Pandemie der Ungleichberechtigung

Das sieht nicht gut aus. Also nicht nur der Umstand, dass wir es mit neuen Coronamutanten zu tun haben, die Impfstoffverteilung nicht in die Gänge kommt und die politisch Verantwortlichen sich verhalten, als gäbe es außer ihnen noch sonst irgendjemanden, der Entscheidungen treffen muss. Sondern auch die Auswirkungen dieser in ihr zweites Jahr gehenden Pandemie auf Zivilgesellschaft, Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit. Es hatte sich ja schon zu Beginn dieser Krise angekündigt: Muttis werden es richten müssen. Schließlich wurden und werden Frauen nach wie vor für den überwiegenden Teil der Care-Arbeit verantwortlich gemacht, da ist es nur folgerichtig, wenn ihnen jetzt der Großteil der mehranfallenden Sorgearbeit zugemutet wird.

Also sitzen sie an der Homeschooling-Front, ersetzen die ausgefallenen Kita- und Schulmittagessen, trösten, erklären, putzen – und sind nebenbei auch noch irgendwie im Homeoffice. Das heißt nicht, dass Väter nicht auch im Homeoffice wären oder sich zu Hause nicht mehr einbringen würden. Aber selbst wenn die Steigerungsrate von kaum Care-Arbeit zu deutlich mehr Care-Arbeit bei Männern der bei Frauen von viel Care-Arbeit zu extrem viel Care-Arbeit entspricht, kann von Gleichberechtigung keine Rede sein. Die Realität sieht zu oft so aus, wie sie der Tagesspiegel beschreibt:

“Die Väter retten sich ins einzige abschließbare Zimmer der Wohnung und führen dort den ganzen Tag Video-Calls, die Mütter stellen ihren Laptop auf den Esstisch und versuchen sich gleichzeitig auf ihre Arbeit und die Schulaufgaben der Kinder zu konzentrieren. “

Für dieses Mehr an Care-Arbeit, fürs Kümmern und fürs Übernehmen der Verantwortung werden Frauen übrigens nicht nur finanziell durch “Erziehungszeiten, Teilzeitjobs und geringere Gehälter” benachteiligt, wie das ZDF richtig festhält. Sie werden auch aufgefordert, selber etwas dagegen zu unternehmen. Also nicht etwa mehr Geld verlangen wie im Mai 2020. Das wäre ja unweiblich, unmütterlich, gierig und überhaupt nicht mehr weich und kümmernd. Mütter sind die, die hüpfend und gut gelaunt in schwierigen Zeiten zu leisten haben.

Und für spätere Zeiten sollen sie gefälligst besser vorsorgen. Ein Mann ist schließlich keine Altersvorsorge. Das ist selbstverständlich richtig, aber wieso sollte die Verbesserung der Altersvorsorge eigentlich auf diejenigen abgewälzt werden, die um sie betrogen werden?

Was ist mit dem vollumfänglichen Anrechnen von Erziehungszeiten, mit der Aufwertung von Teilzeitarbeit und fairen Gehältern? Wer B sagt (Frauen kümmern sich zu wenig um ihre Finanzen), der sollte auch A gesagt haben und dagegen ausreichend Schritte unternommen haben:
Frauen werden ums Finanzielle beschissen.

Also muss und wird, wie Daniel Gernhard in der Zeit schreibt, Gleichberechtigung weh tun. Ein bisschen feministisch zu twittern und sich im Ernstfall dann doch wieder in geschlechterstereotype Floskeln zum Schutz der eigenen Privilegien zu flüchten – das wird nicht reichen. Hier und jetzt, in dieser für die meisten schwierigen und zähen Pandemie, wird verhandelt, wie Liebe und Beziehung gestaltet werden, was sie wert sind und mit wie viel Wertschätzung wir einander begegnen. Spoileralerm: Dass fast 70% der Frauen den Haushalt schmeißen und die Kinder betreuen, während etwa genauso viele Männer der Auffassung sind, die Aufgaben seien gerecht verteilt, ist nicht hilfreich. Im Gegenteil: Es gibt Umfragen, die darauf hinweisen, dass sich die Scheidungsrate nach Ende der Pandemie – also wenn die Menschen auch wirklich wieder frei sind, ihrer Wege zu gehen – um ein Fünffaches erhöhen könnte. Es wird sich rächen, dass wir Liebe, Beziehung und Verantwortlichkeit nicht schon vor der Pandemie gleichberechtigt gestaltet haben, weil wir in Krisenzeiten gar nicht in der Lage sind, strukturell etwas zu verbessern. Im Überlebensmodus greift man auf die Strukturen zurück, die man angelegt hat und hofft, dass sie tragen. Wir haben aber keine Gleichberechtigung auf Vorrat angelegt.
Und genau deswegen sieht es, wie eingangs erwähnt, leider gar nicht gut aus.

Bild: Pinkstinks Germany e.V.

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