Inmitten des Skandals um Harvey Weinstein hat sich ein neuer Hastag etabliert, mit dem darauf aufmerksam gemacht werden soll, wie verbreitet sexuelle Belästigung und Gewalt ist. In meinem Freundeskreis sehe ich jetzt überall den Status: „Me too.“ Das bedrückt, in vielfacher Weise. Als Presseperson von Pinkstinks höre ich sofort die journalistische Frage dazu: „Ja, war es denn nur ein dummer Spruch oder sind Sie angetatscht worden? Womöglich vergewaltigt? Erzählen Sie doch mal.“ Oder: „Aber wo ist denn nun die Grenze zwischen flirten und unflätig sein?“ (Mit anderen Worten: „Sind Sie sicher, dass Sie sich nicht nur gehörig anstellen, Sie anstrengende Feministin?“)

Und selbst wenn die journalistische Fragen einen wertschätzenden Hintergrund haben, werden sie nicht selten in geradezu übergriffiger Weise fordernd.

Ich finde es mutig und wichtig, dass viele Frauen ihre Erfahrungen öffentlich machen und sich damit auch diesen oft unausgesprochenen Fragen in ihrer Freundesliste aussetzen. Ich frage mich aber, wie viele Frauen sich dadurch unter Druck fühlen, bei einem solchen Hashtag mitzumachen oder sich für seine Verwendung rechfertigen zu müssen. Die Zahlen, wie viele Frauen sexuelle Belästigung und wie viele sexuelle Gewalt erfahren, sind im Netz leicht zu finden. Potentiell könnte jede 7. deiner Freund*innen sexuelle Gewalt erlebt haben und drei Viertel sexuelle Belästigung. Ich finde es deshalb auch absolut verständlich, wenn eine Frau schweigt, nicht getriggert oder angesprochen werden möchte auf ihren möglichen „Me too“-Status. Bei mir persönlich trifft die Aktion auf ein Thema, das mich schon lange bewegt.

Sie sind doch vergewaltigt worden, oder nicht?

Als Feministin werde ich ständig und überall gefragt, was mir denn bloß im Leben passiert sei, dass ich so massiv für die Gleichberechtigung der Geschlechter eintreten muss. Die besorgten Gesichter deuten meist an, dass mindestens die Schilderung einer Gewalterfahrung erwartet wird. Wenn ich enttäusche und antworte, dass ich es Anbetracht des noch herrschenden Sexismus in Politik, Berufswelt und gesellschaftlichem Alltag es nur logisch finde, Feministin zu sein, kommt oft die andere Frage, die mich ärgert: „Und was machen Sie eigentlich – neben ihrem Engagement für Frauen – beruflich?“

Ich bin Geschäftsführerin der feministischen Protestorganisation Pinkstinks und arbeite hier Vollzeit für Gleichberechtigung. Mein NGO-Kollege Jochen Stay, Geschäftsführer von .ausgestrahlt (Anti-Atomkraft-Organisation) wird nie gefragt, ob er Tschernobyl oder Fukushima live erlebt hat und deshalb einem so seltenen Beruf nachgehen muss. Auch Greenpeace-, Foodwatch- oder andere Mitarbeiter*innen von Protestorganisationen müssen sich selten anhören, ob eine fiese Vergiftung in der Kindheit ausschlaggebend für ihren Aktivismus waren. „Natürlich nicht“, wird manch einer sagen, „aber das sind ja auch wirklich wichtige Organisationen!“

Ein Großteil der deutschen Gesellschaft ist sich einig: Feminismus ist ein Luxusding. Feministisch Aktive haben nichts Besseres zu tun, als – mimimi! – herumzunörgeln, anstatt sich zufrieden zu geben. Immerhin können wir jetzt wählen, arbeiten gehen und dürfen uns sogar scheiden lassen. Meine Güte, das muss doch reichen! Feministinnen verstehen nicht, was die „wirklichen“ Probleme im Leben sind, die angegangen werden müssen (und die sie angehen sollten, verdammt noch mal, bevor sie sich um die Belange ihres eigenen Geschlechts oder das von Schwulen oder anderem Memmen kümmern. Herrgottnochmal – wozu haben wir denn Frauen auf der Welt?!). Diese Abwertung, ist mein Gefühl, trifft übrigens auch, aber etwas seltener Feministen. Immerhin tun die das, was Männer nun mal tun sollen: Dem schwachen Geschlecht helfen. Das ist ziemlich ehrenwert. Nils bekommt zwar ebenso viele Emails wie ich, dass wir ins KZ gehören, verbrannt werden sollten und überhaupt Abschaum sind und wohl keine richtigen Probleme im Leben haben. Aber die Frage, warum er macht, was er macht, wird ihm seltener gestellt als mir.

Wissen Sie eigentlich, was wirkliche Probleme sind?

Nun, ich gebe zu: Ich wohne nicht in einem Kriegsgebiet und habe genug zu essen. Aber weil Krieg und Armut mich beschäftigen wähle ich Parteien, die sinnvolle Programme dagegen auffahren (was die KZ-Kommentatoren eher nicht tun, würde ich meinen). Wenn Krieg, Gewalt und Armut aber die Totschlagargumente sein sollen: Die meisten Hartz IV-Empfänger*innen in Deutschland sind alleinerziehende Mütter, ihre Kinder leiden oft an Mangelernährung. Was LSBTQI-Menschen an Diskriminierungen erleben, ist eine ständige, nervenzehrende Bedrohung. Psychische sowie sexualisierte Gewalt ist Krieg und dieser Krieg beginnt irgendwo. Zum Beispiel bei einem ständig verfügbar wirkenden Frauenbild in Medien und Werbung. Gewalt und Bilder hängen zusammen und wir bei Pinkstinks kümmern uns eben um letzteres.

Ich will mich aber gar nicht rechtfertigen müssen. Wenn Herr Müller in der Werbung arbeitet und sich nicht für Kinder in Äthiopien einsetzt, dann ist das ok – der Kerl verdient ja vernünftiges Geld! Wenn Frau Schmiedel aber nicht mit UN-Blauhelm in Somalia steht sondern gegen Sexismus in der Werbung oder Germanys Next Topmodel agiert, ist das mehr als merkwürdig. Und während man den Müller nicht fragt, was seine Kindheit mit seinem Beruf zu tun hat, werde ich ständig gefragt, was in meinem Leben schief gelaufen ist. Oder, warum ich nie in Talk-Shows auftrete. Würde ich ja gerne, liebe*r Leser*in, aber jedes Vorgespräch für die großen Talk-Shows endet immer gleich. „Warum sind Sie Feministin geworden? Welches Ereignis hat sie geprägt?“ Ich: „Es gab kein Ereignis. Ich habe mich einfach früh mit Gender-Studien beschäftigt und gemerkt, dass wir in einem Patriarchat leben, dass ich gerne beseitigt sehen würde.“ Kurz darauf kam jedes Mal die Email, dass sie es gerne etwas persönlicher und weniger differenziert hätten und mich deshalb nicht einladen würden. (Richard David Precht muss nie von seinen Eltern, seinen Kindern, seiner Privatwelt erzählen. Weil der, mit seiner Expertise Philosophie, ja wirklich was zu sagen hat.) „Stevie, du brauchst die Glasknochenkrankheit“, lachte Raul Krauthausen mich einmal an, als wir auf einem gemeinsamen Event sehr unterschiedlich behandelt wurden. Er hatte für „seine“ Randgruppe gesprochen (Menschen mit Behinderungen), ich für meine (Menschen mit Befindlichkeitsproblemen, äh, die andere Hälfte der Menschheit). Ich wurde gefragt, was mich zur Aktivistin gemacht hätte, Raul nicht. Ich war „überzogen“, Raul wurde beklatscht. Das hat ihn damals echt wütend gemacht.

Ich bekomme immer wieder Anfragen von Verlagen, ein Buch über meinen Aktivismus zu schreiben – aber nur, wenn es die ganz persönliche Story ist. Wie ich mit meinen Kindern umgehe, wie meine eigene Kindheit war, ob mich das Mutterdasein zur Feministin gemacht hätte. Wenn ich ganz klar sage, dass ich über meine Kinder nicht in der Presse spreche (und übrigens schon viel länger feministisch denke, als ich Kinder habe), passt das alles wieder nicht. Dann interessiere ich nicht.

Ich interessiere nur, wenn ich mich ausziehe. Und wenn sich dann heraus stellt, dass ich unter meiner Klamotte ziemlich normalbleich bin und nicht entweder ein Victoria Secret Model oder Shrek, bin ich sofort gähnend langweilig. Meine Kollegen Nils Pickert oder Marcel Wicker hingegen sind qua Geschlecht schillernd genug, auch, wenn Sie nur inhaltlich Stellung nehmen. Ein männlicher Feminist , das ist eine Neuigkeit an sich, da braucht man kein Drama drum herum. Der darf anführen, dass die Masse an sexualisierter Belästigung und Gewalt, die Gehaltsschere oder Frauenarmut Gründe sind, die ihn wütend machen und er sich deshalb für das Thema Feminismus engagiert – auch beruflich.

Gerade deshalb bin ich mir nicht sicher, ob #metoo nicht auch angreifbar macht, genau dort, wo wir eh schon nicht ernst genommen werden. Vielleicht ist es für manch eine stimmiger,  #mostofmyfriends zu posten. Denn der Rest? Geht niemanden etwas an.