Ich bin 29 Jahre alt und empfinde es als befremdlich, wenn mich jemand als Frau bezeichnet. Nicht, weil ich mich nicht mit meinem mir bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren kann – weiblich sein ist hier nicht mein Problem – das Problem ist der Begriff.

Frau. In meinen Ohren klingt das so alt, so nach Verantwortung mit einem 9-17 Uhr Bürojob und irgendwie gar nicht nach Spaß. Mädchen ist aber auch keine Alternative, dafür bin ich zu alt, und wenn jemand mich zusammen mit anderen als Mädels bezeichnet, will ich am liebsten wegrennen.

Als hätte eine höhere Macht mein Problem vernommen, schwappte vor einigen Jahren der englische Begriff Girl in den deutschen Sprachraum und breitete sich vor allem in meinem feministischen Umfeld schnell aus. Besonders tumblr oder Instagram, und Serien wie Lena Dunhams GIRLS trugen ihren Teil dazu bei.

Bis ich vor einiger Zeit einen Artikel las, der beschrieb, wie sexistisch es sei, erwachsene Frauen als Girls zu bezeichnen. Zusammengefasst wurde folgendermaßen argumentiert:

  1. Frauen Girls zu nennen macht sie klein, vor allem im Kontext von Lohnarbeit.
  2. Girl fordert von Frauen einen Zustand von Jugendlichkeit, vor allem im Bezug auf ihren Körper. Girls sind jung und knackig. Frau (Woman) wiederum klingt alt, unattraktiv, unsexy und somit wertlos.
  3. Es gibt das gleiche Problem nicht für Männer. Männer (Men) als Jungen (Boys) zu bezeichnen, ist unpassend, darum macht es kaum jemand. Wer im englischen einen neutraleren aber trotzdem lässigen Begriff für eine Gruppe Männer sucht, kann sich im Zweifel immer an Guys halten.

Obwohl Girl und Mädchen das gleiche heißt, meint es im Deutschen nicht das gleiche. Ich befand mich also in der Zwickmühle, denn zum einen möchte ich nicht als Mädchen wahrgenommen oder bezeichnet werden. Mädchen sind entweder unter 18 oder machen vielleicht als eines von Heidis Meeedchen bei “Germanys Next Topmodel“ mit. Darum mochte ich ja den Begriff Girl. Girl power, das klang so nach Bewegung, nach Energie, nach Sisterhood und nach Freiheit, und irgendwie hatte er auch etwas inklusiveres, vor allem in Bezug auf Transfrauen. Alle konnten ein Girl sein, so fühlte es sich an. Aber der Text hing mir ziemlich nach, vor allem das Argument mit dem männlichen Äquivalent.

Wer jetzt sagt, dass ich alles trivial und es gibt wichtigeres, über das man nachdenken kann, dem sei gesagt: ja, vielleicht, läge das Problem nicht tiefer verwurzelt in der Wahrnehmung von Weiblichkeit in unserer Gesellschaft und den Attributen, die wir Frauen zuschreiben.

“Du Mädchen” ist eine Beleidigung für Menschen, die “sich anstellen” oder wegen etwas scheinbar ungerechtfertigtem weinen müssen etc. Mädchen werden immer noch zu Prinzessinnen und Feen erzogen, die sich vom Prinzen oder Ritter retten lassen müssen. Mädchen wird weniger zugetraut, ob im Sport oder in naturwissenschaftlichen Fächern in der Schule. Mädchen sollen lieb, süß und unkompliziert sein. Eine Frau muss möglichst lange jung aussehen und sexuell attraktiv bleiben (“Sie hat sich gut gehalten”) wohingegen Männern zugesprochen wird, mit dem Alter immer anziehender zu werden (Männer reifen, Frauen altern.) Die Liste lässt sich endlos fortführen. Ich möchte damit nicht sagen, dass es keine unerreichbaren und sexistischen Ansprüche an Jungen und Männer gibt, sondern nur, dass die Konnotationen mit Weiblichkeit ein wenig problematischer sind.

Und was ist mit Mädels bzw. Jungs? Um ehrlich zu sein, ich kenne niemanden, der sich selbst außerhalb von Bayern vielleicht– als Mädel oder Jung (?) bezeichnen würde. Diese Begriffe werden eigentlich nur benutzt, um Gruppen zu beschreiben und auch da meist nur in einem Freizeitkontext. Oder war jemand von euch schon mal “zum Businessmeeting mit den Mädels”?

Wie also wollen wir genannt werden?

Sollen wir aufhören, uns als Girls zu bezeichnen und den Begriff Frau zurück erobern? Oder genau umgekehrt? Müssen wir erst die Stellung und Wahrnehmung von Frauen in der Gesellschaft ändern, damit wir uns gerne so nennen oder müssen wir uns so nennen, eben damit sich etwas ändert?