Männer können doch immer?!

Männer können doch immer?!

Stockfotos für Erektionsprobleme ähneln sich häufig: Ein Mann sitzt auf der Bettkante und sieht ausgesprochen sorgenvoll aus. Er kratzt sich den Kopf, vergräbt die Hände im Gesicht oder blickt beschämt verzweifelt zu Boden. Im Hintergrund eine oftmals unscharfe Frauengestalt, die Anzeichen von Unzufriedenheit zeigt. Enttäuschter bis verächtlicher Blick, Arme verschränkt.

Textlich ist es auch nicht viel besser. „Impotenz bei Männern. Wenn der kleine Freund nicht mehr mitspielt“ überschreibt der Stern einen Text, der eigentlich eine adäquate Übersicht über die möglichen Gründe von Erektionsstörungen und etwaige Lösungsansätze darstellen soll. „Der kleine Freund“ also. Mannmannmann, das ist wirklich kurz vor „Glied, Hihihi“ Witzen aus den späten 90ern bzw. frühen 00er Jahren. Krass witzig einfach. Schwanz. Penis. Bwahaha. Unfassbar lustig (hier bitte Augenverdreh-Emoji einfügen). Ganz wichtig natürlich auch mit dem Begriff „Versagen“ zu arbeiten. Zum Beispiel in Überschriften wie „Junge Männer versagen im Bett – weil sie zu nett sind“.

Es ist ein Elend. Das ganze Thema ist so tabuisiert und mit Anforderungen und Klischees überfrachtet, dass ein entspannter Umgang überhaupt nicht möglich scheint. Denn es geht um Leistung, Männlichkeit, Außenwirkung, Druck, Macht und patriarchal geskripteten Sex. Und leider eben kaum bis gar nicht um Körper, Intimität, Lust, Selbstbestimmung und Spaß. Von allen Seiten wird sich an schlaffen Schwänzen abgearbeitet: Du musst dies, du musst das, hier drei Übungen, mit denen du deine „schlaffe Nudel“ in den Griff bekommst. Psyche hier, Ernährung da, wie ist eigentlich dein Fitnesslevel, was macht dein Pornokonsum, Mann, was ist denn los mit dir?!

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Und wenn Männer doch mal darüber sprechen, dann tun sie es als Männer, die in der Vergangenheit mal davon betroffen waren, jetzt aber ihr Problem überwunden haben und penetrativen Sex wieder in der geforderten Härte angehen können. Wie der Moderator Hinnerk Baumgarten, der darüber in einem kürzlich erschienenen Buch berichtet. Ein dazu ausgestrahlter Beitrag des Senders RTL mit dem Titel „Tote Hose trotz Viagra“ ist dann auch ein Fest an krampfigen, peinlich berührten Zoten und einem so unfassbar eindimensional-langweiligem Männerbild, dass man nicht weiß, ob man sich und die eigene Sexualität schnellstens davor in Sicherheit bringen oder doch lieber alle Beteiligten trösten sollte, weil hier wirklich niemand klarzukommen scheint.

„Er lässt im Interview die Hosen runter.“
„Wenn plötzlich der Matratzensport zur Hängeparty wird und Mann selbst mit Potenzmitteln nix mehr zustande bringt.“
„Er macht ein schlüpfriges Geständnis.“
„Er hatte im Bett einen Durchhänger.“
„Zurück zu sicherer Manneskraft finden.“

Meine Fresse, ist das alles freudlos und furchtbar. So geht das wirklich nicht weiter. Am besten fangen wir von vorne an:

Erektionen sind keine Bringschuld. Niemand hat Anrecht auf eine Erektion. Niemand muss sie leisten. Penetrativer Sex ist weder die einzige Art von Sex noch „die Königsklasse“. Nicht-penetrativer Sex ist kein Vorspiel, sondern Sex. Penetrativer Sex muss keinen erigierten Penis beinhalten.

Das Problem beginnt also nicht damit, dass keine Erektion „zustande gebracht wird“, sondern mit der Erwartungshaltung, dass sie für Sex dringend erforderlich ist. Sie definiert den Mann. Sie charakterisiert ihn buchstäblich als potent, also mächtig. Erst ein erigierter Penis macht einen Mann zum machtvollen Ficker. Und die Art und Weise, wie wir Männlichkeit erzählen, läuft genau darauf hinaus: Erweise dich als machtvoller Ficker, um dich als Mann zu beweisen. In diesem Kampf ist dein erigierter Schwanz deine Waffe. Dein Knüppel. Deine Latte. Dein Hammer. Dein Säbel, der juckt, weil es Krieg gibt, um mal einen in die Jahre gekommenen Herrenwitz von Jürgen von der Lippe zu zitieren. Was aber, wenn du unbewaffnet bis? Wenn die Erektion ausbleibt, dann ist „tote Hose“. Dann „regt sich da unten nichts mehr“. Dann bist du ein „Schlappschwanz“. Ein schlaffer Penis ist aber nicht tot. Er muss sich auch nicht um Regungsbefehle scheren, egal wie hartnäckig und fordernd sie vorgetragen werden. Mit einem schlaffen Penis kann man ziemlich geilen Sex haben und mit einem erigierten ziemlich ätzenden. Und umgekehrt.

Eine Erektion garantiert nichts. Aber genau so wird in heteronormativen Kontexten gedeutet. Erektionen gelten als unmissverständliche Eindeutigkeit und als Einverständnis. Erektionen erlauben vorgeblich Wortlosigkeit. „Gut, der Penis ist steif, er will mich, er will Sex, dann ist ja alles klar.“ Nichts ist klar, alles muss besprochen werden. Erektionen sind kein Ersatz für enthusiastische Einvernehmlichkeit. Im Gegenteil. Es gehört zu den klassischen Vergewaltigungsmythen, dass ein Vergewaltigungsopfer keine Erektion haben kann, obwohl genau das möglich ist. Männer können auf extremen Stress, auf eine Bedrohungssituation und Gewalt mit einer Erektion reagieren. Sie können aber auch auf extreme Lust, auf sexuelles Wohlbefinden und Intimität mit keiner Erektion reagieren. Es wird also allerhöchste Zeit, mit erigierten und schlaffen Penissen deutlich entspannter umzugehen und sie nicht ständig als ultimativen Ausweis für etwas heranzuziehen, das sie bedeuten können, aber nicht müssen. Diese Zwangsproblematisierung muss endlich aus den Köpfen.

Und wenn es wirklich ein Problem ist, dann darf es ein Problem sein, für das man nach Rat und Hilfe fragt und Lösungen sucht. Erektionsprotzereien machen mich ebenso wenig zum Mann wie Männer, die unter Erektionslosigkeit leiden, mit meinen Ansichten darüber zu belästigen, warum sie angeblich keine Beratung, Pillen oder sonstige Hilfsmittel brauchen. Einen schlaffen Penis zum neuen Männlichkeitsgötzen über erigierte Penisse zu erheben, ist eben auch nur Protzerei und keine Lösung. Vielleicht könnten wir uns alle miteinander von dieser elenden Schwanzfixierung in Sachen Männlichkeit lösen. Das hätte auch den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass wir trans Männern nicht aufgrund ihrer genitalen Grundausstattung ihr Mannsein absprechen.

Nicht, dass wir uns missverstehen: Schwänze sind super. Klein, groß, dünn, dick – mit Penissen kann man eine Menge Spaß haben. Und erigierte Penisse können sich ziemlich gut anfühlen – für alle Beteiligten. Aber so ein zarter, butterweicher Penis kann auch eine richtig feine Sache sein – für alle Beteiligten.

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Wenn wir in unseren Texten von Frauen und Mädchen bzw. Männern und Jungs sprechen, beziehen wir uns auf die strukturellen und stereotypen gesellschaftlichen Rollen, die alle weiblich und männlich gelesenen Personen betreffen. Wenn wir die Adjektive „weiblich” oder „männlich” benutzen, beziehen wir uns ebenfalls auf die stereotypische gesellschaftliche Verwendung der Begriffe. Häufig greifen wir auch Statistiken auf, die meistens leider nur die binären Geschlechter “Frau” und “Mann” berücksichtigen. 

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Bildquelle: Pinkstinks Germany e. V.