Vater von zwei Töchtern zu sein ist mit das Großartigste, das mir je passiert ist. Neben meinen beiden Söhnen sind sie praktisch meine Lieblingsmenschen. Mein großes Mädchen ist mit ihren zwölf Jahren schlagfertig, hilfsbereit, mutig und ziemlich klug. Sie hat eine große Klappe und ein noch größeres Herz. Mein kleines Mädchen ist mit ihrem einen Jahr der freundlichste und liebste Mensch, den ich kenne. Sie  erträgt geduldig, wenn ihre Geschwister über sie herfallen, beobachtet amüsiert unser Familienchaos und schenkt jedem ein strahlendes Lächeln. Es gibt also viele gute Gründe für mich, ein glücklicher Vater zu sein. Aber da ist auch noch etwas anderes:

In einer Ecke neben der Eingangstür lehnt ein imaginärer Knüppel an der Wand. Ich habe ihn mir weder ausgedacht noch dorthin gestellt, aber er begleitet mich seit ich Töchter habe. Und er will von mir benutzt werden. In letzter Zeit werde ich immer häufiger dazu aufgefordert. Meine Große komme ja jetzt in dieses Alter, heißt es dann. Überhaupt sei es bald so weit: In nicht allzu ferner Zukunft wird meine Tochter Sex mit einem Vertreter meines eigenen Geschlechts haben. Als Vater wird von mir erwartet, das furchtbar zu finden.

In Gesprächen kursiert besagter Knüppel, den ich und alle anderen Töchterväter für die natürlich allesamt grauenhaften Boyfriends bereithalten sollten. Mann weiß ja schließlich aus eigener Erfahrung wie schwanzgesteuert Jungen in dem Alter sind.

Und im Internet kursieren Listen, auf denen detailliert beschrieben wird, was Jungen von einem Vater zu erwarten haben, mit dessen Tochter sie sich verabreden wollen: Misstrauen, Ablehnung, möglicherweise Gewalt. Laut dieser Listen bin ich überall, lauere im Dunkeln und habe keine Angst davor, wieder ins Gefängnis zu wandern. Denn Menschen sterben nicht durch Waffen. Sie sterben durch die Väter schöner Töchter.

Ich finde das tatsächlich furchtbar. Nicht, weil meine älteste Tochter an der Schwelle zu einer hoffentlich selbstbestimmten und erfüllten Sexualität steht und nicht – selbst wenn die Vorstellung schmerzt – weil sie dabei womöglich auch an jemanden geraten könnte, der nicht DER Richtige ist. Es ist furchtbar, weil ihre Sexualität, ihr Körper und ihr Geschlecht dabei von Anfang an trophäisiert werden. Meine Tochter hat etwas zu geben und mir kommt die Aufgabe zu, genau zu überwachen, wer sich nehmen darf. Sie ist eine Sache, die Mann aufreißen und an der Mann sich bedienen wird. Deshalb soll ich Witze darüber machen, dass sie ihren ersten Sex erst mit Mitte Dreißig haben dürfen, und immer mal wieder auf die Hausordnung hinweisen.

«Sie ist meine Prinzessin, nicht deine Eroberung.»
«Wenn du ihr wehtust, tue ich dir weh.»
«Meine Tochter ist ein Engel, du bist der Teufel.»

Dem sei nichts hinzuzufügen, heißt es im Väterblog Daddylicious. Ich seh das anders. Denn für meine beiden Söhne gilt diese Hausordnung selbstredend nicht. Sie brauchen meinen Schutz nicht, im Gegenteil: Sie sind nämlich qua Geschlechtshaftung auch des Teufels. Andere Töchterväter haben imaginierte Knüppel neben ihren Eingangstüren stehen, weil zu befürchten steht, dass meine Jungs sich an ihnen die Hörner abstoßen könnten. Niemand geht davon aus, dass ihre ersten sexuellen Erfahrungen verstörend, gefährlich oder verletzend sein könnten. Niemand macht sich Sorgen darüber, dass es nicht DIE Richtige sein könnte. Niemand käme auf die Idee, sie seien danach beschädigt. Jungen werden sich schon irgendwie zurechtficken. Mädchen hingegen werden von anderen zurechtgefickt werden. Das Ganze ist eine perfide selbsterfüllende Prophezeiung, bei der die Sexualität von Mädchen so lange problematisiert wird, bis sie schließlich ein Problem ist. Bis ihre Geschlechtlichkeit, ja ihre schiere Existenz Unbehagen auslöst. Geschlechtsreife Mädchen, das sind nach dieser Logik die offenen Flanken ihrer Väter. Die periodenblutigen Flecken auf männlicher Ehre.
Dementsprechend können Mädchen den Stolz ihrer Väter nie mehren, sondern als Objekt des Ekels und der Begierde lediglich dafür Sorge tragen, dass sich dieser Stolz nicht verringert.

Ich kann das so nicht akzeptieren. Nicht nur, weil dieses Konzept so ganz nebenbei und wie selbstverständlich jede Lebenswirklichkeit jenseits der Heterosexualität ausblendet. Sondern vor allem, weil ich es als Verrat an meinen Töchtern empfinden würde. Sie müssen in einer Welt aufwachsen, in der sie ständig auf der Hut sein sollen, weil Mann ihnen angeblich oder tatsächlich an die Möse will. Die gleiche Möse, die Mann bei anderer Gelegenheit wiederum so abstoßend findet, dass sie bitteschön möglichst unauffällig und geruchlos daherzukommen hat. Es ist kein Zufall, dass die Zahl der Patientinnen, die sich aus ästhetischen Gründen einem intimchirurgischen Eingriff unterziehen, in den letzten Jahren stark angestiegen ist. Und es ist auch kein Zufall, dass der beliebteste dieser Eingriff ausgerechnet «die Barbie» heisst. Eine operative Anpassung zur Optik einer Puppe also, die überhaupt kein primäres Geschlechtsorgan hat. Mösen, so scheint es, haben in dieser Welt nur Geltung mit männlichem Verwendungszweck.

Die Lage ist also schlimm genug. Das Letzte, was meine Mädchen brauchen können, ist ein Vater, der ihnen mit einem herbeizitierten Geschlechterknüppel in den Rücken fällt und sie für Verhaltensweisen zu Schlampen erklärt, für die ihm seine Söhne als Hengste gelten würden. Deshalb hier mal ein paar neue väterliche Regeln für Verabredungen mit Töchtern, die auch gerne für die Söhne übernommen werden können.

Meine Töchter sind nicht mein Besitz.
Ich bin nicht der Türsteher ihrer Sexualität.
Es sind nicht deine und nicht meine Regeln. Es sind ihre Regeln.
Ihre Körper, ihre Regeln.
Halte dich an ihre Regeln.