Den aktuellen Stillstand nutzen viele, um ein sozialeres und nachhaltigeres Danach zu entwerfen. In Mailand zum Beispiel modelt man wegen Covid-19 gerade die Stadt um, damit der Verkehr besser auf die Bedürfnisse von Fahrradfahrer*innen und Fußgänger*innen abgestimmt ist. Und auch in Deutschland werden die ersten Stimmen laut, jetzt die Gelegenheit für eine Verkehrswende zu nutzen. Wie wäre es, wir überdenken die Verkehrsregeln für unser Intimleben direkt mit? Auch wenn über Sex nachzudenken in etwa so sexy ist wie zur Relativitätstheorie zu strippen. Aber wollen wir wirklich wie gehabt vögeln – mit allen stereotypen Vorstellungen und Vorurteilen?

Neulich las ich irgendwo den Satz: „We should not go back to normal because normal was the problem“ – der bezog sich zwar auf unsere Ressourcenverschwendung, aber wir können ihn genauso gut auf unser Verständnis von Sex anwenden. Darauf, dass normal noch immer heißt, die einen sind Hengste, die anderen Schlampen und Sex bedeutet Penis in Vagina und wenn Penis fertig dann Sex vorbei. Wenn wir die Welt eh neu aufbauen müssen, warum fangen wir nicht untenrum an?

Ein back to normal gibt es beim Sex ohnehin nicht, weil es eine höchst individuelle Angelegenheit ist, bei der jede*r für sich herausfinden muss, was passt, nicht, wie es passend gemacht wird. Wie der Verkehr besser auf die Bedürfnisse ganz unterschiedlicher Teilnehmer*innen eingestellt werden kann, darüber wird noch immer zu selten gesprochen. Alles was ich in den vergangenen Wochen in den Medien über Sex gelesen habe, drehte sich vor allem um die Frage, ob wir ihn noch haben oder schon nicht mehr und was wir tun können, um ihn bloß wieder zu haben. Dazu jede Menge Hinweise, wie sich die Quarantäne-Durststrecke feucht halten lässt und dass der Absatz von Sextoys steigt – vor allem von solchen, die ferngesteuert sind. Echt jetzt? Wir rücken näher zusammen und alles was uns einfällt, um unser Sexleben durch die Krise zu bringen sind Spielzeuge, die auf Distanz stimulieren?

Es hilft ja nichts. Wir müssen gerade überall inne halten, ein paar Schritte zurückgehen und treffen dabei auf uns selbst. Warum also nicht mal ein paar sexuelle Grundsätzlichkeiten überdenken – wir hätten da ein paar Vorschläge:

#WarumSex Wir könnten darüber nachdenken, warum wir eigentlich wirklich Sex haben – nicht weil es alle machen und es die vermeintlich schönste Sache der Welt ist und außerdem die Person, mit der man das Bett teilt, sonst schmollt. Wir sind aktuell mehr denn je auf uns selbst zurückgeworfen, warum also nicht mal das eigene Begehren hinterfragen und herausfinden, was einen jenseits sexueller Normen ausmacht.

#WasIstSex Wir könnten Sex nicht rein als Penetration denken, die mit der männlich gelesenen Ejakulation beendet ist, während sie sagt, dass es trotzdem schön war. Stattdessen können wir Sex als etwas anerkennen, dass jenseits der Hot Spots stattfinden darf.

#WieWirSexNennen Wir könnten weiblich gelesene Geschlechtsteile endlich mal von Schimpf und Schande befreien, indem wir Pussy, Muschi und Co. nicht als Schimpfwort verwenden, der Vagina die Vulva als Gefährtin zur Seite stellen und den Lippen die Scham nehmen. Viva las Vulvalippen!

#WieDiversSexIst Wir könnten weiblich gelesene Lust als unbegrenzt anerkennen und männlich gelesenes Triebverhalten als freudianischen Mist entlarven. Oder einfach alles über den Haufen werfen, was wir je über Geschlechterstereotype gehört haben, um herauszufinden, dass Sexualität ein sich beständig verändernder Prozess ist.

#WieFreiSexIst Wir könnten Orgasmus-Challenges feiern, das Kamasutra durchturnen, uns zu Dreiern nach der Kontaktsperre verabreden oder auch einfach das aktuelle Weniger ist Mehr mitnehmen in unser Leben danach: Weniger Leistungs- und Orgasmuszwang, weniger schnell rein und raus, weniger müssen, mehr dürfen.

Foto von cottonbro von Pexels

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