Eben bekam ich einen Anruf von einer aufgeregten Dame: „Ich als selbstbewusste Frau möchte es mir ausdrücklich verbitten, mir von irgendwelchen Salafisten, Muslimen ODER auch LINKSRADIKALEN IDEOLOGISTINNEN Vorschriften machen zu lassen! Was fällt Ihnen ein, den Weg über die Politik zu nehmen?“

Seit der SPIEGEL letzte Woche verkündete, Heiko Maas wolle ein Sexismus-Verbot in der Werbung durchsetzen und sei durch uns beraten worden, scheint Deutschland durchzudrehen. Tanit Koch (BILD-Zeitung) und die Ehefrau von FDP-Chef Lindner sind sich einig, dass Pinkstinks alle Frauen zu Opfern macht. (Wer sah „die deutsche Frau“ nach Silvester noch mal in Gefahr? Wir oder die BILD-Zeitung?) „Wir“ sind so was von gleichberechtigt und stark, dass wir so ein Sexismus-Verbot überhaupt nicht brauchen. (Tschuldige, Tanit: Du meinst in „wir“ die vielen Chefredakteurinnen im Land, richtig?) Wenn Journalist*innen anrufen und nicht wissen, was der Deutsche Werberat ist, kann ich das noch verstehen: Die Lage zeigt mal wieder, wie unterbezahlt und überfordert die Branche ist, zum Recherchieren bleibt keine Zeit. Aber die Schlagzeilen sind doch etwas ermüdend. Die SPD ist jetzt eine „Verbotspartei“, Heiko Maas ein „maasloser Spießer“ und ich eine „besorgte Mutti von der Elbe“. Wir fordern übrigens die „Vollverschleierung der Frau“ und flirten mit dem Islamismus. Und die 35.000 Menschen, die uns abonniert haben, was sind die? „GENDERISTEN!“ Ehrlich gesagt, etwas beeindruckt war ich schon: Diesmal behauptete niemand, dass wir auch noch Zwangsprostitution befördern. Einzig der SPIEGEL schrieb in der Print-Ausgabe zwei volle Seiten über Pinkstinks, die grandios recherchiert waren und das Fazit beinhalteten, dass der Werberat als Regulator sexistischer Werbung nicht ausreicht. Die hatten sich aber auch tatsächlich die Mühe gemacht, mit uns zu sprechen.

Man sollte nicht die Hoffnung verlieren, deshalb habe ich für ein großes Online-Portal und die interessierte Öffentlichkeit in 400 Worte gefasst, worum es uns geht. Für alle, die es wirklich interessiert, poste ich das auch hier:

„Seit der SPIEGEL letzte Woche verkündete, Heiko Maas wolle sexistische Werbung verbieten, sind die Zeitungen voll mit Bildern, die es – anscheinend – bald nicht mehr geben wird: Dessous- und Bikini-Werbung, witzige Astra-Werbung, Parfum-Werbung mit halbnackten Grazien. Hier die gute Nachricht: Die will Ihnen keiner weg nehmen! Sicherlich auch nicht Heiko Maas.

Die Organisation Pinkstinks berät seit 2014 SPD-Bundestagsabgeordnete zu einem geplanten Verbot gegen sexistische Werbung. Eine von uns veröffentlichte Gesetzesnorm, über drei Jahre von der prämierten Juristin Dr. Berit Völzmann entwickelt, wird seit über einem Jahr im Justizministerium geprüft. Diese Norm weist absolute Grenzfälle aus, die auch der Deutsche Werberat schon seit Jahren rügt oder abmahnt. Das sind Werbebilder, die

1.) eine Verfügbarkeit von weiblichen Körpern durch „sexualisierte Blickfangwerbung ohne Produktbezug“ herausstellt (der nackte Hintern neben Kontaktlinsen, die prallen Brüste am Baugerüst) oder

2.) ein überzogenes Geschlechtsrollenstereotyp aufweist. Wir meinen hier nicht die Frau neben der Waschmaschine, sondern den Slogan daneben: „Nur Frauen gehören an die Waschmaschine“.

Der Deutsche Werberat, das Selbstkontrollgremium der Werbewirtschaft, hat immer wieder Erfolge im Abmahnen von sexistischer Werbung. Häufig aber auch nicht. So fahren immer wieder LKWs durch Deutschland, in denen sexualisierte Frauen für Umzugsunternehmen, (geile) Bodenbeläge oder Abschleppwagen werben und ein entwürdigendes Frauenrollenbild aufzeigen. Gerade in ländlichen Gegenden ist der Werberat eher unbekannt: „Wie, das soll sexistisch sein? Meine Frau fand das ganz schick!“ sagt dann gerne der Chef einer KfZ-Werkstatt, der am eigenen Rechner eine nackte Frau über einer Kühlerhaube drapiert hat.

Der Werberat müsste sehr viel Werbung für seine Existenz und seine Kriterien machen, damit mehr Beschwerden über sexistische Werbung bei ihm, weniger bei uns landen. Doch selbst wenn der Werberat nach ein paar Tagen eine Entscheidung gefällt hat und das Unternehmen kontaktiert, kann es oft sein, dass das Unternehmen sich stur stellt oder es dauert, bis die Werbung abgehängt wird. Der Werberat hat außer der Rüge keine Sanktionsmechanismen.

Das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb gibt es schon lange, ist unbürokratisch und effizient. Wird unsere Gesetzesnorm in dieses integriert, kann eine Verbraucherschutzorganisation oder ein Mitbewerber über Nacht eine richterliche Verfügung bewirken und das Werbeplakat entfernen lassen, bei Nichtbefolgung drohen Strafgelder. Drohen diese, ist ein Gesetz auf einmal überall bekannt. So kann der KfZ-Chef gerne eine attraktive Frau ans Steuer setzen, halbnackt ablecken darf sie das Gefährt dann nicht mehr.

Viel schöner wäre es natürlich ohne Verbote. Dann müsste der Werberat aber schneller handeln und mehr Autorität besitzen. Ob hier noch eine rechtliche Mischform bewirkt werden kann, ist im Gespräch. Dafür gibt es das Bundesjustizministerium, um solche Eventualitäten in Ruhe auszudiskutieren und sich dafür Beratung zu holen. Diese Ruhe wird hoffentlich auch kein Pressehype durcheinander bringen.“

Das Justizministerium wie auch wir waren von der Presse übrigens ziemlich überrumpelt. Vor allem der arme Leiter der UWG-Abteilung, der mir bestätigte, dass es noch keinen fertigen Entwurf, somit auch keinen Wortlaut gäbe, der in der Presse hätte zitiert werden können. Lasst uns doch somit alle einmal tief einatmen und dem Bundesjustizministerium Luft zum Arbeiten. Aufregen kann man sich doch noch, wenn tatsächlich etwas passiert.

Herzlichen Gruß, eure Stevie