Der britische Autismusforscher Simon Baron-Cohen wollte belegen, dass Jungen mit mehr Interesse an Systemen, Mädchen mit mehr Gefühl auf die Welt kommen. Wie steht es um die aktuelle Forschung?

Ein typisches Gespräch unter erwachsenen Frauen: „Ich wünschte, mein Mann wäre gefühlvoller. Wenn ich ihm sage, dass ich mir Sorgen um seine frisch verwitwete Mutter mache, wird er wirsch und sagt ach, die käme schon klar. Also muss ich mich um sie kümmern.“ Die Freundin nickt. „Ja, für Gefühle sind die nicht zuständig. Muss wohl angeboren sein.“

Als 2003 eine Studie aus Oxford tatsächlich besagte, dass die Fähigkeit mitzufühlen eine weibliche, angeborene Eigenschaft sei, gab es ein großes mediales Kopfnicken. Bis heute werden die Studien-Ergebnisse des Autismusforschers Simon Baron-Cohen überall zitiert, obwohl sie viel kritisiert und eine seiner Studien mehrfach mit anderen Resultaten wiederholt wurde. Wenn Menschen das Ergebnis einer Studie aufgrund ihrer Lebensrealität logisch erscheint, ist es schwer, Interesse für die Kritik an ihr zu generieren. Feministinnen hätten es schwer „die Studie zu verdauen“, schrieb der Schweizer Tagesanzeiger, als die Studie auf den Markt kam: Damit lag das Problem für sie eher im Magen von Feministinnen, nicht an der Kost selbst.

Schauen wir uns diese Kost doch einmal an. Baron-Cohen hat mehrfach versucht zu beweisen, dass der Mangel an Empathie, den wir Männern gesellschaftlich zuschreiben,

eine hormonelle Grundlage hat. Männliche Föten sind, insbesondere in den letzten drei Monaten vor der Geburt, einer höheren Menge an Testosteron ausgesetzt als weibliche Föten. Testosteron regt u.a. die Geschlechtsorgane im an, sich zu Hoden und Penis (anstatt Klitoris und Eierstöcke) auszubilden. Baron-Cohen möchte bis heute belegen, dass Testosteron (das in geringerer Menge bei Frauen für einen normale Fettstoffwechsel und aktiven Sexualtrieb zuständig ist) auch die Ausbildung des Mitgefühls bremst. Würde ja auch Sinn machen: Das „männliche“ Hormon macht weniger gefühlvoll, weil Männer nicht pflegen, keine Kinder aufziehen und bei der Jagd Tiere töten müssen. Das deutsche Ärzteblatt kann Baron-Cohens Studien allerdings nicht abschließend bestätigen: Auch ein erhöhter Wert des Stresshormons Cortisol im Fötus, der immer mit einer erhöhten Testosteron-Konzentration einhergeht, könnte Grund für die verringerte Empathie sein, die bei den Testpersonen gemessen wurde. Denn Cohens Testpersonen waren Kinder, bei denen Autismus nachgewiesen wurde und die pränatal eine extrem hohe Konzentration von beiden Hormonen aufwiesen. Jungen sind sehr viel häufiger als Mädchen von Autismus betroffen.

Es wurde also abgeleitet: Wenn hohe Testosteronwerte Autismus auslösen, was meist mit einer Empathie-Armut einhergeht, sind Männer generell weniger empathisch, weil sie mehr Testosteron besitzen als Frauen. Diese Argumentationskette wollte Baron-Cohen mit einem Experiment belegen und setzte einen Master-Studenten daran, nur einen Tag alte Säuglinge ein Mobile oder ein menschliches Gesicht vorzusetzen um zu beweisen, dass männliche Säuglinge eher auf abstrakte Dinge schauen, weibliche auf Subjekte, mit denen sie sozial interagieren können. Die Neurowissenschaftlerin Cordelia Fine beschrieb 2010 in ihrem Werk „Geschlechterlüge“, dass die geringe Abweichung von 10%, die die Studie ergab, in mehrfachen weiteren Versuchen nie bestätigt wurde. Baron-Cohens Team wusste, welchem Geschlecht jeweils Gesicht oder Mobile präsentiert wurde und so ist auch von keinem objektiven Ergebnis auszugehen: Niemand ist frei von unbewussten Vorurteilen und kann 102 Babys mit Pokerface anschauen (nur so wenige Babys wurden getestet). Trotzdem wurde von diesem Ergebnis medial so viel berichtet, dass es auf jedem Kaffeeklatsch triumphierend erwähnt wird, wenn man „Gender“ ins Gespräch bringt: Jungen starren auf Mobiles! Basta!

Eine andere Studie aus Cambridge konstatierte jüngst, dass genetische Unterschiede als Gründe für Empathiefähigkeit kaum auszumachen seien und hormonelle Einflüsse noch nicht ausreichend erforscht sind. Außerdem ist heute sehr klar die Lernfähigkeit unserer Gehirne belegt: Werden sie einseitig trainiert, bilden sie sich einseitig aus. Mädchen werden nach wie vor früh zu sozialem Verhalten angeregt und von Jungen wird gerne angenommen, dass „sie nun mal Jungen“ sind – was an sich als Erklärung herhalten soll, dass sie Omi nicht den Tee bringen, nicht zuhören oder mit Kuscheltieren spielen wollen. Auch wichtig: Nicht jeder Mensch, der pränatal hohe Testosteronwerte aufwies, wird autistisch oder gefühlsarm. Sehr hohe Testosteron-Werte können (müssen aber nicht) Gene aktivieren, die zu Autismus führen. Professorin Gudrun Rappold, Chefin der Molekularen Humangenetik des Universitätsklinikums Heidelberg, bestätigte uns zudem, dass Autismus auch ohne hohe Testosteronwerte entstehen kann.

Es bleibt spannend, was die hormonelle Forschung weiter ergeben wird. Was die Neurologie definitiv weiß, ist, dass wir unsere Gehirne lernfähig sind. Auch, wenn wir als Raubtiere gebaut sind, können wir friedlich miteinander leben – sogar manch eine*r vegetarisch. Auch, wenn wir aufgrund unserer Kraft Menschen körperlich verletzen können, können wir das unterlassen. Und selbst wenn es so sein sollte, dass mehr Testosteron bei Geburt weniger Empathie bedeutet, lässt sich das ohne Probleme durch soziales Training ausgleichen. Sonst gäbe es keine Pfleger, Erzieher, Feministen und liebevolle Väter. Denn die, die ich kenne, haben männliche Geschlechtsorgane und überraschend oft Bärte! Also definitiv auch mehr Testosteron als die meisten Frauen.

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