Flirten sei eine Kunst, heißt es. Eine Kunst, die seit der #MeToo Debatte massiv gelitten hätte und allerorten verunsicherte Männer und genervte Frauen zurücklässt. Männer, die nicht mehr wissen, was genau jetzt noch unter Flirten fällt und was schon als Übergriff gewertet werden kann.

Frauen, die sich darüber ärgern, dass Männer überhaupt nicht mehr den Mut aufbringen, sie anzusprechen – und sei es auch ausgesprochen plump. Deswegen hat der Brief, den die französische Schauspielerin Catherine Deneuve mit 100 Mitstreiterinnen Anfang des Jahres veröffentlichte, für so viel Furore gesorgt.
„Hartnäckiges oder ungeschicktes Flirten ist keine Straftat, und Galanterie auch keine chauvinistische Aggression“ heißt es darin. Mehr noch: „Wir verteidigen die Freiheit, aufdringlich zu sein, die für die sexuelle Freiheit unentbehrlich ist.“

Endlich, dachten viele. Und Gott sei Dank ist es auch noch eine berühmte Frau, die sich darüber hinaus als Feministin versteht. „Endlich sagt mal jemand die Wahrheit über #MeToo.“ Darüber nämlich, dass das alles voll übertrieben ist, in eine totalitäre Gesellschaft führt und Männer und Frauen davon abhält, überhaupt noch miteinander in Kontakt zu treten. Dass es krampfig und langweilig wird und im postmodernen Internetselbstverwirklichungszeitalter schon schwierig genug ist, überhaupt noch Beziehungen anzubahnen. Aber die #MeToo Debatte drehte sich weiter. Deneuve wurde nicht nur gelobt sondern ihr wurde auch vehement widersprochen. Es gebe kein Recht auf Belästigung, stellten ihre Kritiker*innen fest und Flirten sei auch möglich, ohne zudringlich zu werden. Seitdem ist über ein halbes Jahr vergangen und wir scheinen so klug als wie zuvor. Männer fragen sich ernsthaft, ob sie nach einem Jahr intensiven Anbaggerns nicht vielleicht doch mal aufhören sollten.

Oder hören nicht auf, sich und andere zu fragen, wie man am besten mit einer Frau spricht, die Kopfhörer auf den Ohren hat.

Schließlich könnte die Betreffende, so der Originalartikel, ein Volltreffer und die Liebe deines Lebens sein. Das würde allerdings auch gelten können, wenn sie mehrfach Nein! gesagt und überdeutlich gemacht hätte, dass sie Null Interesse hat. Denn womöglich weiß sie noch gar nichts von ihrem Glück. Kann ja aber noch kommen – mit ein bisschen Überzeugung.  Und genau darum geht es: Wer bestimmt überhaupt, was ein Glück für Frauen und wann es endgültig genug ist? Anscheinend sehr oft diejenigen, die ihr Interesse bekunden wollen. Aber auch diejenigen, die sich von derartigen Interessensbekundungen grundsätzlich geschmeichelt fühlen und darauf hinweisen, dass Frauen mit Kopfhörer auf den Ohren anzusprechen kein kriegerischer Akt sei. Schließlich bräuchten Menschen einen „sicheren Raum in der Mitte“ zwischen Nichtstun und Übergriffigkeit, in dem Romantik entstehen kann.

Aber was genau soll an einem Raum sicher sein, in dem sich nur einige wohl fühlen und andere überhaupt nicht? Da hilft auch der George Clooney Vergleich von Birgit Kelle nicht weiter, mit dem sie darauf hinweisen will, wie viele rabiate Flirtversuche plötzlich sehr erwünscht wären, wenn sie von George Clooney ausgingen. Weil es angeblich immer nur der Richtige sein muss, damit es dich nicht stört, wenn dir auf den Hintern geglotzt wird.

Und was ist das überhaupt für eine Romantik, in der es immer noch hauptsächlich darum geht, Frauen rumzukriegen, die Widerspenstigen zu zähmen und mit Druck und allerlei Tricks aus einem Nein! ein Ja zu formen? Oder auch nur ein Schweigen – das wird ja von vielen auch schon als Zustimmung gedeutet. Immerhin trägt die Frau mit den Kopfhörern ja kein Shirt mit der Aufschrift Sprich mich gefälligst nicht an, ich bin beschäftigt. Wir haben eine ganze Kulturgeschichte um diese Eroberung von Frauen geschaffen und sie Flirt genannt. Wir sagen Dinge wie „Frauen wollen erobert werden“ und „Erotik braucht den Tabubruch“, weil wir uns nicht mal ein bisschen die Mühe machen wollen, Flirt und Erotik neu zu definieren. Und lesen Artikel darüber, warum Dating Apps wie Tinder angeblich der Tod der Romantik und die Apokalypse des Datens sind. Dabei lassen sich die auch ganz anders bewerten. Der Autor und Aktivist Dan Savage weist beispielsweise darauf hin, wie nützlich Räume sind, in denen für alle Beteiligten von vornherein klar ist, dass es in ihnen um das Anbahnen von wie auch immer gearteten Beziehungen geht.

Weil es eben nicht ok ist, eine Frau auf der Arbeit auf ihre sexuelle Attraktivität anzusprechen, sie anzuquatschen, wenn sie Kopfhörer auf den Ohren hat, oder ihr mehrere Straßenzüge nachzulaufen, um sie nach der Telefonnummer zu fragen. Auch wenn manche Frauen nichts dagegen haben oder es sogar zu schätzen wissen: Es gibt immer einen besseren Weg. Und wenn es ihn nicht gibt, dann ist da eben mal kein Weg – in ihr Leben, in ihr Herz, in ihre Hose. Die Aufforderung zum Verzicht auf unerwünschte, übergriffige Flirtversuche ist nicht das Ende der Welt, nicht das Ende der Liebe und noch nicht mal das Ende der Erotik. Es ist die Aufforderung, besser zu flirten. Einvernehmlicher. Respektvoller. Oder es eben zu lassen.