Gelegentlich bemerken wir, dass wir Pinkstinks mittlerweile schon so lange machen, dass sich ab und an eine gewisse Form von Betriebsblindheit einstellt. Sich jede Woche sexistische Motive anzuschauen und zu bewerten, ist zwar eine wichtige Arbeit, aber auch eine sehr auslaugende. Irgendwann ist es so als hätte man zu lange eine weiße Wand gestrichen – die realen Flecken verschwimmen und dafür bildet man sich andere ein. Da hilft es, wenn man durch Impulse von außen wieder einen neuen Fokus bekommt. Zum Beispiel diese kurze Notiz der britischen Autorin und Redakteurin Katherine May.

Auf Twitter schrieb sie, dass die Brüste von Frauen kein Kommunikationsmittel sind, die schreibenden Männern oder deren Protagonisten verschlüsselte Botschaften senden. Dass sie weder tanzen noch Einladungen verschicken. Mit dieser Feststellung stieß sie auf viel Resonanz – auch bei uns. Denn ein Blick in die Werbemelder*in reicht, um festzustellen, dass sich diese Nachricht offenbar noch nicht herumgesprochen hat. Überhaupt: Warum versucht Werbung eigentlich dauernd sich über Brüste mit Zielgruppen zu unterhalten? Wenn der Blick dafür wieder (nach)geschärft ist, fällt das deutlich auf. Erasco möchte uns auf die Art und Weise in einem Spot erzählen, dass die Eintopf-Saison begonnen hat und „sehr lecker“ wird.

Ein Bowlingcenter möchte sowohl auf die angebliche Ähnlichkeit von Brüsten mit Bowlingkugeln hinweisen als auch ein bisschen sprachlich verdeckt fragen, ob die Dieter Bohlen gefallen würden. Zur Erinnerung: Das ist der „Castingjuror“ der so Sachen wie „Die Schlampe muss man nehmen“ sagt.

Selbstverständlich sind Brüste auch sanierungsbedürftige Auslagen und sprechen daher eine unmissverständliche Sprache mit Menschen, deren Balkone mal repariert werden müssten.

Brüste reden mit uns auch über so wenig körperliche Themen wie Metallschnitte.

Wenn man die Werbeabteilung der Stadt Bad Harzburg ist, dann benutzt man Brüste dafür, den Tourismus anzukurbeln und „Lust auf Berge“ zu machen.

Und wer, frage ich, wer bitteschön kennt nicht die Brüste, die einen stundenlang mit Informationen über Trennscheiben und Schleiftöpfe vollquatschen?

Das ist uns ja wohl allen schon passiert. Kaum geht man auf Ausstellungsmessen, um sich über Diamantwerkzeuge zu informieren, sind da Brüste, die Verkaufsgespräche führen.

Beziehungsweise als Verkaufsobjekte gebraucht werden. Bei aller ironischen Distanzierung, die man ob der hier gezeigten Absurdität im Umgang mit Brüsten aufbringen möchte, sollte nicht vergessen werden, worum es hier geht: Um Werbetreibende, die kläglich darin versagen, Produkte für sich sprechen zu lassen, und deshalb lieber mit Brüsten sprechen. Weil sie glauben, dass es funktioniert. Weil bei ihnen immer noch nicht angekommen ist, dass die Aufmerksamkeit, die sie damit erregen, sich so gut wie nie auf das zu bewerbende Produkt überträgt. Brüste verkaufen nicht besser. Trotzdem werden sie wieder und wieder als Kommunikationsmittel eingesetzt. Egal wie zusammenhangslos.

Und bevor wieder evolutionspsychologisiert und erklärt wird, dass sich Männer „halt eben“ gerne Brüste anschauen: Niemand hat etwas gegen Sexiness. Brüste in einen sexuellen Kontext zu stellen ist oft vollkommen ok. Aber genau das ist hier nicht gegeben. Stahlschnitte und Diamantwerkzeuge sind kein sexueller sondern ein sexualisierter Kontext. Bei allen „verkaufsfördernden“ Gesprächen, die Brüste in Werbung mit uns führen müssen, sagen sie doch eigentlich immer das Gleiche: „Nimm mich!“ Wenn diese Botschaft nicht auf die Tatsache treffen würde, dass Frauen noch viel zu häufig sexuelle Belästigung erleben, wäre sie auch nicht sexistisch. Aber diese strukturelle Diskriminierung besteht und damit auch die tatsächliche Diskriminierung dieser Anzeigen. Brüste sind nur nicht keine Einladung – sie sollten auch nicht als Einladung missbraucht werden.