Leben mit PMDS: Hormone, Hölle, Hilflosigkeit

Monatliche Panikattacken, Verständigungsprobleme mit dem eigenen Körper und ein ergebnisloser Ärzt*innenmarathon: Unsere Autorin Nora Kaiser berichtet, wie es ist, mit prämenstrueller dysphorischer Störung zu leben, was ihr geholfen hat und warum Schweigen keine Option ist.
©Daniel Martinez

Es gab Tage, an denen mein Körper eine mir unbekannte Sprache sprach. Keine, die ich je gelernt hatte. Eher eine Art apokalyptisches Kauderwelsch aus Wut, Tränen und einer Müdigkeit, die nicht von Schlafmangel kam. Ich schaute mich selbst an und dachte: »Ach, das schon wieder.« An einem dieser Tage stand ich im Discounter, starrte auf die Tiefkühlpizza, dissoziierte und bekam im nächsten Moment eine Panikattacke – während hinter mir jemand ungeduldig mit den Schlüsseln klimperte, weil ich der Person im Weg stand. An einem anderen Tag saß ich auf dem Fahrrad, als ich plötzlich meinen eigenen Herzschlag so laut hörte wie ein Presslufthammer. Voller Panik stieg ich ab – überzeugt, dass der nächste Schlag der letzte sein würde.

 

Was ich in diesen Tagen erlebt habe, nennt sich Prämenstruelle Dysphorische Störung. Gebräuchlicher ist die Abkürzung: PMDS. Ein unspektakuläres Etikett für ein Gefühl, als würde die eigene Psyche einmal im Monat den Mietvertrag kündigen: mit Panikattacken beim Einkaufen, einem Selbsthass, der sich so logisch anfühlt wie ein Mathebuch, und dem dringenden Bedürfnis, alle Beziehungen zu beenden – inklusive der zu mir selbst. 

Unsere Gesellschaft verlangt von uns Gleichmäßigkeit und Verlässlichkeit. Wie erkläre ich in so einer Welt, dass ich manchmal am Montag noch die witzige, produktive Kollegin bin – und am Dienstag kaum den Gedanken ertrage, existieren zu müssen? Dass mein Zyklus nicht nur Blut bringt, sondern auch die komplette Demontage meiner eigenen Persönlichkeit?

 

Während viele Menstruierende sich während ihrer Periode Fragen stellen wie »Tampon oder Menstruationstasse?«, fragte ich mich lange Zeit: »Wie viele Tage bis ich wieder normal bin?« Und »normal« hieß in meinem Fall: Das Haus verlassen können, ohne das Gefühl zu haben, auf einer Bühne zu stehen und den Text vergessen zu haben.

Ein halbes Jahr lang bin ich von Praxis zu Praxis gelaufen – Gynäkolog*innen, Psychiater*innen, Hausärzt*innen. Das Ergebnis? Schulterzucken. Oder der Klassiker: »Hormonell verhüten, dann reguliert sich das schon«. Als ob man eine Flut mit einem Regenschirm aufhalten könnte. Ich fühlte mich nicht ernst genommen. Mein Leiden war messbar, aber offenbar nicht wichtig genug, um es ernsthaft zu behandeln.

 

Dabei ist die Sache wissenschaftlich belegt: Studien zeigen, dass PMDS keine Einbildung ist, sondern eine extreme Reaktion auf den natürlichen Abfall des Hormons Progesteron kurz vor der Periode.¹ Das Gehirn reagiert überempfindlich auf diesen Wechsel. Besonders auf den Abfall von Progesteron und dessen Abbauprodukt Allopregnanolon reagieren die Nervenbahnen so, als wäre Gefahr im Verzug.² Das ist keine Launenhaftigkeit, das ist Biochemie.

Als ich feststellte, dass ich von Ärzt*innen keine angemessene Beratung oder Behandlung erwarten konnte, begann ich, mich selbständig durch Studien zu arbeiten – in der Hoffnung, Antworten zu finden. Und tatsächlich fand ich welche. Ich las, dass Antidepressiva helfen könnten. Irgendwann, als meine Not zu groß wurde, ließ ich mir welche verschreiben. 

 

Und plötzlich: Linderung. Schlagartig. Es war kein Wunder, kein Heiligenschein, keine plötzliche Glückseligkeit – aber es war, als hätte jemand den Lautstärkeregler meiner Symptome heruntergedreht. Plötzlich konnte ich einkaufen gehen, ohne mich an der Kasse förmlich aufzulösen. Ich konnte wieder Fahrrad fahren, ohne dass sich mein Herz wie ein defekter Motor aufführte. Für mich war es das erste Mal seit Monaten, dass ich den eigenen Zyklus nicht mehr als Endgegner empfand, sondern eher als lästigen, permanenten Mitbewohner. 

Warum mir die Medikamente so halfen, ist medizinisch schnell erklärt: Bei PMDS scheint das hormonelle Ungleichgewicht in der zweiten Zyklushälfte den Serotoninstoffwechsel durcheinander zu bringen. Serotonin ist ein Botenstoff, der Stimmung, Schmerzwahrnehmung und den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert.³ Moderne Antidepressiva stabilisieren den Spiegel dieses Botenstoffs im Gehirn. Wo sonst jeder Progesteronabfall eine Lawine an Panik und Traurigkeit lostritt, sorgen die Medikamente für eine Art Puffer. 

Für mich bedeutet das: Mit den Medikamenten habe ich noch leichte Stimmungsschwankungen. Ich bin ein bisschen empfindlich, vielleicht weinerlich. Aber es ist kein Vergleich zu damals, als mein Zyklus regelmäßig meine Existenz zersägte.

 

Es gibt also Hilfe. Neben Antidepressiva können auch bestimmte Hormontherapien, eine kognitive Verhaltenstherapie sowie ein achtsames Zyklus-Tracking sinnvoll sein. Informationen dazu bieten z.B. die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) sowie der Verein PMDS Hilfe e.V..

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  1. Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V.
  2. Verein PMDS Hilfe e.V. 

Was zu sagen bleibt: PMDS ist nicht schön. Es ist nicht inspirierend. Es ist nicht »Teil meines Weges«. Es ist, als wäre die eigene Haut zu eng. Es ist Panik, Selbsthass und Kontrollverlust. Über PMDS zu sprechen ist nicht schön, aber wichtig. Es bedeutet, Widerstand dagegen zu leisten, dass so viele von uns im Stillen leiden und sich gleichzeitig anhören müssen, wir sollen doch einfach meditieren und uns nicht so anstellen. Über PMDS zu sprechen bedeutet, die eigenen Symptome ernst zu nehmen, Behandlungsmöglichkeiten zu finden, Versorgungslücken zu benennen und Verständnis einzufordern. Denn das brauchen wir: Verständnis – nicht als nett gemeintes Schulterklopfen, sondern als Haltung. Als: zuhören, glauben, informieren, begleiten. 

 

Endometriose schafft es langsam in die Öffentlichkeit. PMS – und erst recht PMDS – sind da noch nicht. Wer nicht darüber spricht, bleibt allein, und Alleinsein macht krank. Schweigen schützt niemanden: nicht die, die jeden Monat mit Panik, Selbsthass und Kontrollverlust kämpfen, und auch nicht die, die glauben, »das sind halt die Hormone« sei eine Erklärung.

 

Darum: Wenn du betroffen bist, sprich darüber. Fordere Hilfe ein. Teile Quellen. Jede Stimme macht es dem nächsten Menschen leichter, nicht in der Tiefkühlabteilung zu zerbrechen, sondern eine Sprache für das zu finden, was da passiert.

Disclaimer Copy

Wenn wir von Frauen und Männern sprechen, beziehen wir uns auf strukturelle gesellschaftliche Rollen, die weiblich und männlich gelesene Personen betreffen. Gleiches gilt für die Adjektive »weiblich« und »männlich«. In Statistiken und Studien, die wir zitieren, wird leider oft nur zwischen Frau und Mann differenziert.

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