Ich heiße Magdalena und bin von Beruf Instrumentalpädagogin – anders ausgedrückt: Querflötenlehrerin. Nebenbei betreibe ich seit Anfang 2017 mein Unmusikalisch-Blog, in dem ich Fragen zur Musik beantworte, mit denen ich immer wieder konfrontiert werde. Eine der letzten Fragen kam von einer Kollegin, die wissen wollte: „Warum lernen eigentlich fast nur Mädchen Querflöte?“

Spannende Frage, dieses Phänomen hat mich auch schon häufig beschäftigt. Aber stimmt das überhaupt? Gibt es wirklich mehr Mädchen, die Querflöte lernen, als Jungs? Könnte ja sein, dass das nur bei mir so ist. Ich habe tatsächlich fast nur Schülerinnen; die männlichen Schüler der letzten 15 Jahre kann ich an einer Hand abzählen. Wie sich herausstellte, ist das praktisch überall so.

Es gibt Studien, die u.a. gefragt haben, warum wer welches Instrument wählt. Dabei stellte sich heraus, dass zwei Faktoren besonders großen Einfluss haben: Eltern und Umfeld. Typische Antworten waren „Meine Eltern haben das ausgesucht und mich in der Musikschule angemeldet.“ oder „Meine Nachbarin spielte Querflöte, und das gefiel mir so, dass ich es auch lernen wollte.“

Heißt das nun, dass es reiner Zufall ist, welches Instrument jemand schließlich lernt? Weil es ja sowieso hauptsächlich von äußeren Faktoren abhängt?

Ja und nein.

Ja, weil ein jüngeres Kind meist wirklich nicht rational und selbständig entscheidet, sondern die Wahl von Erwachsenen getroffen wird.
Nein, weil die Eltern bestimmt auch nicht ganz frei von Einflüssen sind, wenn sie ihrem Kind ein Instrument aussuchen. Werden nämlich Eltern gefragt, welches Instrument (oder auch, welche Sportart!) sie sich für ihr Kind wünschen, geben sie in den allermeisten Fällen geschlechtstypische Antworten. D.h. für ihre Tochter können sie sich ein Hozblasinstrument (oder Tanzen) vorstellen, während sie ihren Sohn eher am Schlagzeug (bzw. auf dem Fußballplatz) sehen. Ich unterstelle dem Großteil der Eltern, dass sie das Beste für ihre Kinder und nicht auf-Teufel-komm-raus althergebrachte Rollenbilder zementieren wollen. Aber Eltern sind eben genauso von ihrem Umfeld, von Moden und Traditionen geprägt wie Großeltern und Jugendliche, und geben ihre eigene Sozialisation oft unreflektiert an die nächste Generation weiter. Wissenschaftler haben rausgefunden, dass Erwachsene schon mit kleinen Babies unterschiedlich umgehen – je nach deren Geschlecht.

Darüber hinaus bekommen Kinder über Medien, Erzieher*innen, Freund*innen und in der Schule ständig Botschaften, wie Mädchen und Jungen in unserer Gesellschaft zu sein haben.

Dass sich die junge Flötistin also an ihrer Nachbarin orientiert, ist nur folgerichtig. Wir identifizieren uns selbst leichter mit Personen des eigenen Geschlechts, weil wir von anderen mit ihm identifziert werden. Deshalb ahmen Mädchen – gerade in den prägenden Grundschuljahren – eher ältere Mädchen oder junge Frauen nach.

Sehr oft geht dem Querflöten-  der Blockflötenunterricht voraus. Blockflöten gelten noch viel mehr als „mädchenhaft“ und „uncool“ und werden deutlich weniger von Jungen gespielt. Fragt man nach, heißt es oft, dass Jungs sich eben mehr austoben müssten und Blockflöten dafür zu wenig Möglichkeiten böten. Mal abgesehen davon, dass so alle Jungs über einen Kamm geschoren werden (als wären sie alle hyperaktiv und grobmotorisch), gibt es berühmte Beispiele für männliche Blockflötisten, die zeigen, wie gut sich auch Blockflöten zum musikalischen Austoben eignen.

Aber könnte es nicht sein, dass Talent und Vorliebe für bestimmte Instrumente einfach angeboren sind?

Nö!

Mit ähnlichen Argumenten haben Männer versucht zu begründen, warum Frauen nicht studieren oder Fußball spielen können – und übrigens auch, warum Frauen nicht in der Lage sein sollen, Blasinstrumente zu spielen! Abgesehen davon, dass sich der weibliche Mund beim Flötenspielen so „kräusele“ und sich die Dame womöglich unziemlich bewegen könnte, wurde im 18. Jahrhundert nur Männern das Erlernen der Querflöte empfohlen, weil man dafür „eine starke Brust“ brauche.

Alles weist darauf hin, dass die Wahl des Musikinstruments eine Frage der Mode ist. Es wurde noch kein Gen entdeckt, dass bei Frauen eine Vorliebe für Querflöten und bei Männern für Schlagzeug codiert…

Kindergartenkinder sind noch freier in ihrem Geschmack, und noch nicht so sehr von Geschlechterstereotypen beeinflusst. Fragt man Drei- bis Fünfjährige, welche Farben, Berufe oder Instrumente sie bevorzugen, sind die Antworten noch weniger glattgebügelt als bei Schulkindern, die schon mehr Erfahrungen damit haben, „schief angeguckt“ oder „blöd angeredet“ zu werden, wenn sie als Jungen gerne Röcke tragen und als Mädchen gern Posaune spielen wollen.

Viele meiner Kolleg*innen konnten mir bestätigen, dass sich in der zweiten oder dritten Klasse hin und wieder Jungen zum Querflötenunterricht anmelden und sich dann mit dem Schulwechsel oder spätestens mit Eintritt der Pubertät für ein „cooleres“ Instrument wie Saxophon oder Schlagzeug entscheiden oder ganz mit dem Musikmachen aufhören, weil es in ihrer Peergroup als nicht „männlich“ genug gilt. Ein oft gehörter Satz auf dem Pausenhof hierzu: „Bist Du schwul oder was?“

Erwachsene Männer scheinen interessanterweise wieder weniger Probleme damit zu haben, Querflöte zu lernen. Ihr Selbstbewusstsein ist womöglich schon gefestigter, und nicht mehr so abhängig von der Anerkennung durch Andere, dass sie sich auch in höherem Alter noch für dieses „Mädcheninstrument“ entscheiden.

Angeblich soll die Querflöte gut zum weiblichen Geschlecht passen, weil sie so einen „weichen Ton“ hat und so silbrig glänzt. Was für ein Blödsinn. Blechblasinstrumente glänzen mindestens genauso schön, und wenn eine Posaune oder Tuba keinen weichen Ton hat, weiß ich auch nicht.

Das Blech wird aber viel häufiger von Jungen und Männern gespielt und ist mit der Militärtradition verbunden, in der z.B. Trompeten und Hörner als typische Signalinstrumente verwendet wurden. Teil der militärischen Spielmannszüge sind aber auch die Flöten, die früher natürlich ebenfalls nur von den – männlichen – Soldaten gespielt wurden. Also kommen wir wieder darauf zurück: Welches Instrument zu welchem Geschlecht passt, hängt vom Zeitgeist ab.

Speziell bei der Querflöte kommt noch die Illusion dazu, dass man zum Flöten keine Kraft brauche, oder zumindest wenig Körpereinsatz. Das ist einfach nur lachhaft! Ich lade jeden und jede zu einer Flötenstunde ein, und wer danach keinen Muskelkater in den Armen und am Mund hat, seine Bauch- und Rückenmuskeln nicht deutlich spürt und nicht schwitzt, hat wahrscheinlich nicht einen schönen Ton rausgebracht. Spätestens, wenn es ans Spielen der hohen Lage geht, merken die meisten, dass Querflöte keineswegs nur „was für Mädchen“ ist.

Was mir darüber hinaus immer wieder auffällt, ist die Diskrepanz der Geschlechterverteilung: Auch wenn mehr Mädchen als Jungs Querflöte lernen, sitzen in den Profi-Orchestern an den Pulten der Soloflöten in der Mehrheit: Männer! In den letzten Jahren haben die Frauen durchaus aufgeholt, aber wenn man sieht, wieviel mehr Mädchen und Frauen es im Jugend- und Amateurbereich gibt, ist es schon erstaunlich, dass sich irgendwann das Verhältnis weiblich zu männlich ausgleicht und sogar umkehrt.

Ist es so, dass junge Männer, wenn sie denn schon ein „Mädcheninstrument“ spielen, sich dann herausgefordert fühlen und nach dem Motto JETZT ERST RECHT alles daran setzen, ihre Möglichkeiten auszureizen und ihre Mitbewerberinnen zu überflügeln? Aber wiederhole ich mit dieser Vermutung nicht wieder nur ein gängiges Klischee, nach dem Männer einfach mehr Lust am Konkurrenzkampf haben und Frauen eben leichter aufgeben?

Ich könnte mir eher vorstellen, dass es in Orchestern so wie in jedem Unternehmen ist: Man sucht sich aus den Bewerber*nnen die aus, die einem am ähnlichsten sind. Das heißt, eine männlich besetzte Bläsergruppe wählt weiterhin männliche Bläser beim Vorspiel aus. Das hieße aber auch, dass beim Spielen hinter dem Vorhang, wie es einige Orchester mittlerweile praktizieren, genauso oft Frauen wie Männer gewinnen müssten. Je mehr Vorspiele also anonymisiert stattfinden, desto besser für die Chancengerechtigkeit!

Momentan ist es allerdings noch so, dass weit mehr weibliche Flötenstudierende den (schlechter bezahlten) Weg der Lehrerin einschlagen. Für Schüler*innen ist die Wahrscheinlichkeit also sehr hoch, von einer Frau unterrichtet zu werden, was das gute alte Vorurteil vom Mädcheninstrument weiter festigt.

Und was ist jetzt mit den Jungs, die vielleicht gerne Querflöte spielen würden, sich aber nicht trauen, weil an der Musikschule von der Lehrerin bis zur letzten Schülerin alle weiblich sind?

Denen kann ich nur sagen: Guckt mal ins Internet – es gibt genügend coole Flötisten wie Ian Anderson von der Band Jethro Tull,

Von Craig ONeal – Jethro Tull America Tour, CC BY-SA 2.0

witzige Typen wie Tilman Dehnhard

und Flute-Beatboxer wie Greg Patillo,

denen man nacheifern kann.