Inhaltshinweis: Im folgenden Text geht es um sexualisierte Gewalt. Du bist von Gewalt betroffen? Oder möchtest betroffene Menschen aus deinem Umfeld unterstützen? In unserer Datenbank findest du hilfreiche Anlaufstellen zum Thema.
Das Gute daran, wenn man so lange gegen sexualisierte Gewalt anschreibt und kämpft wie ich, ist, dass man bei aktuellen Fällen nicht in die Verlegenheit gerät, plötzlich auch mal etwas sagen zu müssen.
Das Schlechte daran, wenn man so lange gegen sexualisierte Gewalt anschreibt und kämpft wie ich, ist, dass man es kaum noch aushält. Denn ich kann nicht vergessen. Und vergeben werde ich auch nicht.
Kein Vergessen
Seit über zwei Jahrzehnten schaue ich mir jetzt an, wie Männer entweder mitmachen, gar nichts oder schockiert tun. Wie sie sich am Leid von Frauen ergötzen, wegschauen oder affektierten Schock zu einer Unkulturtechnik entwickeln, derer sie sich immer dann bedienen, wenn der nächste Fall sexualisierter Gewalt an Frauen durch die Presse geht.
Ich schaue mir das an und mache mir Notizen. Deshalb habe ich nicht vergessen, mit welcher geifernden, frauenverachtenden Berichterstattung die Bild-Zeitung 2004 auf die Schauspielerin Sibel Kekilli losging und ihren Eltern aufgelauert hat, weil Kekilli nackt in Filmen mitgewirkt hatte.¹ Viele Männer reagierten damals genau wie heute im Fall Collien Fernandes: Tragisch, tragisch, wo gibt es denn Bilder von der geilen Schlampe?
Und ich werde auch niemals die Lügen vergessen, mit denen die Springer-Presse 2024 über eine Berliner Polizistin behauptete, sie sei eine trans* Frau, die in ihrer Wohnung zwei Kollegen unter Drogen gesetzt und mit Penispumpen gefoltert habe.²
Ich habe den #Aufschrei, #Imzugpassiert und die Ausstellung #Männerwelten nicht vergessen. Ich habe nicht vergessen, dass wir in einem Land leben, in dem Frauen und Mädchen auf dem Oktoberfest vergewaltigt werden. In dem ein – so schreibt es der Spiegel wirklich – »Familienvater« ein 13-jähriges Mädchen zuerst mit dem Auto anfährt, um sie anschließend zu vergewaltigen.³ In dem Frauen und Mädchen von Pflegern und Narkoseärzten vergewaltigt werden. Oder während einer Darmspiegelung.⁴
Sexualisierte Gewalt als Naturkatastrophe
Das alles passiert. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Gewalttat türmt sich auf Gewalttat. Frauenkörper geraten unter Lügen, Beschimpfungen und in Männerhände. Hier noch ein übergriffiger Prominenter mit Vorliebe für Minderjährige, da noch ein Netzwerk pädokrimineller Verbrecher. Ich schreibe darüber. Immer wieder. Über die Normalität des Falls Pelicot.⁵
Darüber, wie sexualisierte Gewalt als Naturkatastrophe behandelt wird, über die Mann sich zwar schockiert gibt, gegen die aber – leider, leider – nichts zu machen ist.⁶ Und auch darüber, wie Männer versuchen, Gespräche unter Frauen als Klatsch und Tratsch abzutun, damit den Frauen dieses jahrhundertealte Frühwarnsystem vor übergriffigen Männern nicht mehr zur Verfügung steht.⁷
Wie viele werden diese Mal zerschellen?
Es fällt mir schwer, mich darüber zu freuen, wenn mir jetzt erzählt wird, dass es sich diesmal anders anfühlt. Dass sich dieses Mal wirklich prominente Männer äußern, nach Worten ringen, versuchen solidarisch zu sein und das Richtige zu tun. Es fällt mir schwer, meinen eigenen Zynismus zu überwinden.
Ich klicke mich durch Instagram-Stories, in denen Männer mal mehr, mal weniger smart und ausführlich Stellung nehmen. Ich versuche ihnen keine Vorwürfe zu machen. Stattdessen vergleiche ich mit anderen Fällen und rechne hoch, wann was als Nächstes passiert: Wie viele Demos, wie viel Aufmerksamkeit, wann kommt der Prozess? Wie viele betroffene Frauen werden an diesem Fall zerschellen und für lange Zeit – wenn nicht für immer – verstummen? Weil sie so traumatisiert und hilflos sind, dass sie es im Gegensatz zu mir nicht »kaum« mehr aushalten. Sondern gar nicht mehr.
Wir alle kennen Täter
Ich sehe mir Männer an, die ihre Gesichter in die Kamera halten, und ärgere mich, dass ich das selbst nicht gut kann. Ich hasse kamerabezogene Selbstgespräche. Ich bin schlecht darin. Mein Job ist es, Texte zu schreiben und Kampagnen zu entwickeln. Oder an einem Staatstheater einem Bühnentechniker ins Wort zu fallen, der sich bei einer Veranstaltung zum Thema »Sexismus am Arbeitsplatz« darüber auslässt, dass sich eine Darstellerin über einen grapschenden Kollegen beschwert hat. Weil: Was, wenn das nicht stimmt? Und überhaupt: Er kennt er niemanden, der so etwas tut.
Wieso er sofort von einer – übrigens höchst unwahrscheinlichen – Falschbeschuldigung ausgeht, frage ich zurück. Und was, wenn es stimmt? Und ja, er kenne auf jeden Fall so jemanden: »Entweder sind Sie selbst Täter, oder Sie sind mit einem verwandt, befreundet oder beruflich verbunden.« Er reißt die Augen auf und brummt missbilligend vor sich hin. Noch so ein schockierter Mann.
Das patriarchale Zeuginnenbeseitigungsprogramm
Wenn ich richtig gerechnet habe, dann beginnt das Patriarchat in ein bis zwei Wochen mit dem, was ich Zeuginnenbeseitigungsprogramm nenne: Männer fangen an, in größerem Umfang Frauen ihren Unmut und ihre Wut abzusprechen. Sie lassen den Fall um Collien Fernandes in den Hintergrund rücken, berichten nur noch sporadisch darüber. Sie behaupten, schon immer dagegen gewesen zu sein. Und was soll das alles überhaupt? Es ging ja schließlich nicht um echte Nacktbilder. Und wer denkt eigentlich an das arme Kind?
Niemand sollte die Macht des patriarchalen Zeuginnenbeseitigungsprogramms unterschätzen: Frauen, die widersprechen, Frauen mit eigenen Überzeugungen, Ex-Freundinnen, Partnerinnen, die sich nicht besitzen und nicht über sich verfügen lassen wollen, Arbeitskolleginnen, die Mansplaining nicht als Genialität abkaufen, unwillige, unbequeme, ungeile Frauen – ihrer wird Mann sich auf die eine oder andere Weise entledigen, um sich selbst auch und gerade vor weiblichem Publikum neu erfinden zu können. Unter anderem als schockierter Mann. Damit es immer wieder neu und spontan wirkt. Und nicht wie ein systemisches Männerproblem.
Unendliche Fassungslosigkeit
Es ist als würde eine Frau ihrem Partner/Freund/Kollegen/Verwandten aus der Zeitung einen Fall von sexualisierter Gewalt gegen Frauen schildern. »Oh mein Gott, das wusste ich nicht. Ich bin fassungslos. Dagegen muss dringend etwas getan werden«, sagt er dann. Sie liest den nächsten Fall vor. Es ertönt ein klassisches Windows-Absturzgeräusch.⁸ Und dann sagt er: »Oh mein Gott, das wusste ich nicht. Ich bin fassungslos. Dagegen muss dringend etwas getan werden.«
Egal wie grenzenlos und ausufernd sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist: mit entsprechendem Zeuginnenbeseitigungsprogramm ist der männliche Schock darüber stets ein bisschen grenzenloser und ausufernder. Mann gaslightet, leugnet, beschwichtigt, lügt, verlässt, stellt kalt oder bringt um. Je nachdem wie nachhaltig die entsprechende Zeugin beseitigt werden muss. Je nachdem wie entsetzlich das ist, was sie bezeugt.
Mehr habe ich nicht anzubieten: Ich werde auch diesen Fall nicht vergessen. Und ich werde nicht vergeben. Ich werde kämpfen und dagegen anschreiben. Ich werde verraten, wie wir Männer es anstellen. Noch reicht meine Kraft.
Disclaimer
Wenn wir von Frauen und Männern sprechen, beziehen wir uns auf strukturelle gesellschaftliche Rollen, die weiblich und männlich gelesene Personen betreffen. Gleiches gilt für die Adjektive »weiblich« und »männlich«. In Statistiken und Studien, die wir zitieren, wird leider oft nur zwischen Frau und Mann differenziert.
Quellenangaben
Folgende Links führen dich auf eine andere Website
- spiegel.de: »Missbrauch nach Verkehrsunfall: Fast elf Jahre Haft für Vergewaltiger«.
- aerzteblatt.de: »Vergewaltigung bei Darmspiegelung: Arzt zu Haftstrafe verurteilt«.
- derstandard.at: »Der Fall Pelicot: Unfassbar? Monströs?«.
- derstandard.de: »Was in Männerwelten unsichtbar bleibt«.
- derstandard.de: »Reden über Dates mit Männern: Diffamierung, Klatsch und Tratsch als Lebensversicherung«.
- youtube.com: »Evolution Windows Error Sound«.