Es ist kurz nach Mitternacht frisch im neuen Jahrzehnt, ich tanze ausgelassen mit meiner Freundin Blanca auf der Tanzfläche. Ein älterer weißer Mann, angetrunken, tanzt uns an, kommt mir zu dicht. Ich drehe mich um, ignoriere ihn, wähne mich schon in Sicherheit. Da greifen auf einmal seine schweißnassgetanzten Hände in meine Taille, direkt unter meinen Busen, und wollen meinen Körper an sich drücken. Ich trage ein Kleid mit hauchdünnem Stoff, seine Handinnenflächen liegen direkt auf meinen Rippen und dem Brustansatz. „Nein!“ rufe ich bestimmt und stoße ihn weg. Er tanzt lässig weiter, niemand reagiert.

Wir sind nicht auf offener Straße bei einem Volksfest, sondern in den edlen Räumen des Deutschen Schauspielhauses, der größten und teuersten Bühne des Landes. Hier feiere ich seit meiner Studienzeit erstmals wieder Silvester und merke, dass sich einiges verändert hat. Die opulenten Deckengemälde, Stuck und Logen sind noch da – ein idealer Ort zum festlichen Feiern. Nur ist statt einer feministisch rockenden Peaches von damals eine nette, rein männliche Band auf der Bühne, die brave Dance-Classics für die Ü50 interpretieren. Unsere Töchter, für die wir den Pomp organisiert haben, sind etwas gelangweilt und wir etwas enttäuscht. Als waschechte Britin tanze ich jedoch zu allem, was auf den Tisch kommt und kann somit fast überall Spaß haben.

Dance like nobody’s touching

Meine spontane Begeisterungsfähigkeit ist hilfreich, denn das Theaterstück, das den feudalen Festabend einleiten sollte, hat mir einen erstarrenden Schock verpasst, Bewegung tut jetzt gut. „Die Nibelungen“ sollte es modern und musikalisch geben: Wenn schon festlich, dann gleich mit Bildung, dachten wir uns, und hatten im Vorweg versucht, für die Kinder unsere Schul-Erinnerungen an Siegfried, Kriemhild und das Rheingold zusammen zu kratzen. Dass Blanca und ich beide die Vergewaltigung von Brünhild vergessen konnten, bedeutet vielleicht, dass man solche Details als Schülerin verdrängt. Unfassbar schien es nun, dass unsere 13-jährigen Mädels in einer klamaukigen Nibelungen-Inszenierung im 70er-Jahre-Trash-Format mit ansehen mussten, wie Brünhild mal kurz von Siegfried und Gunther vergewaltigt wird. Haha, war das komisch. Was wurde da gelacht! Die war aber auch so was von lesbisch und eckig, die Brünhild! Musste mal Romantik lernen und so, haha! Die Szene wurde mit ausgelassenen Schenkelklopfen vom gediegenen Ü50-Publikum goutiert. Richtig, am Ende sterben doch eh alle, alles tragisch bei den Nibelungen. Also bitte. Und so eine Frau, die muss doch auch mal richtig rangenommen werden, nicht wahr, besonders, wenn sie walkürische Superkräfte hat, das ist ja gefährlich für den armen Kerl, haha!

Ich habe das Netz durchsucht und nirgendwo eine negative Kritik von der Inszenierung gefunden. Im Gegenteil: Ich scheine nicht verstanden zu haben, dass einem bei der Vergewaltigung schlecht werden und die Spucke wegbleiben soll: Die starke Ironisierung zeigt eben gerade das Ausmaß der Tragödie. Ach so! Ich habe die Ironie gar nicht verstanden, ich Dummi. Nur schade, dass das sich teure Karten leisten könnende, sehr weiße und ältere Publikum, das eben nicht zu „König der Löwen“ sondern ins intellektuelle Schauspielhaus wollte, das ebenso wenig zu verstehen schien, wie ich. Und die vielleicht gleichzeitig und wegen der Trivialisierung von sexualisierter Gewalt denken: So ein kleiner Antanzer hinterher, nu‘ komm schon, Mädchen: Da hatte es die Brünhild doch viel schlimmer. Ein bisschen Spaß darf doch mal sein!

Wie gut, dass sich immer mehr junge Theaterschaffende für mehr progressive Frauenrollen im Theater einsetzen. Wie gut, dass Pinkstinks 2020 nicht alleine ist im Kampf gegen Sexismus und mit der unbeliebten Aufgabe, ständig mit differenzierten Argumenten aufzuzeigen, dass wir noch lange nicht am Ziel der Gleichberechtigung sind. Wie gut, dass auch du wieder hier mitliest und mit uns aktiv bist! Danke dafür! Lasst uns gemeinsam in ein neues, aktives Jahr starten, in dem wir weiter aufklären und gegen Sexismus aufstehen und anschreiben.