Auch uns war vor Corona nicht vollkommen klar, wie hart das Leben im Pflegeberuf ist. Ein halbes Jahr nach dem großen Klatschen interviewen wir Pfleger*innen und fragen: Was genau hat euch das Klatschen gebracht? Was muss jetzt passieren?

Erinnert ihr euch noch an die Bilder? An die vielen Menschen, die im März und April dieses Jahres an ihren Fenstern und auf ihren Balkonen standen, um für diejenigen zu klatschen, die in diesem noch so frischen Pandemiealbtraum den Laden am Laufen hielten und genau die Arbeit machten, die man eben nicht ins Homeoffice verlagern oder in den Herbst verschieben kann?

Uns stehen diese Bilder jedenfalls noch sehr deutlich vor Augen. Weil wir mitgeklatscht haben beziehungsweise an der Ernsthaftigkeit dieses Applauses gezweifelt haben. Und deshalb hatten wir uns im Frühling vorgenommen, im Herbst noch einmal genau hinzuschauen, was vom Klatschen eigentlich übrig geblieben ist. Von den Ankündigungen, den politischen Versprechungen und Zusagen und dem überdeutlichen Eindruck, dass unsere Gesellschaft insbesondere ohne Pflegekräfte und medizinisches Personal vollkommen zusammenbricht. Mehr Geld und Urlaub wurden angekündigt, mehr Personal und größere Wertschätzung für pflegende Berufe. Mitte August legte der Bundesgesundheitsminister einen Referentenentwurf für ein Gesetz zur Verbesserung der Gesundheits­versorgung und Pflege vor, der unter anderem 20.000 neue Stellen für Pflegehilfskräfte vorsieht – ein Vorschlag, den der Deutsche Pflegerat umgehend als viel zu kleinschrittig und unambitioniert zurückwies.
Das ist symptomatisch für viele der Maßnahmen, die die Bundesregierung engeleitet hat oder noch umzusetzen gedenkt: Sie werden von übergroßer medialer Berichterstattung flankiert, die bei vielen Betroffenen allenfalls Kopfschütteln auslöst. Die “Coronaheldinnen und Helden“, denen vor Monaten unter anderem eine Prämie von 1.500 Euro versprochen wurde, haben wenig Verständnis dafür, wenn am Ende nur Geld für die Beschäftigten in der Altenpflege rausspringt, die Krankenpflege allerdings leer ausgeht. Statt sich also nur anzuschauen, was man allgemein so vorhat, lohnt sich ein genauer Blick, was wirklich passiert und bei den Betroffenen ankommt. Zumal sich die Situation sehr dynamisch entwickelt und die verschiedensten Modelle dafür im Gespräch sind, wie die akutellen Missstände behoben werden können. Deshalb wollten wir von Pflegekräften ganz direkt wissen, wie es sich anfühlt für seine Arbeit beklatscht zu werden und zugleich Spielball einer sich nur millimeterweise bewegenden Politik zu sein. Wir wollten wissen wie es sich unter Coronabedingungen arbeitet, was sich verändert hat, welche negativen und vielleicht sogar positiven Auswirkungen die Krise hat – und haben deshalb mit Pflegekräften über die Situation gesprochen.

Menschen pflegerisch und medizinisch zu betreuen ist, das sollte keine Überraschung sein, mindestens so sehr Berufung wie es Beruf ist. Was zunächst nichts anderes als ein großartiger Motivationsgrund für Pflegekräfte und medizinisches Personal ist. Sie wollen diese Jobs machen, weil sie sie für wichtig und sinnstiftend erachten. Gleichzeitig sind sie durch diese Verknüpfung eine unglaublich vulnerable Berufsgruppe. Denn ganz ehrlich: Einen besseren Zeitpunkt für einen Streik von Pflegekräften als die ersten Monate der Pandemie hätte es gar nicht geben können, um Forderungen nach Lohnerhöhung und bessere Arbeitsplätze durchzusetzen. Danach, während der Arbeit wenigstens die Zeit zu haben, Menschen einen Schluck Wasser zu geben. Aber eben auch keinen schlechteren Zeitpunkt, weil ihre Arbeit nie wichtiger war und sie selbst überhaupt kein Interesse daran haben, die ihnen anvertrauten Menschen leiden zu lassen. Sie haben sich ja gerade für diesen Job entschieden, um sich zu kümmern. Um zu helfen. Wie erpressbar sie das macht zeigt sich schon allein, wenn sie zu normalen Zeiten in den Streik treten wie beispielsweise 2018 an der Uniklinik Düsseldorf.

Dann sind sie “Schuld an der mangelnden Versorgung” weil unter ihrem “grausamen Streik die Patienten leiden”. Davon dass die Arbeisbedingungen womöglich grausam sind, ist dann nicht die Rede. Spätestens seit 2016 wissen wir durch eine Studie von ver.di wie die Situation aussieht: 93,4% fühlen sich bei ihrem Job gehetzt, auf 64% der stichprobenartig getesteten Stationen ist eine Fachkraft alleine zuständig. In über 28% dieser Fälle versorgte sie 30 und mehr Patientinnen und Patienten und auf 5% der Stationen pflegte eine Fachkraft allein 40 und mehr Patientinnen und Patienten. Pflegen ist ein Knochenjob, bei dem alle Beteiligten zu kurz kommen, während sich die Beschäftigten aufopfern. Was das im Einzelnen bedeutet, war auch uns vor Corona nicht vollkommen klar. So berichteten unsere Interiviewpartnerinnen davon, wie stark sie die Kontaktsperre zwischen Patient*innen und Angehörigen unter Coronabedingungen persönlich belastet hat – neben der Sorge um die eigenen Freunde und Angehörigen und den Schwierigkeiten, ohne einen wirklichen Plan und ausreichend Ausrüstung durch diese Pandemie zu kommen. Aber sie schilderten uns auch, wie sehr sie das mittlerweile berühmt-berüchtigte Coronaklatschen zunächst berührt hat und wie solidarisch sich verschiedene Stationen und Einrichtungen untereinander verhalten hätten, um den Mangel an Ausrüstung und Personal irgendwie zu kompensieren. Allerdings gaben sie auch an, dass die Maßnahmen der Politik sie bislang nicht erreicht hätten und sie auch kaum Gründe dafür sähen, darauf zu vertrauen.

Alicia B., 24, Kinderkrankenpflegerin

Von Beginn an habe ich nie richtig an die Zahlung einer „Corona-Prämie“ geglaubt… und bisher kenne ich auch niemanden aus der Pflege, welche/r diese auf dem Konto hat.

Alicia B., Kinderkrankenpflegerin

Dafür gibt es auch kaum Anlass. Die Tatsache, dass den Verantwortlichen bewusst ist, mit Urkunden nur Peanuts zur Wertschätzung von Pflegekräften beizutragen, wird durch einen Smiley nicht besser sondern sehr viel furchtbarer.

Und selbst ein sehr ernstgemeintes, wertschätzendes Klatschen muss rückblickend wie Hohn klingen, wenn dir deine Krankenhausleitung als Dank für deinen Einsatz ein paar Mund-Nasen-Masken spendiert, die du “gerne im Alltag verwenden kannst”.

Nüsschen und Masken für Menschen, die uns nicht nur jetzt gerade gewaltig den Arsch retten, sondern deren Arbeit grundsätzlich unverzichtbar ist. Die diesen Job machen unter der Gefahr, sich aufgrund mangelnder Ausrüstung und Hygienebedingungen selbst anzustecken. 12% der Infizierten stammten im Sommer aus Medizin und Pflege. Währenddessen waren in Berlin 3000 Menschen auf dem Landwehrkanal für mehr finanzielle Unterstützung des Kultursektors in Coronazeiten Schlauchboot fahren – vor dem Urbankrankenhaus, in dem in dem Moment nicht nur gegen Covid-19 gekämpft wurde.

Eine Interviewpartnerin erzählte ganz konkret davon, welchen Eindruck der “Sommer der Lockerungen” auf sie und ihr Team hinterlassen hat.

Kathrin F., 40, Hospizleitung

Als das Wetter schöner geworden ist und die Menschen in großen Gruppen auf Spielplätzen und Wiesen zusammenkamen, während wir tagsüber sehr diszipliniert gearbeitet haben, gab es auf dem Weg nach Hause schon Momente, in denen wir uns gefragt haben: Ey, für wen machen wir das hier eigentlich, das kann doch alles echt nicht wahr sein!

Kathrin F., Hospizleitung

Aber das ist längst nicht alles. Mittlerweile gibt es immer mehr Leute, die die Pandemie rundweg leugnen, wie der brasilianische Präsident für ein “Grippchen” halten oder rechtsradikale Verschwörungsmythen verbreiten. Wie muss das nur auf Menschen wirken, die jeden Tag ihren Beitrag zur Eindämmung dieser Pandemie leisten, Menschen pflegen, Erkrankte betreuen?

Denise K., 48, Palliativkoordinatorin

Der exponentielle Anstieg der Verschwörungserzähler auch im Freundeskreis macht mich nach wie vor wütend.

Denise K., Palliativkoordinatorin

Nach dem Klatschen ist also immer noch mitten in der Pandemie. Mitten im Pflegenotstand mitten in der politischen Spaltung des Landes und womöglich, wenn nicht gar wahrscheinlich, unmittelbar vor der nächsten Pandemie. Deshalb ist es auch unumgänglich, die politischen Überlegungen zur Krisenbewältigung und zur Verbesserung und Aufwertung der Pflegeberufe mit der Kompetenz und der Erfahrung von Pflegekräften zu unterfüttern. Denn darüber, was es wirklich braucht und wo die Probleme sitzen, wissen sie am besten Bescheid.

Von Seiten der Politik muss es ganz klar mehr Investition geben – mal nicht Millionen an Geldern in die Rüstungsindustrie und die Wirtschaft, sondern stattdessen in unser aller Gesundheit stecken. Auch rechtlich könnte man striktere Regeln aufstellen, verbindliche Personalschlüssel festlegen, einen Mindestlohn in der Pflege definieren und Verstöße der Krankenhäuser härter sanktionieren. Eine Reform unseres Gesundheitssystems ist längst überfällig – und ich hoffe, dass diese Krise allen zeigt, dass Gesundheit an erster Stelle steht und höchste Priorität haben sollte!

Alicia B., Kinderkrankenpflegerin

Und es wird die Aufgabe von uns allen sein, die Pflegekräfte in ihren Forderungen zu unterstützen. Nicht darauf zu warten, bis es uns selbst erwischt, nicht darauf zu vertrauen, dass wir niemals Pflege brauchen werden und die Beschäftigten nicht in ihrer Überforderung allein zu lassen. Eine Verbesserung der Bedingungen kommt nicht von allein. Dafür müssen wir uns solidarisch zeigen, laut werden, klug wählen und immer wieder fragen, wie es eigentlich um die Pflege bestellt ist. Ob in vier Woche, vier Monaten oder 4 Jahren. Denn das Thema geht uns alle an.

Bilder: Markus Abele

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PS: Wir müssen uns entschuldigen: Auf der Beschriftung des Bildes von Denise K. ist uns ein Fehler unterlaufen. Sie leitet kein Hospiz sondern ist Koordinatorin des Palliativwerkes Hamburg West e.V.. Danke an sie und alle Beteiligten für ein sehr frühmorgendliches Fotoshooting!