In den gefühlt 9 Jahrzehnten, die wir die „Sendung“ Germany’s Next Topmodel kritisch begleitet haben (einer der Gründe, warum wir uns das dieses Mal ersparen wollten), sind wir ziemlich oft gefragt worden, warum wir all die sehr schlanken jungen Frauen nicht viel härter angehen und die Dinge nicht beim Namen nennen. Im Sinne von:

Die ist bestimmt magersüchtig, voll unterernährt, das sieht man doch, so kann doch kein Mensch ausehen wollen.

Damit hätten wir den jungen, beeinflußbaren Mädchen doch viel nachdrücklicher klar machen können, was es unbedingt zu vermeiden gilt. Das wollten wir so tatsächlich nie und zwar aus zwei einfachen Gründen. Zum einen kennen wir die betreffenden Personen gar nicht und werden nicht mal eben eine Ferndiagnose zum Ernährungszustand von irgendwelchen GNTM-Kandidatinnen abgeben. Und zum anderen ist Dünnen-Bashing auch nur eine Form von übergriffigem Shaming. Das konnte man letzten Samstag wieder sehr genau beobachten. Bei Pro Sieben lief Schlag den Star mit „den beiden Lenas“, also Lena Gercke und Lena Meyer-Landrut.

Unabhängig davon, dass man von so einer Sendung halten kann was man will und die Anzahl der Werbeunterbrechungen den Schluss zulässt, dass der Sender dazu übergeht, Dauerwerbeformate von kurzen Sendungssequenzen unterbrechen zu lassen, war der sogenannte Second Screen (also das, was Nutzer*innen zeitgleich in den sozialen Medien veranstalten) sehr ausfschlussreich. Da ging es dann nämlich wieder los: Woah, sind die dünn. Bestimmt magersüchtig, muahahaha.

Die brauchen auf jeden Fall was zu essen.

Außerdem sind die schon so dünn, dass die gar keine richtigen Frauen mehr sind.

Womit wir beim Thema wären: Dieses unsägliche „Bones are for dogs“ Meme.

Nur ein Experte kann mit Kurven umgehen. Du würdest ja auch kein Steak essen, das nur aus Knochen besteht. Echte Männer stehen auf Fleisch. Und so weiter und so fort.

Das ist nicht nur Body Shaming allererster Schlechte, sondern obendrein auch noch frappierend selbstgefällig und herablassend. Denn tatsächlich scheinen viele der in diesem Vorgang Beteiligten den Eindruck zu haben, sie würden das Richtige tun und sich an die Seite derjenigen stellen, die sonst immer zu leiden hätten. Weil ja abgewerteten dicken Frauen nichts besseres passieren kann, als wenn zur Abwechslung mal dünne Frauen abgewertet werden. Und Männer sowieso auch total davon profitieren, mit Hunden verglichen zu werden. Glücklicherweise gibt es aber auch immer welche, die die Dinge beim Namen nennen und Leute, die was von „Kinderkörpern“ und „Minibrüsten“ faseln, verbal in die Schranken weisen.

Eine diskriminierende Gesellschaft wird niemals dadurch besser, dass sie sich dazu entschließt, irgendwann auch mal eine andere Gruppe zu diskriminieren. Denn

  1. Diskriminierung bleibt Diskriminierung bleibt Diskriminierung.
  2. Erfahrungsgemäß kann die ursprünglich schlechter gestellte Gruppe (in diesem Fall dicke Frauen) mitnichten darauf hoffen, dadurch besser behandelt zu werden.
  3. Zeigt ein solches Vorgehen nur, wie tief Diskriminierungsstrategien verankert sind und wie sehr ein grundsätzliches Umdenken nötig ist.

Also ja: Essstörungen wie Magersucht sind und bleiben ein großes Problem – nicht nur aber gerade für Mädchen und junge Frauen. Aber jemanden für welche Körperform auch immer zu beschämen, löst dieses Problem nicht. Nicht mal ein bisschen.