Sexismus im Boxsport

Sarah Scheurich ist 27 Jahre alt und Boxerin. Sie ist amtierende Deutsche Meisterin, olympische Boxerin und war die erste Frau, die in Deutschland an einer Sportschule Boxen trainiert hat. Nun hat Sarah einen offenen Brief geschrieben, in dem sie die frauenfeindlichen und diskriminierenden Zustände im deutschen Boxen und den Deutschen Boxsport-Verband hart kritisiert. Hier könnt ihr den Brief lesen.

Wir haben mit Sarah gesprochen und sie gefragt, welche Motivation hinter dem Brief steckt. Im Interview erzählt sie, was sie und andere Sportlerinnen und Sportler erlebt haben.

Pinkstinks: Du hast einen öffentlichen Brief geschrieben, in dem du die diskriminierenden und frauenfeindlichen Zustände im deutschen Boxen kritisierst und um Hilfe bittest. Warum hast du diesen Brief geschrieben? Und warum genau jetzt?

Sarah: Ich habe 2005 mit dem Boxen begonnen und bin in den letzten Jahren an den vorherrschenden Zuständen in unserem Verband immer mehr verzweifelt. Ich liebe den Sport, den Respekt und die Fairness. Ich habe aber den Eindruck, dass diesen Werten seit einigen Jahren immer weniger Bedeutung zukommen und dass die Dinge, die vor allem Boxerinnen passieren, nicht mit ihnen vereinbar sind. Es fehlt die Kontrolle von außen und Sanktionen, die umgesetzt werden. Das begünstigt das Ausnutzen von Sportlern, besonders von jungen Sportlerinnen. 

Es geht immer weniger um Leistung, viel mehr um Willkür. Äußert man sich kritisch oder politisch gegenüber dem Verband, hat man weniger Chancen. Nachdem ich immer wieder den Mund aufgemacht habe, galt ich als „unführbar“. Mein Kaderstatus wurde gestrichen. Das heißt, es wird für mich extrem schwierig, international zu boxen. Deshalb habe ich mich entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen. 

Pinkstinks: Du hast dich nicht für Olympia qualifiziert, jetzt schreibst du einen offenen Brief, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Machst du dir keine Sorgen, dass man dir unterstellt, dass du einfach nur sauer oder gekränkt bist?

Klar denke ich an solche Unterstellungen. Es ist aber so, dass ich seit einem Jahr kritisiere, was im deutschen Boxen und anderen Sportarten passiert. Das habe ich also auch schon, als ich ganz oben war. Seit ich mich gegen Ungerechtigkeit wehre, geht meine Karriere bergab. Das ist auch passiert, als ich mich öffentlich gegen Sexismus positioniert habe. Alle fordern ständig mündige Athleten, aber wenn man den Mund aufmacht, ist man raus. 

Pinkstinks: Du sprichst von „sexualisierter Gewalt” von “verbalen Angriffen bis hin zu körperlichen Übergriffen“, von „Abhängigkeitsverhältnissen“ und davon, dass Frauen, die im Deutschen Olympischen Boxen ihre Stimme erheben, als „unführbar“ gelten. Hast du ein Beispiel dafür?

Als ich angefangen habe Wettkämpfe im Boxen zu bestreiten, war ich 13 Jahre alt. Es gab neben mir nur eine weitere Frau unter vielen Männern, aber auch wir mussten uns in Unterwäsche vor allen anderen wiegen. Das war damals normal für mich, heute sehe ich darin starke Machtverhältnisse. Das gilt auch für Sprüche von Trainern wie: „Schau dich an, wie scheiße du aussiehst. Nimm ab, sonst findest du keinen Mann.“

Es gibt Vereine in Deutschland, in denen die Mädels keine Leggins tragen dürfen, weil das die Männer provozieren würde. 

Sarah Scheurich

Das frauenfeindliche Klima ist in vielen Situationen präsent. Es gibt Vereine in Deutschland, in denen die Mädels keine Leggins tragen dürfen, weil das die Männer provozieren würde. 
Es gibt auch Situationen, in denen männliche Sportler von solchen Machtgefällen betroffen sind. Auch Männern wird gesagt, sie seien zu dick, sie sollen nicht heulen oder sie „boxen wie ein Mädchen“. 

Der Großteil der Diskriminierung betrifft aber Frauen. Sie sind es auch, die viel öfter sexuelle Gewalt oder Übergriffe erfahren. Eine Freundin von mir bekam zum Beispiel Nacktbilder ihres Trainers zugeschickt. Eine andere hatte Sex mit einem Trainer in einem Trainingslager. Der Sex wurde im Nachhinein als einvernehmlich dargestellt, sie war aber minderjährig und allein der Umgang mit dem Fall war für mich alarmierend. Sie und ihre Familie sollten damit auf keinen Fall an die Presse gehen, weil ein wichtiger Wettkampf in der Region anstand. Auch die Vorfälle sexuellen Missbrauchs in Heidelberg zeigen ganz klar, dass hier etwas schief läuft. 

Pinkstinks: Was sollte im deutschen Sport passieren? Was wünscht du dir konkret?

Sarah: Ich wünsche mir Aufklärung und vor allem Mitbestimmung. Wir haben eine Frauenbeauftragte, die von Männern bestimmt wurde, anstatt gewählt zu werden und die nicht auf meine Mails antwortet. Ich würde mich gerne mit anderen Frauen und Verbandsvorsitzenden an einen Tisch setzen und beschließen, wie wir weitermachen. Es muss Vorschriften und umsetzbare Sanktionen geben. 

Ich wünsche mir Aufklärung und vor allem Mitbestimmung.

Sarah Scheurich

Wir haben als Frauen im Boxen schon viel gemeinsam erreicht. Zum Beispiel haben wir die Initiative „Coach, don’t touch me“ gegründet. Das alles bringt aber nichts, wenn der Verband nicht mitzieht. 

Pinkstinks: Sind das die demokratische Strukturen im Sport, für die du dich stark machst?

Sarah: Absolut! Wir sind aktuell nicht demokratisch und das sollte sich dringend ändern. Wir müssen und wollen mitwirken. Ich war schon Athletinnenvertreterin, aber habe gemerkt, dass ich auch in dieser Position nichts verändern kann. Solange wir kein echtes Mitspracherecht haben, sind solche Bezeichnungen und Positionen sinnlos.

Viele Verbände werden vom Bund gefördert. Da stecken viele Steuergelder drin, die wir alle gezahlt haben. Ich finde, es muss hier ein demokratischer Weg gefunden werden, den Sport wieder gerechter zu machen. Und das sollte transparent ablaufen. 

Pinkstinks: Wie kann man dich und andere Sportler*innen unterstützen?

Sarah: Die Öffentlichkeit wirkt Druck aus. Deshalb ist es mir wichtig, von den Zuständen zu erzählen und anderen Menschen von der aktuellen Situation im deutschen Sport zu berichten. Ich wünsche mir Solidarität und dass wir es gemeinsam schaffen, etwas zu verändern. 

Kommentare zu diesem Text könnt ihr uns in unseren Netzwerken hinterlassen und dort mit insgesamt 120.000 Menschen teilen!