Die Vorstellung von einer weiblichen Person, die oben ohne einkaufen oder mit dem Hund um den Block geht, wirkt im ersten Moment befremdlich; bei einer männlichen Person ist das hingegen nicht so.

Sollte oben ohne für alle sein?

Im Herbst und Winter ist es dunkel und kalt – aber diese Jahreszeiten haben im Vergleich zu Frühling und Sommer einen klaren Vorteil: keine nackten Männeroberkörper. Denn egal, ob beim Training im Fitnessstudio oder beim Jogging im Park, im Fußballstadion oder beim Feiern, in Bus und Bahn oder auf dem Rad, im Einkaufszentrum oder im Supermarkt: Männer ziehen ganz selbstverständlich in der Öffentlichkeit das T-Shirt aus und laufen oben ohne herum. Und niemanden scheint es ernsthaft zu stören. Am wenigsten sie selbst. 

Jetzt denkt ihr vielleicht: Ja, wo ist denn das Problem, dass Männer mit freiem Oberkörper in der Öffentlichkeit herumlaufen? Dass sie das fast überall komplett bedenkenlos tun, hat nicht nur mit Hitze zu tun. Es zeigt vielmehr, wie verbreitet und akzeptiert maskuline Nacktheit in unserer Gesellschaft ist. Das ist ungerecht: Denn weiblich gelesene Personen können sich nicht einfach so obenrum freimachen und unbehelligt rumlaufen, als wäre nichts. Sie würden – abhängig vom Ort – wenigstens angeglotzt, beleidigt und wahrscheinlich sogar belästigt. Am Strand mag es „nur“ hier und da unangenehme Blicke geben; in öffentlichen Verkehrsmitteln sähe das schon anders aus. Die Vorstellung von einer weiblichen Person, die oben ohne einkaufen oder mit dem Hund um den Block geht, wirkt im ersten Moment befremdlich; bei einer männlichen Person ist das hingegen nicht so. Manchmal werden feminine Menschen selbst bei Hitze in Parks aufgefordert, sich etwas überzuziehen – anders als maskuline. Und sogar Stillende werden ungern gesehen und immer wieder auch aus Cafés und Restaurants verbannt; dabei sollte Stillen das Selbstverständlichste auf der Welt sein und auch in der Öffentlichkeit vollkommen akzeptiert und wertgeschätzt werden.

Diese Unterscheidung zwischen „maskulin oben ohne okay, feminin nicht“ fängt oft schon in der Kindheit an – wenn Jungs am Strand nur eine Badehose und gleichaltrige Mädchen sinnloserweise zusätzlich ein Bikinitop tragen, obwohl sie nichts voneinander unterscheidet. Aber warum können männlich gelesene Personen unbehelligt ihren nackten Oberkörper öffentlich zeigen, feminine Menschen jedoch nicht? 

Dahinter steckt, dass die Gesellschaft weibliche Körper anders bewertet und interpretiert als männliche. Brüste gelten als sekundäre Geschlechtsmerkmale. Das heißt, sie haben nicht direkt mit der Fortpflanzung zu tun und entwickeln sich erst mit der Pubertät. Aber Ähnliches gilt auch für andere Merkmale, zum Beispiel für Bärte. Trotzdem werden männliche Personen mit Rauschebart nicht aufgefordert, sich doch bitte zu rasieren oder ihre Gesichtsbehaarung zu bedecken. Obwohl es durchaus Leute gibt, die Bärte attraktiv finden. Frauen hingegen sollen ihre Brüste verhüllen und am besten auch immer brav einen BH tragen. Wenn sie es nicht tun, dann gelten sie als freizügig, unmoralisch und leicht zu haben. Feminine Körper werden sexualisiert. Das basiert auf der falschen Vorstellung, weibliche Personen wären sexuelle Objekte, die von maskulinen Personen erobert werden wollen. Und das hat seine Wurzeln im Patriarchat, in dem Männer als Macher gelten, die außerdem ein Recht auf Sex haben und sich beim Anblick von nackten Brüsten einfach nicht beherrschen können. Frauen sind dann Schuld an Belästigungen und Übergriffen, nicht die Person, die ihre Brüste sexuell interpretiert und sich nicht im Griff hat. Das nennt man „Victim Blaming“ oder Täter-Opfer-Umkehr. Ein Mann, der einen sonnenverbrannten Bierbauch oder muskelbepackten Oberkörper mit Nippelpiercing spazieren trägt, muss sich über so etwas keine Gedanken machen. Dabei sind weibliche Brüste ein ganz normaler Körperteil, nicht nur eine erogene Zone. Und sie sind schon gar nicht dazu da, um von anderen als Einladung zum Sex interpretiert zu werden – einfach, weil sie existieren und die Frechheit besitzen, irgendwie sichtbar zu sein. 

Was passiert, wenn man Männer darum bittet, sich obenrum nicht zu entblößen, zeigt ein Beispiel aus dem vergangenen Sommer. Unter anderem in Hamburg haben Aktivist*innen Plakate aufgehängt, auf denen stand: „T-Shirt bleibt an – alle haben Fun“ und „Wie Sie vielleicht bereits bemerkt haben, ist es den meisten Frauen und Personen anderen Geschlechts (z.B. divers) nicht möglich, sich oberkörperfrei an öffentlichen Orten aufzuhalten. Das Weglassen der Oberbekleidung kann für diese Personen unangenehm bis gefährlich werden. Bitte nutzen Sie Ihr ‚Oberkörperfrei-Privileg‘ nicht aus.“ Das hat für Aufregung gesorgt. Sogar das LKA hat sich eingeschaltet, weil die Plakate denen der Stadt Hamburg täuschend ähnlich sahen. Dabei gibt es in Deutschland kein Gesetz, dass Nacktheit in der Öffentlichkeit ausdrücklich verbietet. Zumindest, solange sie keinen sexuellen Bezug hat. Allerdings kann das an öffentlichen Orten, an denen sich andere davon gestört fühlen, eine Ordnungswidrigkeit darstellen und zu einem Platzverweis oder einer Geldbuße führen.

Ein weiterer Aspekt ist Macht. Dass maskuline Menschen ihren Oberkörper jederzeit entblößen können, ohne dabei sexuell gelesen zu werden, demonstriert Überlegenheit. Sie beanspruchen dadurch den öffentlichen Raum für sich und zeigen gleichzeitig, dass sie mehr Freiheiten besitzen als weibliche Personen, die das eben nicht überall können. Diese Zurschaustellung von zweierlei Maß festigt die darunter liegende Ungerechtigkeit. Dazu kommt: Maskuline Körper werden längst nicht so harsch kommentiert wie feminine. Weiblich gelesene Körper hingegen müssen einem komplett unrealistischen Schönheitsideal entsprechen – oder sie werden abgewertet. Auch das ist unfair. 

Es spricht wirklich nichts gegen Nacktheit und Freiheit. Besonders an heißen Sommertagen ist jeder Zentimeter Stoff einer zu viel. Aber das gilt eben nicht nur für maskuline Menschen, auch anderen wird bei über 30 Grad heiß. Die Möglichkeit, sich an bestimmten Orten obenrum ausziehen zu dürfen, sollte allen Körpern gegeben sein. Nur, weil Männer oberkörperfrei rumlaufen können, ohne mit Kommentaren, Sanktionen und Belästigungen zu rechnen haben, haben sie aus unserer Sicht nicht das Recht, es auch jederzeit zu tun. Solange feminine Personen sich im öffentlichen Raum nicht sicher fühlen können, ist es wichtig, dass Männer dies anerkennen, sich reflektieren, ihr eigenes Verhalten kritisch hinterfragen und ggf. ändern. Bis irgendwann alle mit nacktem Oberkörper rumlaufen können, ohne dass irgendeine Person dafür beschämt wird.

Es ist außerdem ein netter Zug, Rücksicht auf Mitmenschen zu nehmen; nicht überall ist oben ohne angemessen und respektvoll. Als einfache Regel können dabei die Fragen gelten: Wäre es irgendwie merkwürdig, wenn ein Mensch mit Brüsten sich hier ausziehen würde? Und könnte meine nackte Haut mit anderen in Kontakt kommen? Falls ja – solidarisch und rücksichtsvoll sein und das T-Shirt lieber anbehalten. Vor allem jedoch ist es nicht okay, weibliche Körper einzuschränken, weil sie von anderen sexualisiert werden. Kurz: Wo sich nicht alle Menschen entspannt oberkörperfrei aufhalten können, sollten es Männer auch nicht tun. Dankeschön.

Bild: Unsplash

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