15 Minuten zur besten Sendezeit, mitten ins Gesicht. Was die TV-Entertainer Joko Winterscheidt und Klaas Heufer Umlauf in der Show gegen ihren Haussender Pro7 erspielten Zeit veranstalten ließen, hat ordentlich Wellen geschlagen – nicht nur in den sozialen Netzwerken. 15 Minuten über unerwünschte Dick Pics, als Flirtverhalten getarnte Übergriffe und sexualisierte Gewalt.

Das Ganze ist ein offenbar sehr notwendiger Reminder an #MeToo, #Aufschrei, #ImZugpassiert und viele andere Debatten, in denen Frauen immer wieder klar machen, wie alltäglich Sexismus und sexualisierte Gewalt sind. 15 Minuten #Maennerwelten, in denen ausgesprochen erfolgreich etwas versucht wurde, um das sich auch Pinkstinks von Anfang an bemüht: Nämlich den Mainstream mit als randständig oder gar unwichtig betrachteten Inhalten zu bestrahlen. Wenn die BILD Zeitung über dein Anliegen berichtet, dann ist das weniger ein Ausweis dafür, wie relevant dieses Anliegen ist, sondern es zeigt, wie massentauglich du es bespielt hast. Noch interessanter wird es, wenn ein Medium wie die BILD Zeitung sogar Teile der notwendigen Kritik an deinem Projekt aufgreift. Auch wenn ein Großteil dieser Kritik natürlich im BILD-Kontext unerwähnt bleiben muss, weil sie nicht so schön plakativ auszuschlachten ist wie die Tatsache, dass Joko im Rahmen einer Challenge einer Frau an die Brüste gegrapscht hat und Klaas das sexistisch kommentierte.

Wichtige Kritik wie zum Beispiel die von der Kulturwissenschaftlerin Madita Oeming,

der Autorin und Slam Poetin Ninia LaGrande

und der Autorin und Kolumnistin Jasmina Kuhnke.

Aber bei allem Respekt für Fernsehen, dass Licht auf ein so riesiges wie vernachlässigtes Problem wirft, und bei aller Zustimmung für klug formulierte Kritik, die aufzeigt, inwiefern das leider lediglich ein Schlaglicht war: Was bleibt ist auch ein wenig Resignation angesichts der Tatsache, dass wir immer noch nicht bei den Tätern und der längst überfälligen gesellschaftlichen Debatte sind. Denn auch wenn wir mit der Moderatorin des “Männerwelten” Beitrags, Sophie Passmann, hoffen, dass er ganz viele Männer zur Einsicht und zum Umdenken bewegt,

zeigt diese nächste Runde Huch, Frauen erfahren sexualisierte Gewalt, wer hätte das gedacht wieder einmal, wie weit wir noch am Anfang stehen. Wir sind immer noch an dem Punkt, an dem Betroffene überhaupt ihre Stimme gegen die allgemeine Gleichgültigkeit finden und sich selbst und anderen vergewissern müssen, dass das wirklich passiert ist, dass es ein Problem ist, Gewalt ist, und das darüber gesprochen werden darf. Wir sind nach wie vor bei einer kurz auflackernden Empörung der Good Guys über die Bad Guys, also über Männer, die willentlich und wissentlich in die Autonomie und sexuelle Selbstbestimmung von Frauen einbrechen, um ihnen Gewalt anzutun. Aber was ist mit den ganzen Good Guys, die auch nach der drölfzigsten Runde “Dick Pics sind übergriffig, sexualisierte Gewalt ist real” Runde schon wieder “zum ersten Mal” davon hören und “niemanden kennen, der sowas macht”? Was ist mit der Art wie wir Flirten, wie wir Beziehung anbahnen, mit dem was wir Jungen und Männern über Konsens beibringen (beziehungsweise eben nicht beibringen)? Was ist mit Verantwortung? Wenn fast jede 2. Frau zwischen 18 und 36 Dick Pics geschickt bekommt und davon knapp 90% unaufgefordert, wieso haben dann angeblich nur 5% der Männer ungefragt Dick Pics verschickt bei gerade einmal 22%, die jemals ein Dick Pic versendet haben?

Denn eigentlich zeigen diese Männerwelten ja das Leid in Frauenwelten. Und damit auch einmal mehr die Kraftanstrengung von Betroffenen, sich immer wieder gegen diese Dreck zu erheben, laut zu werden, Kontra zu geben. Das ist richtig und wichtig und sollte so unüberhörbar und nachdrücklich wie möglich geschehen. Aber wenn Männer nicht endlich wirklich über Männerwelten reden,

über Erziehung, Männlichkeitsbilder und die unfassbare Gewalt reden, die insbesondere von gekränkter Männlichkeit ausgeht, dann lassen auch die Good Guys die Opfer einfach nur immer weiter (auf)schreien.

Wie wird Männlichkeit gekränkt, warum wird sie gekränkt, was hat das für Folgen? Wieso glauben zu viele Männer, Frauen mit Dick Pics, sexistischen Sprüchen und Übergriffigkeiten belästigen zu können? Weshalb wird Stalking romantisiert? Warum reagieren zu viele Männer selbst auf eine Zurückweisung, die nicht netter und freundlicher formuliert sein könnte, so als hätte frau sie damit vor der ganzen Welt entblößt, lächerlich und verächtlich gemacht?

Der nächste Aufschrei kommt bestimmt. Wenn die Zeit mal wieder reif ist, die Medien an dem Thema nicht übersättigt und gerade nichts anderes ist. Aber wie oft, wie lange und wie laut wollen wir als Gesellschaft Opfer eigentlich noch schreien lassen, bevor wir die Dinge endlich beim Namen nennen, Geld in die Hand nehmen, Sendezeit zur Verfügung stellen, nachbohren, aufzeigen, Alternativen entwickeln? Wie viele Debatten braucht es noch, um die eigentliche Debatte nicht führen zu müssen?
Wann?

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