Wahrscheinlich kennen viele von euch die Plakette „Schule ohne Rassismus“, die an über 2000 deutschen Schulen hängt. Schulen können sich für diese Plakette bei der Bundeskoordinationsstelle des Projekts bewerben. Sie wird verliehen, wenn man die hier geforderten Kriterien erfüllt. Finanziert wird das Projekt von der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Bundesfamilienministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend sowie der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft: Ein sehr offizielles Projekt also. Auch wenn ihr (wie auch wir) vielleicht Schulen kennt, die in ihrer Sensibilisierung gegen Rassismus dringend nachziehen sollten und trotzdem die Plakette tragen, hat sich einiges bewegt: Schüler*innen an Schulen, die „Schule ohne Rassismus“ sind, kennen schon mal das Wort an sich und sind häufig stolz darauf, an einer Schule zu sein, die sich (mehr oder weniger) gegen Rassismus einsetzt.

Als ich neulich im Bundestag von den Grünen / Bündnis 90 als Expertin geladen war (zur Anhörung eines möglichen – von der Fraktion DIE LINKE geforderten – bundesweiten Aktionsplans gegen Sexismus), kam die Frage auf, wie man die Gesellschaft am effektivsten gegen Sexismus sensibilisieren könne. Meine Antwort: Es fehle eine Plakette „Schule gegen Sexismus“. Dass unsere Theaterarbeit an Schulen gegen Sexismus so stark nachgefragt wird bezeugt, dass sich Lehrer*innen oft hilflos fühlen angesichts von Mädchen, die zu hungrig sind um sich konzentrieren zu können oder Jungen, die sich in Computer-Spielwelten verlieren und den Bezug zur sozialen Interaktion verlieren. Diese genderspezifischen Probleme basieren auf gesellschaftlichem Sexismus, den man schon früh an Schulen thematisieren könnte. Ich sah viele nickende Köpfe im Bundestag und möchte diese Idee deshalb hier weiter ausführen. Denn so richtig konkret scheint eine Umsetzung dieser Idee noch nicht diskutiert worden zu sein.

Dabei sind wir nicht die Ersten, die eine solche Idee bewegen. So gibt es schon eine deutsch / englische Webseite „Schools without Sexism“, von zwei Berliner Elternteilen implementiert, mit einem Statement und einer Forderung zu Sexismus-freien Schulen. Zudem gibt es hier einen englischsprachigen Blog einer Schülerin zum Thema. Auch wenn das Logo grafisch nicht hochaktuell ist (und das „SoS“ raus könnte), gefällt uns die erste Idee: Zwei durchgestrichene, rosa-hellblaue Piktogramme  deuten an, dass Sexismus nicht immer etwas mit nackter Haut zu tun haben muss.

Denn genau hier sehen wir das größte Problem, dass einer Förderung einer solchen Institution gegenüber stünde: „Sexismus“ ist ein Begriff, der immer wieder falsch gedeutet wird. Manche Eltern gehen schon auf die Barrikaden, wenn neue Bildungspläne neben der heterosexuellen Norm auch die Aufklärung über weitere sexuelle Orientierungen fordern. Stellen sich solch konservative Geister beim Wort „Sexismus“ nicht erst recht quer? Wer glaubt, ein Unterricht über sexuelle Vielfalt bestehe in der Anleitung, wie sich Lesben oral befriedigen (als ob Hetero-Eltern das nicht tun würden),

glaubt der* oder die* nicht auch, „Schule ohne Sexismus“ bedeute „Hotpants-Verbot“? Dass aber genau diese politische Hürde des Kommunikationsproblems, würde man sie nehmen, eine Chance böte, wird den Regierungsparteien schwer zu vermitteln sein. Wenn nicht einmal Moderator*innen von Fernseh-Talkshows wissen, was Sexismus ist und der #Aufschrei stets mit der Bluse von Frau Himmelreich gleichgesetzt wird, gibt es unglaublich viel zu tun. Gerade deshalb haben wir im Herbst dieses Plakat produziert

und haben vor, noch viel mehr solcher eingängigen, leicht verständlichen Bilder zu produzieren, denen man schnell entnehmen kann, was Sexismus genau ist. Mit diesen Bildern und weiterem Material wird es ab Herbst bei uns Vortragsreihen zum kostenlosen Download in einem Extra-Bildungsbereich auf der Seite geben – mit verschiedenen Power-Point-Vorträgen für Unterstufe, Mittelstufe und Oberstufe, für Eltern von Kitakindern oder für Firmen. Damit kann jede*r sensibilisieren gehen und jede*r Lehrer*in aktiv werden.

Es wäre inhaltlich ein leichtes, ein solches Angebot durch einen Kriterienkatalog zu ergänzen und daraufhin Plaketten mit „Schule ohne Sexismus“ zu verleihen. Dazu bräuchte man jedoch Personal und Gelder für Infrastruktur und Webseite. Dafür müssen wir dringend wachsen oder optimaler Weise offizielle Förderung beantragen. Gerade haben wir mit dem offiziellen Monitoring für sexistische Werbung genug auf dem Zettel, aber wir führen die ersten Gespräche dazu und sind dran.

Seit der Anhörung im Bundestag haben wir intensiv über eine solche Plakette diskutiert und sind uns auch bewusst geworden, dass eine Schule leider nie Sexismus-frei sein wird, ebenso wie die Plakette „Schule ohne Rassismus“ potenziell Kinder verhöhnt, die an ihrer Schule dennoch Rassismus erfahren. Mein schlimmstes Erlebnis: Eine Schuldirektorin an einer „Schule ohne Rassismus“, die es unsinnig fand, Schokokuss statt N****kuss zu sagen. Insofern wäre die Frage, ob eine „Schule gegen Sexismus“ nicht realistischer ist.

Schreibt uns gerne: Wie fändet ihr eine „Schule gegen / ohne Sexismus?“ Was müsste in den Kriterienkatalog? Lest dazu auch gerne die Erlebnisse dieser Lehrerin, die in der ZEIT über ihre Erfahrungen zu Sexismus an den Schulen schreibt. Was sind eure? Her damit, lasst uns sammeln!

Lieben Gruß, eure Stevie und Team

 

PS: Du möchtest spenden, damit wir mehr gegen Sexismus an Schulen tun können? Sehr gerne und danke für jeden kleinen Beitrag!