Es scheint DAS Thema der Stunde zu sein: Alte weiße Männer geistern überall durch das deutschsprachige Feuilleton, sie werden herausgefordert oder angeklagt, sie winken ab oder verteidigen sich. Er ist wahlweise für den meisten Mist verantwortlich, der gerade schief läuft, oder feiert sich dafür, dass er doch eigentlich so ziemlich alles am Laufen hält und sich dafür aber gerade in letzter Zeit fiese Sachen anhören und gefallen lassen muss. Da kommt das Buch Alte Weisse Männer von der Autorin und Moderatorin Sophie Passmann gerade zur rechten Zeit. Denn nicht erst seit der #MeToo Debatte wird immer deutlicher, wie viel Verunsicherung und Gesprächsbedarf es jenseits knallharter, unverrückbarer Positionen gibt. Kein Wunder, dass Passmann ihr Werk mit Ein Schlichtungsversuch untertitelt. Wer sind diese alten weißen Männer, mit denen Schlichtungsgespräche geführt werden müssen? Und wer ist eigentlich Sophie Passmann?

Für die jüngeren, medienaffinen unter uns beantwortet sich die Frage von selbst: Sophie Passmann ist diese smarte, schlagfertige Frau, die für Böhmermanns Neo Magazine Royal schreibt, beim Radiosender 1Live moderiert und Twitter bis zum Endlevel durchgespielt hat. Über 70.000 Leute folgen ihr da und erwarten bissige, feministische Gesellschaftskritik in Lichtgeschwindigkeit. Und Passmann, die sich selbst entspannt als Witzemädchen bezeichnet, liefert mühelos ab.

Sie schafft es sogar mit einer Mischung aus Selbstironie und Ernsthaftigkeit die Mitgliedschaft in der SPD cool aussehen zu lassen.

Als derart ausgestattete Mitzwanzigerin scheint sie die ideale Besetzung für Begegnungen mit und Beobachtungen von alten weißen Männern zu sein. Und genau das hat sie für ihr Buch gemacht. Sich mit Ulf Poschardt, Rainer Langhans, Robert Habeck, ihrem Vater und vielen anderen getroffen, um herauszufinden, wer genau dieser alte weiße Mann eigentlich ist, was er will und wie man mit ihm umgehen sollte. Herausgekommen sind 16 Gespräche mit Männern, von denen einige zwar alt und weiß sind, aber nicht unbedingt dem entsprechen, was zumeist unter der Idee oder dem Feindbild des alten weißen Mannes zusammengefasst wird. Einen heißen Jahrhundertsommer lang reist Passmann hierhin und dorthin, trifft sich in Büros, Cafés oder an der Spree, stellt Fragen, hört zu, trägt zusammen. In vielerlei Hinsicht funktioniert das ganz großartig. In manchen Punkten scheitert es krachend. Aber der Reihe nach.

Sophie Passmann löst mit ihrem Buch ein, was sie sich vorgenommen und ihren Leser*innen versprochen hat. Die Annäherung an diese Männer und das Phänomen alter weißer Mann wird nicht nur behauptet, sondern findet tatsächlich statt. Eine Autorin wie Passmann hätte sich mit Leichtigkeit hinter ironisierten Finten und Distanzierungen verstecken und ihre Gesprächspartner vorführen können. Stattdessen räumt sie ihnen die Möglichkeit ein, klüger und informierter zu wirken als die Autorin selbst, und lässt zu, beeindruckt, irritiert oder einfach nur gelangweilt zu sein. Passmann will gegen diese Männer nicht gewinnen, sie will wissen. Daher sind die eingestreuten Selbstentblößungen auch beinahe interessanter als das, was man über ihr jeweiliges Gegenüber erfährt. Wenn sie zum Gespräch mit ihrem Vater Sätze schreibt wie „Meine Kindheit ist mein Vater“ und sich mit ihm über sexistische Witze streitet, dann hofft man einfach nur, dass dies nicht das letzte Buch der Autorin gewesen ist. Und ein Wunschthema hätte man auch schon.

Aber da gibt es ja noch dieses Buch. Und das ist zwischen all den lesenswerten Zeilen über alte und nicht ganz so alte weiße Männer ziemlich zaghaft – um nicht zu sagen: verunsichert. Auch wenn andere ihr ein „Bemühen um ein Verständnis für radikalen Feminismus“ unterstellen, fehlt von Radikalität jede Spur. Das wäre trotz ihrer beeindruckenden Punchlinedichte auch gar nicht Passmanns Ding. Sonst würde sie nicht so beiläufig über „neureiche Fashion-Mädchen“ lästern oder in einem Gespräch mit Jan Fleischhauer für den Spiegel intersektionelle feministische Arbeit abkanzeln.

Scheinbar hat sie diese Dinge nicht bis zum Endlevel durchgespielt. Auch die Auswahl ihrer Gesprächspartner wirkt verblüffend harmlos. Die Männer, über die man sich als Gesprächspartner von Passmann gefreut hätte, tauchen allenfalls als Schattenmänner auf. Matthias Matussek zum Beispiel, dem man bei seiner Alter-Weißer-Mann-Werdung zuschauen konnte. Oder Akif Pirinçci, der den alten weißen Mann in seiner ganzen geifernden und widerlichen Selbstgerechtigkeit verkörpert, aber eben nicht weiß ist. Wobei bei aller Freude am Spektakel auch klar sein muss, dass Annäherungen und Schlichtungsversuche in diesen Fällen vermutlich nicht möglich gewesen wären.

Am befremdlichsten wirkt der Text, wenn Passmann selbst auf das Konzept alter weißer Mann hereinfällt und mitspielt, ohne es zu merken. Wenn sie sich von Macht und Prestige wegdrücken lässt. Beim jungen weißen Mann und Parteifreund Kevin Kühnert stellt sie ganz selbstverständlich die Frage danach, ob er es nicht schwierig fände, dass er statt einer Frau den Juso Vorsitz innehat. Beim Chefredakteur vom ZEITMagazin lässt sie das bleiben.

Trotz dieser Schwächen ist es ein gelungenes Buch. Nicht zuletzt auch deshalb seinen Prämissen folgt und Versprechen einlöst. Ohne diese Schwächen wäre es ein anderes Buch mit anderem Fokus. So aber wirkt es – und das ist so positiv wie nur irgend möglich gemeint – wie eine ausführliche, gute politische Talkshow, die wir leider so noch nie gesehen haben. Alle dürfen ausreden, niemand schreit sich an. Selbst Leute, die man für eher fehlbesetzt hält, sagen interessante Sachen. Fast scheinen sie über Sophie Passmann miteinander ins Gespräch zu kommen, nehmen Fäden auf oder versuchen Argumente zu widerlegen, die sie eigentlich gar nicht gehört haben. Womöglich ist der annähernde Schlichtungsansatz der Autorin gerade für diesen Effekt nicht nur ganz nett sondern essentiell.

Alte Weisse Männer. Ein Schlichtungsversuch erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag. 304 Seiten, 12,00 €.