Ich habe noch nie so viel über Sex gelernt wie in den vergangenen Monaten. Nicht, weil die Pandemie-Beschränkungen polyamouröse Experimente befeuert hätten, nein, seit Anfang des Jahres mache ich eine Fortbildung zur Sexualberaterin. Das ist eine Ausbildung, mit der ich Menschen bei Herausforderungen in ihrer Sexualität unterstütze. Eine tolle Sache – aber nicht für jede*n.

Denn so viel Zustimmung ich für meine Berufswahl von meinem inneren Kreis bekomme, so viel Gegenwind gibt es von Menschen, die sich auf erstaunliche Weise angegriffen fühlen, wenn ich von meinem Interesse an Sexualität erzähle. Vor allem, wenn es nicht mit einem Flirt-Versuch verbunden ist. Es erstaunt mich immer wieder, so lange Sex frei von Sexualität ist, darf er sein – dringt er tiefer, stößt er auf Widerstand.

Das weist nicht zufällig Ähnlichkeiten zum Feminismus auf. Ein T-Shirt als Statement ist ok, eine feministische Haltung muss runtergemacht werden. Das habe ich immer wieder in persönlichen Gesprächen, beruflichen Kontexten und im Rahmen dieser Kolumne erlebt. Es hat einige Zeit gedauert, zu begreifen, dass der Widerstand, die Wut und Zurechtweisung, die mir als sexpositive Feministin entgegen schlagen, nichts mit mir zu tun haben, aber sehr viel mit den Menschen, die sich emotional erregen.

So ist es ja in vielen Formen des Miteinanders: Meinung oder Kritik, so konstruktiv und wertschätzend sie intendiert und formuliert ist, bedarf der Fähigkeit des anderen, Auseinandersetzung nicht als Angriff zu begreifen. Das ist im Feminismus nicht anders: Es hängt vom Gegenüber ab, ob eine allgemeingültige Aussage zum Gender Pay Gap hingenommen und neutral hinterfragt diskutiert wird, oder ob die andere Person sich rotgesichtig ereifert, ich hätte keine Ahnung, kein Recht und sei sowieso eine blöde Fotze, die nur mal wieder anständig gefickt gehörte. Aber auch Ficken ist eine Angelegenheit auf Augenhöhe.

In meiner Sexualberater*in-Ausbildung haben wir uns nach vielen Stunden Video-Unterricht nun erstmals wieder in einem Raum getroffen. Neben den theoretischen Grundlagen leitet unsere Lehrerin auch immer wieder Körperübungen an, damit wir dass, was wir unseren späteren Klient*innen vermitteln wollen, auch selbst erfahren haben. Was nicht heißt, dass wir wild miteinander kopulieren. Im Gegenteil, wir lernen, in Kontakt mit uns selbst zu kommen. Klingt furchtbar esoterisch und ich gebe zu, da schon über manches Stöckchen gesprungen zu sein. Aber ich bin nicht alleine mit meiner Einstellung. Ein Teilnehmer – der einzige Cis-Mann in einer Runde von Cis-Frauen – erklärte bei einer Übung, welchen großen Widerstand sie in ihm auslöse. Er tat das ganz ruhig und freimütig, obwohl er eingestand, dass auch das ihm nicht leicht falle. Ich fand es super. Weil er statt loszuplärren, das eigene Gefühl benennen konnte. Selbst wenn es ein unangenehmes Gefühl war.

Es ist immer leichter, sich oberflächlich zu empören, als den eindringlichen Tönen zuzuhören – weil diese womöglich etwas in unserem Inneren berühren, wo wir lieber nicht hinschauen möchten. Denn das hieße, im eigenen Leben Verantwortung zu übernehmen. Also lieber schreiend auf andere zeigen, als sich auf Augenhöhe aneinander reiben.

Erregung gibt es eben im doppelten Wortsinne: sexuell und emotional – wobei ich nicht ausschließen möchte, dass die sexuelle Erregung frei von Emotionen wäre. Aber was beiden gemein ist, der sexuellen Erregung und der emotionalen Empörung, sie drängen nach Entladung. In unserem Inneren baut sich etwas auf, für das wir ein Ventil brauchen – einen Orgasmus oder einen Wutausbruch. Nicht nur aus meiner Ausbildung weiß ich: Je angespannter und verkrampfter die Erregung zum Höhepunkt gelenkt wird, desto unbefriedigender fällt er aus. Klar, er wirkt erleichternd, aber die Grundfesten erschüttert er nicht. So betrachtet mag die ständige feministische Empörung für Lautstärke sorgen, die patriarchalen Fundamente greift sie nicht an. Im Gegenteil, sie lenkt ab und verliert sich in Oberflächlichkeiten. Aber Fortschritt ist kein Oberflächenreiz.

Wir brauchen Erregung, um in einem Bedürfnis befriedigt zu werden, aber in welcher Form wir ihr nachgeben, sie lenken und schließlich zur eigenen Befriedigung befähigen, sollten wir selbst wählen – ungeachtet der lautstarken Besserwisserei anderer. Potenz ist Potential und erfolgreich im Miteinander, nicht im Widerstand. Wenn ich eins in den vergangenen Monaten gelernt habe, dann dass Reibung keine Frage von Heftigkeit, Egozentrik und Lautstärke ist – das gilt für Sexualität wie für Feminismus. Wer sich darüber empören möchte, nutze einen Spiegel. Denn es geht immer um eine*n selbst, nicht um die oder den andere*n.

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