Sprache beeinflusst unser Denken und Handeln. Wer nur von Männern spricht und schreibt, lässt Frauen und alle anderen verschwinden. Doch es geht ja auch anders – wir müssen nur wollen.

Müssen Journalist*innen gendern?

Sprache beeinflusst unser Denken und Handeln. Wer nur von Männern spricht und schreibt, lässt Frauen und alle anderen verschwinden. Doch es geht ja auch anders – wir müssen nur wollen. 

Hier ein kleines Rätsel zur Veranschaulichung: Dr. Koslowski lebt in Hamburg und hat einen Bruder in Berlin – Professor Koslowski. Professor Koslowski hat aber keinen Bruder in Hamburg. Wie kann das sein? 

Die Antwort lautet: Dr. Koslowski ist weiblich. Dass sich Menschen bei diesem Beispiel eher zwei maskuline Personen vorstellen, zeigt, wie sehr unsere Sprache auf Männer ausgerichtet ist und dass „mitgemeinte“ Frauen dabei in unseren Gedanken kaum vorkommen. Von anderen Geschlechter-Identitäten mal ganz abgesehen.

Das ändert sich allmählich und deshalb verwenden auch immer mehr Medien gegenderte Schreibweisen. 

Das Wort „gender” kommt aus dem Englischen und bedeutet Geschlecht. Und zwar nicht das biologische (das heißt auf Englisch „sex“), sondern das soziale Geschlecht. Genauer gesagt: bestimmte Verhaltens- oder Rollenvorstellungen, die ans biologische Geschlecht geknüpft sind – so in die Richtung von Jungs mögen Blau, Mädchen mögen Rosa. 

Durch sprachlich inklusive Varianten sollen Frauen, Männer und alle Menschen mit anderen geschlechtlichen Identitäten einbezogen werden. Das gelingt auf verschiedene Weisen. Gängig sind zum Beispiel Genderstern (Ärzt*innen), Unterstrich / Gendergap (Ärzt_innen) und Doppelpunkt (Ärzt:innen). Außerdem gibt es geschlechtsneutrale Ausdrücke – wie zum Beispiel Studierende statt Student*innen. (Hier ist eine Liste mit Alternativen: https://geschicktgendern.de/)

Das Gendersternchen wurde zum Anglizismus des Jahres 2019 gewählt. Inzwischen wird auch der Duden – zumindest in der Online-Version – geschlechtersensibel überarbeitet. Und selbst manche Moderierende in Nachrichtensendungen verwenden gegenderte Formen. In einem Interview mit der Taz sagte zum Beispiel die Moderatorin der “heute”-Nachrichten, Petra Gerster: “Ich sperrte mich lange dagegen, weil ich fand, gesprochen funktioniere das nicht. Dann brachte Claus Kleber im letzten Jahr die Minipause ab und zu in seinen Moderationen im heute journal unter und kam dabei sehr selbstverständlich rüber.“

Doch das regt manche Leute so sehr auf, dass sie hasserfüllte Briefe, Mails und Kommentare schreiben. Dabei werden meist immer die gleichen Argumente angeführt. 

Erstens: Gegenderte Texte würden die Sprache verunstalten und den Lesefluss unterbrechen. Das ist allerdings eine Frage der Gewöhnung. Einige Medien wollen sich aber nicht daran gewöhnen und ihren Leser*innen keine „Störung des Leseflusses“ zumuten. Da wird nach einem wörtlichen Zitat mit gegenderter Form lieber ein vier Zeilen langer Erklärtext in Klammern eingefügt. So viel zum Lesefluss.

Laut einer Studie von 2007 sind gegenderte Texte übrigens mitnichten schlechter verständlich. 

Zweitens gebe es wichtigere Probleme, auch im Feminismus. Das mag grundsätzlich stimmen – ein Gendersternchen allein schließt keinen Gender-Pay-Gap –  das führt jedoch vom Thema weg. Und Sprache formt nun mal die Weltsicht. Das heißt: Gleichberechtigung aller Geschlechter auf allen Gebieten fängt in Texten an. 

Drittens sei vor allem das Sprechen gegenderter Formen schwierig und gekünstelt. Doch die meisten Kritiker*innen dürften wohl ziemlich problemlos „Spiegelei“ oder „Verein“ korrekt aussprechen. Und zwar dank Glottisschlag, das ist ein so genannter Knacklaut oder harter Tonansatz vor einem Vokal beim Sprechen – also im Grunde eine kleine Pause. Alles reine Übungssache. 

Viertens seien Frauen ja automatisch immer mitgemeint. Aber das schließt nicht nur alle anderen nicht-binären Geschlechter-Identitäten aus, sondern reicht einfach nicht. Umgekehrt fühlen sich männliche Personen übrigens nicht mitgemeint, sondern auf den Schlips getreten. Das entlarvt das Beispiel eines Gesetzestextes von 2020. Das Justizministerium hat den Entwurf komplett in der weiblichen Form verfasst – in diesem Fall waren Männer mitgemeint. Doch das Innenministerium verlangte eine Überarbeitung, denn so würde das Gesetz nur für Frauen gelten und wäre deshalb wahrscheinlich verfassungswidrig.

Dahinter steckt vor allem die Angst vor Veränderung und Kontrollverlust. Wenn jetzt Männer nicht mehr der alleinige Standard für alles sind und sich der Rest nicht mehr nur mitgemeint fühlen darf – was kommt als nächstes? Männer an den Herd? 

“Um das Thema tobt ein ideologischer Kampf, der vornehmlich von – wie ich vermute – älteren Männern geführt wird. Manchmal geradezu hasserfüllt“, sagt Petra Gerster in der Taz. “Offenbar geht es hier um eine Machtfrage, um Deutungshoheit. Und um die Angst dahinter, etwas von dieser Macht an Frauen und ‘andere Minderheiten’ abgeben zu müssen. Ich verstehe nur nicht, was jemand durch geschlechtergerechtes Sprechen verlieren könnte.“ 

Sprache verändert sich und zwar schon immer. Ein Beispiel ist das Wort “surfen”. Bedeutung vor der Erfindung des Internets: wellenreiten. Zusätzliche Bedeutung nach der Erfindung des Internets: nacheinander verschiedene Websites anschauen. Und manchmal auch: irgendwas im Internet machen. Sprache muss sich mitentwickeln, denn unsere Welt verändert sich ebenfalls. Der Satz: „Argh, Donald Trump hat schon wieder Müll getwittert“ hätte zum Beispiel 1998 absolut keinen Sinn ergeben. 

Warum ist Gendern wichtig? 

Zur Veranschaulichung hier ein weiteres Rätsel: Ein Vater ist mit seinem Sohn im Auto unterwegs. Sie haben einen schweren Unfall. Der Vater kommt ums Leben, der Sohn schwer verletzt ins Krankenhaus. Das Chirurgen-Team macht sich bereit für die Not-OP. Als sie sich über den Jungen beugen, sagt plötzlich jemand aus dem Team entsetzt: „Ich kann ihn nicht operieren, er ist mein Sohn.“  

Der österreichische Standard hat zu dem Rätsel eine sehr anschauliche Video-Umfrage gemacht. Die Befragten kommen mit wilden Theorien um die Ecke: betrunkener Chirurg, Affäre, Adoption… Nur darauf, dass der Chirurg eine Frau – und damit die Mutter des Sohnes – ist, kommt von allein keine*r. 

Das liegt daran, dass Sprache sehr mächtig ist. Durch Worte entstehen Bilder und Zusammenhänge im Kopf. Sprache formt unsere Gedanken und steuert unsere Aufmerksamkeit. Wenn wir standardmäßig die männliche Form verwenden und auch immer so sprechen und schreiben, dann stellen wir uns auch nur Männer vor. Egal, wie sehr Frauen und andere Geschlechter dabei „mitgemeint“ sein sollen. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen das. So entstehen und vertiefen sich (unbewusste) Vorurteile und gedankliche Schranken.

Das ist deshalb ein Problem, weil unsere Gedanken logischerweise unsere Handlungen beeinflussen. Und so dazu beitragen können, dass all die mitgemeinten nicht-Männer nicht gleich behandelt oder ausgeschlossen werden. Wodurch sie nicht die gleichen Chancen haben. Mädchen im Grundschulalter trauen sich laut einer Untersuchung von 2015 zum Beispiel eher einen „traditionell männlichen“ Beruf zu, wenn sie die geschlechtergerechten Berufsbezeichnungen kennen. Weitere Studien hier.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache schreibt auf ihrer Website: “Es gilt als erwiesen, dass Sprache die Wahrnehmung lenkt, so dass es notwendig ist, sprachliche Gleichberechtigung umzusetzen, um die im Grundgesetz verankerte gesellschaftliche Gleichbehandlung von Männern und Frauen zu stützen.”

Bildquelle: Pinkstinks Germany e.V.