Meine Tochter will nicht Vulva sagen. Wenn ich von Vulva spreche, sagt sie mir, sie mag das Wort nicht und sagt lieber weiter Scheide. „Aber das, was du von außen sehen kannst, heißt Vulva.“, sage ich ihr. Ist ihr aber egal. Sie findet Scheide schöner.

Jetzt frage ich mich einiges. Erstens, was ich jetzt mache. Ich kann sie ja schlecht zwingen, ihre Körperteile anders zu nennen, als sie das will. Her body, her rules. Zweitens frage ich mich, wie viel Verantwortung an dieser Fehlbenennung ich trage. Ich habe nämlich auch sehr lange Scheide zu Vulva gesagt. Weil ich es nicht besser wusste – und auch nicht besonders ausführlich beigebracht bekommen habe. In meiner Kindheit hatten Jungs einen Penis und das, was wir Mädchen hatten, war „Scheide“, oder, noch häufiger, einfach das „da unten“. In meiner Erinnerung lernte ich über meine Geschlechtsorgane genau folgendes: Mein „da unten“ war nur das gegengleiche Bauteil für den erigierten Penis, damit es Kinder gibt, aber ich sollte verdammt noch mal aufpassen, nicht schwanger zu werden, weil das wäre dann meine Schuld. Wie das mit meiner Anatomie oder meiner eigenen Erregung war, interessierte keinen. Das musste ich mir selbst beibringen. Was ich bisweilen schwierig fand, weil weibliche Lust ja nicht überall den besten Ruf hat, geschweige denn überhaupt als notwendig angesehen wird, im Alltag wie in der Forschung. Die wirkliche Größe der Klitoris wurde zum Beispiel erst entdeckt, da war ich schon fast mit dem Grundstudium fertig. Und noch viel später erst lernte ich, dass es eben gar nicht Scheide heißt, sondern Vulva. Als ich dann anfing, Vulva zu sagen, klang das vermutlich so ähnlich, wie wenn ich früher im Deutschunterricht das Versmaß geraten habe: Jambus? Trochäus? Daktylus? Aber während ich nach der Schulzeit das Versmaß nie wieder gebraucht habe, waren meine Vulva und meine sexuelle Emanzipation mein ganzes Leben lang wichtige Begleiterinnen. Das war manchmal ziemlich enttäuschend und krampfig und anstrengend.

Ich wünsche mir, dass das bei meiner Tochter entspannter läuft. Dass für sie „da unten“ von Anfang an eine Region ist, in der sie sich gut auskennt. Ich wünsche mir, dass sie zum Beispiel weiß, dass Vulven ganz ganz verschieden aussehen können und jede ganz normal und schön ist. Und dass sie sich keine Sorgen über beknackte Schönheitsideale oder Mythen machen wird. Was es da für ein Scheiß gab und gibt, ist wirklich unglaublich. Nur zwei von vielen Bullshit-Beispielen: Uns wird suggeriert, dass zu lange innere Schamlippen und sowieso jede Vulva, die nicht aussieht wie ein genormtes Industriebrötchen, falsch und hässlich ist. Uns wird erzählt, dass der erste Sex nach einer vaginalen Geburt so sei, als würde man eine Salami in den Flur werfen, damit wir uns besorgt fragen, wie wir unsere Vagina schnell wieder eng kriegen, anstatt uns ausgiebig dafür zu feiern, dass unser phänomenaler Körper einen Menschen gebaut und geboren hat.

Also: Ich finde mich und meinen Körper nicht mehr falsch wegen patriarchal konstruierter Makel. Dazu gehört für mich auch, Vulva und nicht Scheide zu sagen. Weil es richtig ist und weil es so falsch war, sie so lange unwichtig zu finden. Ich versuche, weiter dazu zu lernen und darüber nachzudenken, wie ich dazu beitragen kann, dass alle Menschen sich mögen, gesehen und respektiert fühlen können. Meine Tochter zum Beispiel. Wegen mir kann sie erstmal weiter Scheide sagen. Aber ich werde mit Vulva antworten und sie weiter fröhlich mit Wissen und Namen und Selbstbewusstsein versorgen.

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Buzzfeed

Bildquelle: Unsplash