In Zeiten von Corona eine Sex-Kolumne zu schreiben ist in etwa so stimulierend wie ein Analplug bei Hämorriden. Aber es hilft nichts – wir müssen da jetzt alle durch.

Und erst war ich noch ganz euphorisch: Allein zu Haus und soooo viel Zeit. Genügend Zeit, um nicht nur Fenster zu putzen, Wollmäuse zu jagen und das Bücherregal nach Farben zu sortieren, sondern auch um sich stundenlang im Bett zu wälzen, neue Masturbationstechniken zu testen oder mit dem Freund Sexting zu betreiben. Aber statt sinnlicher Solomuße, liege ich kraftlos wie ein verstaubter Putzlappen auf dem Sofa oder tigere mit angehaltenem Atem durch meine Wohnung. Und selbst wenn ein Moment Lebensfreude auftaucht, dämpft der nächste Nachrichtencheck jegliche Lustempfindung. Dabei wäre jetzt es so wichtig, den Kopf auszuschalten und dem Körper Aufmerksamkeit zu schenken. Bloß wie?

In Frankreich, heißt es, seien Rotwein und Kondome ausverkauft – bei uns dagegen rennen die Leute reihenweise mit Klopapier-Paketen aus dem Supermarkt. Schon klar, Klopapier-Bondage!

Ich bin da lieber traditionell unterwegs und sichte meine feministische Pornosammlung. Aber da fast jeder Clip an einem Strand, im Park oder am Pool spielt, denke ich mehr an meinen abgesagten Spanienurlaub als an den nächsten Orgasmus. Überhaupt, Orgasmus und Denken sind keine gute Partner*innen.

Also einen Schritt zurück und endlich meinen OMGyes-Gutschein einlösen. Die Webseite erklärt und zeigt unterschiedliche Masturbationstechniken, um die weiblich gelesene Orgasmusfähigkeit zu stärken. Dabei geht es nicht um Leistungs- und Höhepunktzwang, sondern um die Entdeckungsfähigkeit des eigenen Körpers. Klingt und ist super, klappt bei mir aber gerade auch nicht. Während die Frauen auf dem Bildschirm vor Glück nicht nur feuchte Augen kriegen, muss ich weinen. Aber nicht vor Glück.

Seufzend setze ich mich hin. Ich bin komplett erschöpft und kraftlos. Kein Mensch kann sexuell Gas geben, wenn der Motor schlottert. Ich ziehe eine Karte aus meinem Yogaset: „Hingabe. Vertraue dich der einfachsten Struktur an“, steht drauf. Ich atme langsam aus, schließe die Augen, lasse ein paar Tränen über die Wangen laufen und spüre in meinen Körper, der aktuell ein verängstigtes, verspanntes, enges Ding ist, das nicht weiß, wohin mit sich. Absurd, ihm jetzt Sex zu verabreichen, wo er ganz andere Dinge braucht. Wärme, Trost, Zuversicht. Und das klappt aktuell besser mit einer Tasse Tee als mit einem Vibrator.

Hingabe heißt für mich gerade, beim Kaffee am Fenster die Vögel zwitschern hören, die ersten Sonnenstrahlen auf dem Gesicht zu spüren. In einem Buch einen Satz lesen, den ich mir noch mal auf der Zunge zergehen lasse. Alte wie aktuelle Lieblingssongs hören und mich dazu durchs Wohnzimmer zu bewegen – erst zögerlich, dann immer selbstvergessener. Oder mit Gewohnheiten brechen und statt am Schreibtisch unter der Woche diese Kolumne am Samstagmorgen im Bett zu schreiben. Und dann kommt es langsam zurück, das sinnliche Körpergefühl, die Lust an sich und am anderen. Ob das jetzt zwingend zu Sex führen muss, will ich gar nicht entscheiden müssen. Aber in Zeiten von Social Distancing sind Streicheleinheiten wichtiger denn je – egal ob man allein ausharrt, eine Fernbeziehung führt oder sich mit Partner*in und Kindern in einer zu kleinen Wohnung ballt. Wählt Hingabe in der einfachsten Struktur – mehr Verlangen geht gerade nicht.

Foto Credit: Unsplash / Mia Harvey

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