Misswahlen sind jetzt nicht unbedingt unser Lieblingsthema bei Pinkstinks. Das liegt weniger an den Teilnehmerinnen als vielmehr an der Ausrichtung und dem Tenor bei solchen Veranstaltungen. Und die sind oft sehr limitiert, beziehungsweise offen oder verdeckt sexistisch. Selbst wenn sich in den letzten Jahren in der Branche nicht zuletzt auch aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen einiges getan hat, dreht es sich doch im Kern um die immer gleiche Sache: Spieglein, Spieglein an der Wand, gefall ich dir, darf ich das, nicht zu überlegen auftreten, harmlos tun, um Männern zu gefallen. Männern wie dem ehemaligen CEO der Miss America Wahlen, über den im Dezember letzten Jahres bekannt wurde, wie er über die Kandidatinnen des von ihm veranstalteten Wettbewerbs wirklich denkt.

In Emails, die der Presse zugespielt wurden, ging es in der Hauptsache darum, Kandidatinnen und ehemalige Gewinnerinnen verächtlich zu machen: Fettsack, Schlampe, Stück Dreck – um nur einige, aber bei weitem nicht die schlimmsten Begriffe zu nennen. 49 ehemalige Gewinnerin haben daraufhin in einem offenen Brief Druck gemacht und Konsequenzen gefordert. Seitdem kämpft der Wettbewerb um seine Existenz.

In Argentinien wollte man derlei nicht hinnehmen und ist 2014 sogar so weit gegangen, eine entsprechende Misswahl abzusagen. Und zwar mit Verweis auf die Propagierung von sexistischen Körperbildern, Essstörungen und die Reduzierung auf Äußerlichkeiten. Stattdessen wollte man Leistung prämieren und Frauen auszeichnen, die sich in ihren Kommunen durch besonders viel Hilfsbereitschaft hervortun.

Und auch in Deutschland stecken Misswahlen zwischen zarten Neuerung und sexistischen Klischees. So sind beispielsweise die Kriterien der Miss Germany Corparation, die den Titel Mister und Miss Germany vergibt, für beide Geschlechter inzwischen ziemlich gleich.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Veranstalter 2015 ziemlich viel Kritik an seinen Kriterien einstecken musste. Damals hieß es noch, dass eine Miss Germany mit Mann oder Kind an der Hand gar nicht ginge. Bei Mister Germany war das hingegen egal.

Überlebt haben diese Kriterien bei der konkurrierenden Miss Germany Organisation. Wer am Wettbewerb Miss Deutschland teilnehmen will muss zwischen 17 und 26 Jahre alt und unverheiratet sein. Außerdem keine Kinder und keine Nacktaufnahmen. Mister Deutschland hingegen sollte deutscher Staatsbürger und 18 – 35 Jahre alt sein. Kinder, Nacktaufnahmen und 9 Jahre obendrauf sind bei Männer kein Problem. Die müssen nicht so jugendfrisch sein, für Kinder sind die eh nicht zuständig und Schlampen qua Geschlecht ja auch nur Frauen. Passt schon. Wobei man sich auch hier nach 2015 neu aufgestellt und die Kategorie Mrs Deutschland eingeführt hat. Die darf zwischen 26 und 50 sein, verheiratet und Kinder haben. Aber immer noch keine Nacktaufnahmen. Dafür ist jetzt dann die deutsche Staatsbürgerschaft erforderlich. Alles sehr seltsam.

Denn insbesondere in dem Verbot von Nacktaufnahmen nur für Frauen zeigt sich eine konservierte Vorstellung von Weiblichkeit, die zumindest den Anschein von Unschuld und Unberührtheit erwecken soll. Deswegen wurde Zara Holland 2016 ihr Titel als Miss Großbritannien auch aberkannt. Sie hatte in einer Fernseh-Datingshow Sex mit einem anderen Kandidaten gehabt. Und das, so die Verantwortlichen, vertrüge sich nun einmal nicht damit, dass die Gewinnerinnen für „starke, positive Rollenbilder“ stehen sollen. Nachher haben die noch selbstbestimmt Sex wann und mit wem sie wollen. Wo kämen wir denn da hin?!

Die Logik hinter Misswahlen beinhaltet also nach wie vor die alten Ideen von Fleischbeschau und der Bevormundung eingehegter Weiblichkeit. Allerdings greift es ähnlich wie bei Germany’s Next Topmodel viel zu kurz, das den Kandidatinnen vorzuwerfen. Außerdem folgt man genau dieser Logik, wenn man die Kandidatin für grundsätzlich zu kurzsichtig und naiv befindet, um die Maschinerie normierter Schönheit hinter solchen Veranstaltungen zu erkennen. 2017 haben die Kandidatinnen um den Titel Miss Peru statt ihrer Maße und einiger biografischer Details Zahlen zu Übergriffigkeiten und Gewalt gegen Frauen und Mädchen referiert.

Das zeigt einmal mehr, dass man solche Veranstaltungen aus genannten Gründen für überflüssig halten kann. Die Kandidatinnen aber ganz sicher nicht.

Quelle Beitragsbild: Peter Komposch, flickr.