„Männer verhalten sich oft wie Brüder, wenn sie es längst nicht mehr tun sollten. Geben sich gerne liberal, aber tolerieren Sexismus, vor allem wenn Frauen nicht da sind.“
Diese Sätze stammen von dem Journalisten Matthias Bolsinger, der im Magazin der Süddeutschen Zeitung vor einigen Monaten einen sehr dichten, klugen Text darüber geschrieben hat, warum Übergriffigkeit und Sexismus nicht immer nur Sache der anderen ist und es sich durchaus lohnt, bei sich selbst anzufangen. Dabei hinterfragt er nicht nur sein aktives Verhalten, sondern auch sein passives Abwarten, sein Schweigen, sein Nichtstun. Denn Männer, die wirklich zuhören wollten, konnten aus der #MeToo nicht nur lernen, dass sie kaum eine Frau kennen, die keine Erfahrung mit Übergriffigkeiten gemacht hat. Sie mussten sich auch der Tatsache stellen, dass sie glaubten, nie dabei gewesen zu sein, obwohl sie genau daneben saßen. Dass sie weiter an ihrem Bierchen nippten, wenn jemand eine Bekannte als billige Schlampe bezeichnete oder der Kellnerin an den Hintern fasste oder erzählte das Frauen nicht Auto fahren können, weil ihre Brüste beim Lenken stören, höhö.

Aber wenn mann auch nur ein halbes Ohr für sexistische Sprüche hat und sie einen nicht einfach umspülen wie Wasser einen Fisch, dann gibt es da diesen Moment. Diese paar Sekunden, in denen mann die Wahl hat: Schau ich weg/nicke ich den sexistischen Kommentar ab/lache ich in den frauenverachtenden Witz rein – oder sag ich etwas? Auch auf die Gefahr hin, dass es die Stimmung vermiest, den Abend versaut und der andere es mir übel nimmt. Über genau diese Sekunden hat die australische NGO Our Watch eine Kampagne auf die Beine gestellt. Zusammen mit einer Werbeagentur und Google realisierten sie Spots, in denen die Zuschauenden die Wahl haben, das Gesagte einfach stehen zu lassen

oder per Klick aktiv zu werden, um das Geschehen in eine andere Richtung zu lenken.

Der Clou dabei: Wer etwas unternimmt bekommt die Gegenreaktion zu sehen und die Kampagne nicht mehr angezeigt. Wer nichts tut, dem werden durch Retargeting die Spots immer wieder serviert.

Die Kampagne ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Auf die Idee, Menschen mit solchen Clips so lange auf die Nerven zu gehen, bis sie etwas tun, muss man erst mal kommen. Auch der klare Hinweis darauf, dass es eben nicht nur Männer sind, die diese Situationen beschweigen, fehlt nicht.

Aber am deutlichsten funktionieren die Spots über das präzise Spiel, die genaue Beobachtung und die schon fast banale Alltäglichkeit. Die betretenden Mienen, die angesetzte Erwiderung, das bewusste Wegschauen –

das alles ist schmerzhaft genau. Man möchte die Betreffenden schütteln und sie anschreien „Sag doch eindlich was!“ Oder dem Schmierlappen gleich selber in die Parade fahren. Denn auch darin ist die Kampagne sehr nah an der Realität.

Was als Auflösung folgt, sind nämlich keine dramatischen Gesten. Niemand steht vom Tisch auf, wirft seine Serviette hin und schüttet dem Arsch sein Wasser ins Gesicht. Niemand fordert ihn auf zu gehen. Stattdessen wird er vorsichtig-jovial korrigiert oder vor der Kellnerin entschuldigt. Man kann das völlig zu Recht für zu wenig halten. Oder sich fragen, warum selbst dieses Bisschen fast immer zu viel verlangt ist. Warum sich gerade Männer noch nicht mal dazu aufraffen können.

Es geht ja nicht um eine sofort durchgeführte mehrstündige Läuterung des Sexisten, um eine Intervention oder die Androhung der Aufkündigung einer langjährigen Freundschaft. Es geht um den Hauch einer Richtigstellung. Es geht darum anzuerkennen, das dieses Verhalten es uns mindestens wert sein sollte, die Stimmung kurz runterzuziehen und den Mund aufzumachen.

Aber leider ist es zu oft so wie Matthias Bolsinger schreibt:
„Männer verpassen es nicht nur, mit Frauen zu reden. Männer verpassen es auch, Männer mit Sexismus zu konfrontieren. In diesem Schweigen entsteht der Eindruck, dass er Männern egal ist.“