Wenn das hier ein Motivationsschreiben wäre, um sich auf einen Job zu bewerben, dann hätte es einen sehr ungewöhnlichen Inhalt:

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte auf absehbare Zeit nicht führen. Ich bin gut mit Texten, sozialen Medien, Kampagnen und Presseterminen, aber ich habe kein Interesse daran, den Laden hier mal zu übernehmen. Ich möchte anderen Leuten keine Anweisungen geben, das liegt mir nicht. Ich arbeite gern mit Menschen zusammen, die schwer was auf dem Kasten haben und lauter Dinge können, die ich nicht kann. Und ich freue mich über jemanden, der die Verantwortung für das Ganze übernimmt, eine Vision hat und alles zusammenhält. Ich bin ganz sicher nicht diese Person.

Was wie ein holpriger Einstieg für den „Nennen Sie uns Ihre Schwächen“ Teil eines Bewerbungsgespräches klingt, ist in Wahrheit für einen Mann beinahe schon revolutionär. Unambitioniertheit gilt als unmännlich. Mann will ja schließlich vorankommen. Oder wie man heute sagen würde: Alpha sein. Der Boss. Der Imperator, König, Herrscher, Boss der Bosse, Mannmann, Löwe, Titan und was nicht noch alles für Begrifflichkeiten existieren, um zu verdeutlichen, dass man als „echter Mann“ ganz oben auf dem Pavianfelsen sitzt.

Bloß kein Beta sein. Ein Mitläufer. Einer von vielen. Kein Leader eben.
Warum eigentlich nicht? Was spricht dagegen, nicht führen zu wollen oder sich sogar führen zu lassen? Und warum eigentlich nicht auch von einer klugen und kompetenten Frau?

Ich stelle diese Frage, weil ich seit vielen Jahren zumindest abschnittweise immer wieder von solchen Frauen geführt werde, von ihnen lerne, mich mit ihnen auseinandersetze und am Ende versuche das umzusetzen, was sie sagen – auch wenn ich gelegentlich sehr anderer Meinung bin als sie.
Und weil mich genauso lange Unterstellungen begleiten, ich hätte eine verborgene Agenda und würde es eigentlich auf etwas ganz anderes anlegen. Sex nämlich. Dieser Unterstellungen zufolge hege ich mit meinem unterwürfigen Gehabe den nicht unbedingt kreativen Plan, gutaussehende Frauen so lange mit meiner gehorsamen Harmlosigkeit einzulullen, dass sie am Ende mit mir schlafen. Diese Idee lässt sich beliebig ausweiten. So mache ich hier nur auf Feminist, damit ich Feministinnen abschleppen kann. Weil ich „den Schmerz darüber einfach nicht aushalte, mit den ultraheißen Sarahs, Sabrinas und Kerstins nur richtig gute Gespräche zu führen“.

Wie verquer diese Logik ist wird schon daran deutlich, dass viele, die mir und anderen Männern solche Motive unterstellen, gleichzeitig davon ausgehen, dass diese Vorgehensweise die denkbar schlechteste ist. Also den Nice Guy zu spielen, während Mann doch den Alpha markieren sollte. Weil Mann ja andernfalls „gar keine vernünftige Reaktion“ bekommt (Merke: Nein, Geh weg, kein Interesse = gar keine vernünftige Reaktion). Weil „nur Vierjährige ‚Hey, ich mag dich‘ sagen“.

Aber spielen wir doch einfach mal das anscheinend Undenkbare durch: Was, wenn „Hey, ich mag dich“ sagen total erwachsen sein kann?
Was, wenn heterosexuelle Männer mit attraktiven Frauen zusammenarbeiten, befreundet oder einfach nur bekannt sein können, ohne mit ihnen Sex haben zu wollen? Wenn sie ihre Männlichkeit nicht nur über ihr Begehren und dessen erfolgreiche Manifestation validieren?
Was, wenn sich führen zu lassen nicht unmännlich ist?

Ich behaupte, dass wir erst dann von freien Männern sprechen. Denn die Idee der optimierten, machtvollen, bestimmenden Männlichkeit ist im Kern immer eine Verstümmelung. Sie kommt mit Befreiungsrhetorik daher, mit „Mindsets zum Erfolg“ und mit „Schritten zur wahren Männlichkeit“ – und bietet doch nur aufgebrezelte Versionen von Unfreiheit. Männlichkeit ist kein Selbstoptimierungsprozess. Männer müssen sich nicht nach vorne pushen, ihre Ängste überwinden, „Probleme als dornige Chancen“ identifizieren, „ihre Eier festschrauben“ und an ihren Fehler wachsen.
Schwäche, Scheitern, Passivität, Angst, Zaudern und Ohnmacht sind Teil des menschlichen Verhaltensspektrums. Wer Männern diese Dinge qua Geschlecht abspricht, der betrügt und bestiehlt sie. Wer meint, dass „echte Männer“ führen müssen, der hat nicht besonders viel, sondern in Wahrheit herzlich wenig von der Komplexität menschlicher Interaktion verstanden.

Auch in dieser Hinsicht hat Feminismus Männern als Ermächtigungsstrategie einiges zu bieten. Jenseits von Kontrollzwängen, Machtansprüchen und Macherphrasen liegt die Freiheit, über die eigene Identität zu verfügen: Das sind meine irrationalen Verlustängste um meine Kinder, verdammt noch mal. Mein aufrichtiges Interesse an meinen Mitmenschen, die gerne auch Frauen sein dürfen. Mein Unwillen und Unvermögen, andere Menschen zu führen. Lass gefälligst die Finger davon, „wahre Männlichkeit“! Das bin ich, das gehört mir.

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