Viele Studierende kennen die strikten Vorgaben, wenn es um Haus- und Abschlussarbeiten geht: Textaufbau, Seitenformat, Schriftgröße, Fußnoten – alles ist genau vorgegeben, Abweichungen wirken sich auf die Benotung aus.

Aber wie sieht es mit der Verbindlichkeit aus, wissenschaftliche Texte zu gendern? Werden Studierende, die in ihren wissenschaftlichen Arbeiten auf geschlechtergerechte Sprache verzichten, mit schlechteren Noten bestraft?

Das zumindest suggeriert der Verein Deutsche Sprache, der zum letzten Semesterbeginn mit Flugblättern „mutige Studenten“ gesucht hat, die bereit sind, vor Gericht gegen rechtswidrige sprachpolizeiliche Genderregeln ihrer Universitäten vorzugehen“. Soll heißen, Studierende, die der Meinung sind, es reiche, von Studenten statt StudentInnen, Student_innen, Student*innen oder eben Studierenden zu sprechen, können ihre Uni verklagen.

Es gibt jedoch keinen Nachweis, dass Uniarbeiten schlechter bewertet werden, wenn sie nicht gegendert werden. Im Gegenteil, die von der Flugblattaktion betroffenen Universitäten widersprechen der Aussage des Vereins.

Es gibt zwar Leitfäden an Universitäten, die geschlechtergerechte Sprache empfehlen, aber eine Empfehlung ist kein Zwang und dementsprechend nicht bindend. Gleichzeitig betreffen diese Richtlinien oft erst mal die Dokumente der Universität, also Prüfungsordnungen oder Satzungen. Aber auch die sind nicht immer verpflichtend. An der Uni Hamburg wurden die von der Gleichstellungsbeauftragten veröffentlichten Richtlinien sogar vom Universitäts-Präsident mit der Begründung widerrufen, als staatliches Organ könne sich die Uni nicht von den Vorgaben es Hamburger Senats frei machen.

Der Verein Deutsche Sprache kann also beruhigt sein, kein*e Student*in muss in ihrer Arbeit gendern. Es wäre aber sinnvoll, es trotzdem zu tun.

Weshalb ist gendergerechte Sprache wichtig?

Mit der Diskussion um gendergerechte Sprache lassen sich ganze Bibliotheken füllen. Diejenigen, die sich für Binnen-I, Gender-Gap oder Gender-Sternchen einsetzen, empfinden das generische Maskulinum der deutschen Sprache als diskriminierend und ausgrenzend. So spiegelt Sprache zwar aktuelle Machtverhältnisse wider – männlich dominierte Strukturen – nicht aber die gesellschaftliche Realität, in der Frauen in gleicher Zahl vertreten sind.

Unsere Gesellschaft besteht nicht nur aus Männern, aber die Sprache suggeriert genau das: Ärzte, Professoren, Lehrer, Juristen oder Politiker – es dominiert das generische Maskulinum, selbst wenn von zehn genannten Personen nur eine ein Mann ist.

Sprache verändert unsere Wahrnehmung und sollte die Vielfalt unserer Realität abbilden

Aber Frauen sind doch mitgemeint

Meinen ist aber nicht sagen. Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch betont, dass das generische Maskulinum als Maskulinum interpretiert wird, also alles andere als generisch wirkt. Im Gegenteil führe es häufig dazu, dass Frauen sich nicht mitgemeint fühlen: „Frauen müssen aber nicht mitgedacht, sondern gleichwertig gedacht werden.“

Studien zeigen, dass bei männlichen Berufsbezeichnungen automatisch an einen Mann gedacht wird. Das kann man – egal ob für oder gegen das gendern – ganz leicht bei sich selbst testen: Hört man das Wort Handwerker, Lehrer oder Politiker taucht vor dem inneren Auge ein Mann auf, keine Frau. Die Sprachforscherin Kristina Reiss weiß, „Sprache beinhaltet und prägt sprachliche Denkmuster.“

Auch wenn es uns oft nicht bewusst ist, oder wir niemanden ausgrenzen wollen: Sprache schafft Realität, weil unsere Denkmuster unser Handeln bestimmen. Und die meisten von uns wünschen sich eine Realität, in der Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Das steht sogar im Grundgesetz. Seit 1994 hat die Regierung zusätzlich den Auftrag, Gleichberechtigung aktiv zu fördern und bestehende Nachteile zu beseitigen. Die Sprache ist eine Möglichkeit dieser Förderung.

"Sichtbar sein"

Tataaa! Nach „Not Heidis Girl” endlich ein neues Musikvideo von uns! Für alle Fans der Gendersprache: JETZT TEILEN, bitte! Weil Mädchen SICHTBAR sein wollen! Happy Weltmädchentag! #Weltmädchentag #DayOfTheGirl

Gepostet von Pinkstinks Germany am Mittwoch, 10. Oktober 2018

Aber gendern verhunzt die deutsche Sprache

5000 Wörter sind in der letzten Ausgabe des Dudens neu dazugekommen. Wörter aus dem zeitgemäßen Sprachgebrauch wie „Filterblase“ oder „Flüchtlingskrise“, aber auch aus dem Englischen wie „Selfie“ oder Tablet“. Selbst das dänische „hygge“ steht mittlerweise im Duden – genauso wie „gendern“.

Die Duden-Redaktion wählt Begriffe und Wörter aus, die sich teils über Jahre hinweg im Sprachgebrauch etabliert haben. Also erst wenn sich die Sprache messbar in der Bevölkerung verändert hat, wird sie vom Duden übernommen und legitimiert.

Gleichzeitig werden veraltete Begriffe aussortiert. Sprache ist also immer fluide, sie ändert sich ständig. Wie Sprache sich verändert, wird in Deutschland von keiner zentralen Sprachakademie gesteuert, sondern ist ein Zusammenspiel verschiedener Institutionen, zu denen der Verein Deutsche Sprache übrigens nicht gehört. Vielmehr verorten ihn Kritiker*innen in einer pegida-nahen, rechtsnationalen Ecke.

Ähnlich wie Traditionen, die ebenfalls nicht einfach nur da sind, sondern das Ergebnis eines Prozesses. Deshalb zählt das Argument vieler Gendern-Gegner*innen nicht, es müsse die Tradition der deutschen Sprache bewahrt werden. Traditionell haben Frauen Berufe in Medizin, Politik und Wissenschaft nicht ausgeübt. Mittlerweile tun sie es und nur die wenigsten würden sagen, das ginge nicht, der Tradition wegen. Die gesellschaftliche Sichtbarkeit von Frauen jenseits ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter ist erst ein paar Jahrzehnte alt, entsprechend ist sie sprachlich noch im Werden.

Gendern ist zu kompliziert umzusetzen und erschwert den Lesefluss

Die Feministin Anne Wizorek weist darauf hin, dass wir Dinge, die schon so lange bestehen für selbstverständlich erachten und gar nicht groß hinterfragen. Außerdem ist es natürlich mühsam, neben all den Anforderungen im Alltag, noch überlegen zu müssen, ob jetzt ein * oder ein „I“ benutzt werden sollte, wo das überhaupt hingehört und wie es ausgesprochen werden soll. Dann doch lieber auf Nummer Sicher gehen und die bewährte männliche Form nutzen.

Ja, es fällt nicht allen Menschen leicht, sich auf Veränderungen einzustellen, sich an Neues zu gewöhnen. Das ist verständlich, denn Gegebenheiten und Tradiertes geben Halt, Neuerungen dagegen verunsichern. Deshalb braucht es Zeit, sich einzulassen auf andere Sprachgewohnheiten – das kann jede Generation unterschreiben, die sich von Begriffen wie „coolio“ über „geil“ und „fett“ bis zu „lit“ entwickelt hat.

Denn die Weigerung, sich inklusiv zu äußern, bedeutet auch die Weigerung, eine Gesellschaft in ihrer Vielfalt Ernst zu nehmen. Also das Gegenteil von dem, was die meisten von uns wollen. Wir verschließen uns den Möglichkeiten, die Sprache bietet. Anatol Stefanowitsch wundert sich, dass ausgerechnet beruflich Schreibende sich gegen die Möglichkeiten wehren, Sprache kreativ zu gestalten – genau die hätten doch die Kompetenz, Alternativen zu schaffen.

Denn nach wie vor ist gendern kein Zwang, der von einer Sprachpolizei geregelt wird. Weder wird gendern gewaltsam durchgesetzt, noch wird Sprache durchs gendern vergewaltigt.

Es gibt in Deutschland keine Spracherlassungen, deren Verstoß ein Disziplinarverfahren nach sich führen würde – weder an der Uni noch in Behörden. Stattdessen gibt es besagte Empfehlungen und zahlreiche Vorschläge, sich inklusiver auszudrücken. Nichts davon ist in Stein gemeißelt, sondern auch ein Feld des Experimentierens. Webseiten wie genderleicht oder geschickt gendern bieten genauso Unterstützung wie teils vom Dudenverlag herausgegebene Bücher.

Dass der Verein Deutsche Sprache ausgerechnet Universitäten angeht, überrascht nicht. Das Wissen um geschlechtliche Diversität ist das Ergebnis universitärer Wissenschaft.

Sie auf diese Weise anzugehen, scheint wie der Versuch, das als Übel begriffene Gendern an der Wurzel zu packen. Gleichzeitig sind es die Universitäten, die jungen Menschen Wissen vermitteln. 

Wer während seines Studiums lernt, geschlechtergerecht zu sprechen, wird keine Mühe haben, auf das generische Maskulinum zu verzichten. Für die Generation, die im ersten, zweiten oder dritten Semester ist, ist es ohnehin oft eine Selbstverständlichkeit, in den eigenen Texten zu gendern. Das ist ein wechselseitiger Prozess. Universitäten zwingen Studierende nicht, zu gendern, vielmehr greifen sie den gesellschaftlichen Zeitgeist auf, der mehr Interesse an Inklusion und geschlechtergerechter Sprache hat, als der Verein Deutscher Sprache wahrhaben will. 

Du hast auch eine Frage zu Sexismus, Gender, sexueller Vielfalt?

Stelle sie jetzt und wir schreiben Dir im zweiwöchigen und kostenlosen Pinkstinks-Newsletter, ob wir sie beantworten konnten!

Kommentare zu diesem Text könnt ihr uns in unseren sozialen Netzwerken hinterlassen und dort mit insgesamt 110.000 Menschen teilen!