Unser Anti-Heidi-Film hat knapp 750.000 Views, wir geben Interviews am Laufband. Lara ruft mich morgens um 8 Uhr erschöpft aus Köln an. „So, „Guten Morgen Deutschland“ für RTL abgedreht, die bringen uns dann noch mal um „Punkt 12“. Jetzt noch Promiflash und InTouch zurückrufen, dann bin ich erst mal durch für heute Morgen. Und dann muss ich dringend zur Berlinale. Apropos, Heidi ist auch da. Vielleicht begegne ich ihr ja auf einer Veranstaltung?“

Obwohl das interessant gewesen wäre – es kam zu keiner Begegnung – hätten wir uns davon nicht viel erwartet. Es hätte auf dem roten Teppich sehr gut so laufen können:

Lara: „Hallo Heidi. Heute schon einen Anflug eines schlechten Gewissens gehabt?“

Heidi: „Nö, wieso? Ich bereite die Mädchen doch nur auf die harte Realität des Modelberufs vor! Und ich habe es doch auch geschafft, ohne Essstörungen – im Gegenteil, ich habe den tollsten Job der Welt. Jede kann das schaffen, mit genug Disziplin. Wenn meine Tochter Leni modeln wollen würde, würde ich nur sagen: Nur zu! Und ich bin alleinerziehende Mutter und füttere meine vier Kinder durch! Auch das ist Feminismus!“

Ich weiß nicht, was Lara nach Deutschlandreise und Marathon-Wahnsinn erwidert hätte und auch ich hätte mich stark sammeln müssen um dieser Überzeugung etwas entgegen schmettern zu können. Im besten Fall hätte meine Replik jedoch so geklungen:

„Liebe Heidi,

vier Kinder alleine durchzufüttern, das ist hart. Und wir wollen dich auch nicht als Model und Frau kritisieren sondern deine Marke Heidi Klum, die die frauenfeindliche Härte der Modebranche unterstützt und davon unglaublich profitiert. Hinter deinem Erfolg stehen vorrangig italienische Designer, die in den 90er Jahren das austauschbare Model geschaffen haben, um Kosten für „Supermodels“ zu senken und das „Wegwerfmädchen“ einzuführen. Nicht nur die Bilderwelt senkt das Selbstbewusstsein von Mädchen (unerreichbar schlanke Models), sondern auch die Art, wie du und deine Jury in der Sendung mit ihnen umgehst. Es wird den Mädchen an den Hintern gegrapscht, es wird über sie wie Vieh geurteilt und sie werden genötigt, sich als sexy und sogar nackt zu präsentieren obwohl viele gerade erst 16 sind. In Zeiten von #metoo müsstest du merken, dass das übergriffig ist. Wenn eine Branche so funktioniert, ist das schlimm genug. Daraus eine Sendung für Kinder zu machen, ist pervers. Das offizielle Magazin zur Sendung für 8-12-jährige zu vermarkten zeigt nur, welche Zielgruppe ihr vor Augen habt.

Letztlich weißt du, warum du diese Kids – nicht nur die in der Sendung, sondern die vor dem Fernseher – brechen musst. Weil nur mit schwachem Selbstbewusstsein Unmengen Produkte an die Frau (bzw. das Mädchen) gebracht werden können. Im letzten Jahr hat Pro7 geschätzt 60 Millionen Euro für GNTM eingenommen (wovon du einige Mille erhalten hast). Ferrero? Ernsthaft? Die ganze Sendung basiert darauf, Kinder zum Konsumieren zu bringen. Und du hast noch immer keine Gewissensbisse?

Danke für das Gespräch.“

Da all diese Sätze an Heidi vorbeigezogen wären, hätte die Konfrontation eh wenig gebracht. Was ihr aber tun könnt: Die Fastenzeit, in der die eine oder der andere vielleicht auf Zucker oder Schokolade verzichten möchte, zum Boykott zu nutzen. Bewusst darauf zu achten, welche Produkte ihr konsumiert, und ob sie nicht vielleicht nur in eurem Warenkorb landeten, weil sie unter anderem durch GNTM gefördert wurden. Das meiste Werbegeld in GNTM investiert L’Oreal (rund 10 Millionen pro Staffel), gefolgt von Proctor&Gamble, Opel, Ferrero, About You (Otto-Group) und Zalando. Von den Produktionsbedingungen bei Ferrero wollen wir gar nicht erst anfangen. Bei uns kommen Nutella und co. eh nicht in die Tüte, aber in Zukunft halten wir uns auch überall dort zurück, wo L’Oreal oder Otto hinter steht. Nicht nur für die nächsten sieben Wochen. Macht ihr mit?

Lieben Gruß! Eure Stevie