Im Kaufhaus bei mir um die Ecke gibt es eine Spielwarenabteilung.

In dieser „Spielwarenabteilung“ finden man neben Puzzles, Plüschhasen und anderem pseudo-entwicklungsförderndem Kram ein riesiges, knallpinkes Plastikungetüm in Form eines Maniküresalons. „Ab zwei Jahren“, säuselt die Verkäuferin, „aber wenn sie stillhalten auch früher.“ Eigentlich keine Überraschung; für Ohrringe stechen scheint es auch kein Mindestalter zu geben und Nagellack wirkt dagegen ja noch harmlos.

Warum rege ich mich also auf? Nagellack kann doch Spaß machen und zwar sowohl Mädchen als auch Jungen. Es gibt knallige Farben und witzige Designs, also was ist das Problem? Ich hätte den Haken auch fast geschluckt – seine Nägel mit ungiftigen Farben wie 10 kleine Marienkäfer anzumalen ist bestimmt lustig und potentiell kreativ. Und was ist mit kleinen Abzieh-Tattoos und ähnlichem? Alles kein Problem. Kinder ahmen seit Ewigkeiten Erwachsene nach. Aber machen wir uns nichts vor: Der Firma, die dahinter steckt, geht es nicht um Kreativität, Selbstentfaltung, Stimulierung und unschuldigen Spaß. Der Tisch ist pinker als Paris Hiltons Pumps und umringt von Kosmetikprodukten, Schmuck und Federfächern. Grundfarben: Fehlanzeige. Willkommen in der Goldgrube der Spielwarenindustrie, dem Markt für Kinderkosmetik. Das Spiel heißt „schön sein“. Und Schönheit wird den Mädchen des 21. Jahrhunderts als primäres Ziel verkauft.

Der Maniküretisch trägt den Namen TANTRUM (Trotzanfall). Das weckt wirklich angenehme Assoziationen: Diva, irrational, stur, verzogen, gierig, anstrengend, bockig, unzufrieden, unangenehm und – ganz wichtig natürlich – kindisch. Was für ein cleverer und witziger Markenname! Schließlich sind die Kleinen von Haus aus herrschsüchtig und zickig. Schönheit und Konsum sind genau das, worauf die kleinen Miezen abfahren – umwerfend komisch.

Kommen wir zum Punkt. Kosmetik für Kinder – warum nicht?

Da es anscheinend keiner hören will, kann ich mir die naheliegenden Argumente auch sparen: „Es ist billig, geschmacklos, materialistisch, macht eitel und HÖRT ENDLICH AUF, EUCH DURCH EURE KINDER AUSZULEBEN“ (Na ja, haben wir uns nicht alle schon mal dabei ertappt?). Der gesunde Menschenverstand ist offensichtlich überholt und überschätzt. Und in gewisser Weise ist das auch berechtigt, denn scheinbar denken die Eltern, die dieses Zeug kaufen, dass es ihre Töchter tatsächlich selbstbewusst macht – natürlich. Wenn sie um die negativen Folgen wüssten, würden sie es ja nicht tun, oder? Oder?

Was ist mit Parabenen und dem ganzen Müll? „Der Lipgloss hier für Zweijährige ist ungiftig“, beteuert ihr. „Außerdem sind wir nicht alle solche Müslitanten; wir lieben Phenoxyethanol.“ Okay, ich kann euch also nicht vom rein gesundheitlichen Standpunkt überzeugen, dass es nicht so toll ist, die Poren eurer Kinder ständig vollzukleistern – wen interessiert das schon?

Was macht es also für einen Unterschied, ob ein Kind seine geschminkte Mutter nachahmt oder ob man ihm direkt Kosmetik verkauft? Vielleicht ist ein Ausflug ins kommerzielle Lipgloss-Lala-Land etwas anderes, als wenn Mama die Schminkversuche ihrer Kinder stillschweigend duldet. Höchstwahrscheinlich bietet Mamas Schminktopf nur eine begrenzte Auswahl an Farben und hat deshalb weniger Verführungskraft. Vielleicht ist das Schminken beim „Erwachsen-sein-Spiel“ etwas anderes, als sich zu schminken, weil deine ganzen fünfjährigen Freundinnen es auch tun oder weil du denkst, dass du ohne Kosmetik hässlich bist. Vielleicht ist die unschuldige Neugier, was Mama da mit ihrem Gesicht anstellt etwas anderes, als wenn sich Kinder auf dem Schulhof einen Schönheitswettbewerb liefern. Vielleicht ist der Satz „Na gut, du darfst es mal ausprobieren, aber eigentlich ist das für Erwachsene“ etwas anderes, als wenn Verwandte einem Kind Make-up schenken und sich sichtlich für dessen Äußerlichkeiten begeistern.

Kleinen Mädchen Kosmetik zu verkaufen ist der reine Sexismus. Aus welchen Gründen werden Jungen nicht angesprochen? Diese Gründe sollten auch für Mädchen gelten – schließlich sind sie auch Menschen. Und wenn es bei dem verdammten Make-up-Terror wirklich nur ums Spielen geht, dann hört auf, dem Ganzen einen pinken Stempel aufzudrücken und erlaubt allen Kindern, sich wie Glitzerclowns anzumalen. Kinder lieben es, sich zu schminken, also schminkt sie. Aber verschönert sie nicht, das ist etwas anderes. Mädchen kommen nicht mit dem Wissen auf die Welt, dass sie als menschliche Dekoration dienen sollen. Sie sind wie die meisten Kinder glücklicher, wenn sie sich im Matsch suhlen können. „Meine Tochter macht sich gerne hübsch“, behauptest du, „und ich habe sie immer nur in grau gekleidet – es muss also angeboren sein.“ Tja, Mädchen wachsen nicht in einem Vakuum auf. Sie werden von ihrer Umgebung beeinflusst und lernen ständig, wie man auszusehen hat und dass „hübsch“ erstrebenswert ist. Sie scheinen also das Schönheitsspielzeug zu mögen – na und? Kinder fanden es auch toll, Schokozigaretten zu „rauchen“. Dann bewegte sich unsere Gesellschaft einen Millimeter nach vorne und erkannte, dass Rauchen ein gesundheitspolitisches Problem ist. Inzwischen sind Spielzeugzigaretten nicht mehr so beliebt.

Sich selbst zum Begehrensobjekt zu machen ist ebenfalls ein gesundheitspolitisches Problem. Eine Studie von Grabe und Hyde aus dem Jahr 2009 zeigt Zusammenhänge zwischen Selbstverdinglichung und einem gestörten Körperbild, Essstörungen, Angststörungen und verminderten schulischen Leistungen. Glauben wir ernsthaft, Kinderkosmetik würde nicht zur Selbstverdinglichung beitragen? Dass Kinder, die von jedem wohlmeinenden Hinz und Kunz hören, wie süß und hübsch sie sind (und wie süß und hübsch ihre Haare, ihre Nägel und ihre Klamotten sind) keine ungesunde Selbstfixierung entwickeln? Weil wir scheinbar seit Ewigkeiten über diese Themen reden, sind wir abgestumpft. Aber halten wir uns doch einmal kurz vor Augen, dass es für Teenager nicht normal ist, dermaßen besessen von ihrem Aussehen zu sein.

Mädchen Kosmetik zu verkaufen stellt Schminken als unverzichtbaren Teil der weiblichen Erfahrungswelt dar. Die Entscheidung für oder gegen Make-up, die Erwachsene vermeintlich haben, wird ihnen genommen; stattdessen wird eine weitere lebenslange Konsumentin von Kosmetikartikeln geprägt. Es vermittelt kleinen Mädchen: „So machen Frauen das – sie malen sich hübsch an, damit sie den Leuten gefallen und weil sie ohne anmalen nicht hübsch genug sind.“ Zusammen mit der Flut ähnlicher Botschaften, der romantischen Verklärung von Konsumartikeln und der inhaltlichen Wirkung der Farbe Rosa: Wie könnten Kinder sich diesem perfiden Marketing widersetzen?

Ich lehne die Vorstellung ab, dass die Verantwortung für Kinder allein bei den Eltern liegt und diese ihren Nachwuchs ununterbrochen zügeln müssen. Es scheint bizarr, Kinder vor der Spielzeugindustrie zu beschützen. Weshalb müssen wir für unsere Kinder ständig die grimmigen Unterdrücker geben? Können wir nicht verlangen, dass die Industrie aufhört, Kindern aus Geldgier falsche Vorstellungen einzutrichtern?

Psychologen und einschlägige Autoren haben erkannt, dass die Bewegungsfreiheit von Mädchen durch beengende Kleidung und übersteigertes Körperbewusstsein beeinträchtigt wird. Sie sprechen von „erlernter Scheu“ und „erlernter Hilflosigkeit“. Kinder, die von Sorge um ihr Äußeres und/oder unpraktischer Kleidung eingeengt werden, können nicht ungehindert spielen. Eine Fixierung auf das Aussehen geht erwiesenermaßen zulasten anderer Bereiche wie akademische Erfolge und Freizeitaktivitäten. Kosmetikprodukte direkt an Mädchen zu vermarkten ist repressiv, sexistisch und schädlich – es ist Zeit, das zu begreifen und danach zu handeln.

Elaine Johnson, übersetzt von Lena Pemöller