…und ein ziemlich durchschnittlicher Typ. Ich bin männlich, deutsch, weiß und lebe in einer heterosexuellen Langzeitbeziehung. Wenn ich meine Religionslosigkeit nicht in Form einer ausgeprägten atheistischen Haltung vor mir her tragen würde, wäre es schwierig, jemanden in Deutschland zu finden, der gesellschaftlich mehr privilegiert wird als ich. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb finden sich mehr als genug Dinge und Themen, über die es sich aufzuregen lohnt, weil sie mir einfach stinken. Spätestens mit der Geburt der eigenen Kinder wird man mit der Nase in all die Haufen gestoßen, denen man vorher noch nonchalant aus dem Weg gehen konnte. Mit all den üblichen Verweisen auf Desinteresse, Nichtbetroffenheit und Zeitmangel. Auch privilegiertes Leben will geplant, verwaltet und, nun ja, gelebt werden. Wie beruhigend ist es da zu wissen, dass es wahrscheinlich immer irgendwen gibt, der sich um den ganzen Kram kümmert. Der rausgeht, den Mund aufmacht, Stellung bezieht und genau die Veränderungen einfordert, von denen man selbst immer gedacht hat, dass es gut wäre, wenn das mal „irgendwie“ passiert.

Frauen sollten auch „irgendwie“ gleichberechtigt sein. Minderheiten müsste man mal „irgendwie“ vor Anfeindungen und Repressionen schützen. Mädchen und Jungen könnte man vielleicht „irgendwie“ so aufwachsen lassen, dass sie sich die Freiheit herausnehmen, zu erforschen wer sie sind und was sie machen wollen, ohne andere um genau diese Freiheit zu betrügen oder zu bestehlen.

„Irgendwie“ ist nicht genug. „Irgendwie“ wartet auf die nächste Legislaturperiode und lässt sich vom Bundesverfassungsgericht in der Frage der Gleichstellung von Schwulen und Lesben vor sich hertreiben.

„Irgendwie“ zählt auf die gesunde Selbsteinschätzung von Mädchen, denen Germany’s Next Topmodel als Bezugspunkt zur Wirklichkeit vorgesetzt wird und belächelt milde männliche Rollenbilder, die auf körperlicher Versehrtheit (Augenklappen, Narben, Holzbeine, Wunden, Handhaken) und Gewaltadaption basieren. „Irgendwie“ geht mir irgendwie tierisch auf den Sack!

Warum also nicht mal seine Privilegien aufs Spiel setzen? Keine davon habe ich verhandelt, ausbedungen, erstritten oder erkämpft. Sie sind mir im gleichen Maße zugefallen, wie sie anderen vorenthalten werden. Warum sich nicht auch mal von allen Seiten Ärger einhandeln – wahlweise wegen linkem Gutmenschenschaum vor dem Mund oder feministischer Arschkriecherei? Was würde es kosten, sich aus der Privilegiendeckung zu wagen?

Tja, kann ich noch nicht genau sagen. Bisher jedenfalls nichts, was ich nicht bereit wäre zu zahlen. Aber definitiv nicht mehr als die Rechnung, die mir die Gesellschaft für einmal Prinzessin Lillifee und einmal Käpt’n Sharky sozialisieren ausstellt. Ich mache schon genug Schulden im Namen meiner Kinder. Diese ganz sicher nicht.

 

Anmerkung des Teams: Nils Pickert ist seit Juli 2013 neu im Team und ist freier Autor, Journalist und Kolumnist bei Die Standard und The European. Wir freuen uns!