In den USA geht es in Sachen Reproduktionsrechte gerade um alles:
Die Trump-Regierung hat der Nichtregierungsorganisation Planned Parenthood die Mittel gestrichen und einige Bundesstaaten versuchen hinter das Roe v. Wade Grundsatzurteil von 1973 zurückzutreten. Mit diesem Urteil wurde klargestellt, dass Schwangerschaften ohne die Nennung von Gründen bis zum Ende des dritten Monats beendet werden können, ohne dass sich der Staat darin einzumischen hat.

Unter Trump aber steht selbst das auf dem Spiel. Nach Mississippi, Kentucky und Ohio ist Georgia der 4. Bundesstaat, der die sogenannte Herzschlag-Regel eingeführt hat: Sobald ein Herzschlag medizinisch auffindbar, ist ein Schwangerschaftsabbruch strafbar. In Alabama geht man sogar noch weiter. Während einige andere Bundestaaten bei Vergewaltigung und Inzest Ausnahmen zulassen, soll hier ein Gesetz auf den Weg gebracht werden, dass selbst in diesen Fällen Abbrüche verbietet. Wir reden von 10 – 99 Jahren Gefängnisstrafe für den Fall, dass Betroffene nach der 6 Schwangerschaftswoche Abbrüche vornehmen lassen. Wir reden auch davon, dass einem elfjähriges Vergewaltigungsopfer in Ohio mit den neuen Gesetzen ein Abbruch verwehrt wird.

Vor diesem Hintergrund nun hat die Schauspielerin und Aktivistin Alyssa Milano zu einem Sexstreik aufgerufen, weil schwanger werden unter diesen Umständen einfach nicht riskiert werden könne.

Ähnlich wie bei der #MeToo Bewegung ist sie zwar nicht die Initiatorin der Idee,

aber diejenige, die sie mit Macht in den sozialen Netzwerken vorantreibt. Wirklich neu ist ein Sexstreik nicht. Dem berühmten literarischen Vorbild, der antiken Komödie Lysistrata des griechischen Dichters Aristophanes, folgten weltweit viele reale Umsetzungsversuche. Ob es in Japan darum ging, die Wahl eines Kandidaten für den Gouverneursposten zu verhindern, weil dieser Frauen aufgrund ihrer Menstruation für unzurechnungsfähig erklärte, oder in der Türkei darum, die Trinkwasserversorgung herzustellen: Sexstreiks wurden und werden immer wieder durchgeführt – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Übrigens nicht nur von Frauen: 2004 riefen kenianische Männerrechtler zu einem Sexstreik auf, weil sie ihre häusliche und gesellschaftliche Stellung bedroht sahen.

Und nun geht es also um Reproduktionsrechte. Man könnte annehmen, dass insbesondere Feministinnen hinter der Idee des Sexstreiks versammeln. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Zahlreiche prominente Feministinnen sprechen sich dagegen aus. Und zwar aus gutem Grund. In einem ausgesprochen heteronormativen Rahmen bedient sich ein Sexstreik in frappierender Weise einer Vorstellung über Sexualität, die Feminismus seit Jahrzehnten bekämpft: Sex als Ressource nämlich, über die Frauen verfügen und die sie Männern gegebenenfalls vorenthalten.

Das folgt der gleichen Logik wie Pick-Up Artists, Incels und wie sie nicht alle heißen, die Sex als etwas darstellen, das ihnen von Frauen unrechtmäßig vorenthalten wird und das sie sich auf die eine oder andere Art nehmen müssen. Sex ist in einem Sexstreik eine Währung, die an Männer nicht ausbezahlt wird, obwohl die Hauptfunktion von Frauen doch gerade die ist, genau das zu tun.

Der Lohn wird sozusagen einbehalten. Ein derartige Vorstellung von Sex lebt nicht von einvernehmlichen Begehren, sondern von der antiquierten, um nicht zu sagen frauenfeindlichen Ansicht, Sexualität wäre für Frauen grundsätzlich nicht so wichtig und eher etwas, worauf sie sich den Männern zuliebe einlassen. Und in diesem Fall eben nicht. Je genauer man hinschaut, umso mehr wirkt ein Sexstreik wie eine Version von „ihn nicht mehr ranlassen“. Im Gegensatz zu früher, wo er rangelassen wurde. Mit konsensuellem Sex auf Augenhöhe hat das wenig zu tun.

Milanos Idee erfährt aber nicht nur Ablehnung. Neben (prominenten) Frauen, die sich durchaus häufig feministisch positionieren,

stimmen ihr auch Männer zu, die diese passiv-fremdbestimmten Vorstellung von weiblicher Sexualität für real halten. Darüber hinaus sind es geschlechtsübergreifend interessanterweise Abtreibungsgegner*innen, die mit Milanos Vorschlag wenig Probleme haben, weil sie sich sowieso dafür aussprechen, „enthaltsam zu leben, Sex nur in der Ehe zu haben und immer als etwas zu verstehen, was auf Kinder kriegen und Vermehrung ausgerichtet ist“. Diese Gesetzesverschärfungen sind ja gerade auch dazu gedacht, Frauen zu bestrafen, die selbstbestimmt Sex ohne Fortpflanzungszweck genießen. Dem spielt ein Sexstreik in die Hände.

Bei aller Kritik sollte man allerdings die eigentliche Intention von Milano und ihren Mitstreiter*innen nicht übersehen. Wie gesagt: In der Abtreibungsfrage geht es in den USA gerade um alles. Nicht nur, dass die Herzschlag-Gesetzgebung weit hinter der wissenschaftlichen Realität zurückbleibt. Sie wird zudem mit gefährlichem, pseudowissenschaftlichen Unfug kombiniert. So hat der in Ohio bei diesem Gesetz federführende Politiker dafür gesorgt, dass Versicherungen im Fall eines Schwangerschaftsabbruchs nicht zahlen, wenn das Leben der Schwangeren nicht in Gefahr ist. Eine Ausnahme war ihm dabei allerdings wichtig: Wenn es darum geht, eine Eileiterschwangerschaft in den Uterus zu verpflanzen, dann soll die Versicherung zahlen. Das Dumme ist nur, dass das bis auf den heutigen Tag medizinisch nicht möglich ist und auch in absehbarer Zeit nicht realisierbar sein wird. Aber die Wirklichkeit sieht nun einmal so aus, dass solche Leute die Gesetze machen. Reproduktionsrechte werden nicht nur zurückgedrängt, sie werden gegenwärtig ausgelöscht. Ein Sexstreik mag aus den genannten Gründen nicht die richtige Antwort darauf sein. Aber fest steht, dass etwas geschehen muss.

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Quelle Beitragsbild: Sat.1/Richard Hübner, Sexstreik!.