steht.

Hernández ruft also seine Eltern an, um sie über den Wechsel zu informieren. Er weint, weil sich nach seiner Karriere bei den besten Vereinen Europas der Wechsel in die USA anfühlt wie der erste Schritt in Richtung Ruhestand. Er ist nostalgisch. Seine Eltern spenden ihm auf empathische, elternliebende Weise Trost, haben Verständnis für seine Gefühle, sind bestärkend, voller Stolz auf die Leistungen ihres Sohnes und machen ihm Mut für das, was kommt. Alles das! Echt! Es geht weder um Geld, noch darum, dass er gefälligst mal aufhören soll zu heulen. Statt blödes Macker- und Dickhosentum zu reproduzieren, passiert hier, was eigentlich immer passieren sollte: Eltern erkennen die Gefühle ihres Kindes an und geben ihm bedingungslosen Rückhalt.

Wenn mein Sohn gerade die Wahl hätte zwischen dafür geliebt werden, was er ist und einer Gucci-Mütze, würde er die Mütze nehmen. Aber ich liebe ihn natürlich trotzdem genau so weiter, entlarve die Scheißheit des Mackertums und hoffe, dass wir in 30 Jahren auch so telefonieren können.

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