Als Vater einer dreizehnjährigen Tochter und eines elfjährigen Sohnes bekommt man ziemlich viele Ratschläge, Hinweise und gut gemeinte Kommentare. Seltsamerweise beziehen die sich fast ausschließlich auf meine Tochter und drehen sich mehr oder weniger verbrämt um ihr Liebesleben, ihre Sexualität und um ihre Sicherheit. Ich werde häufig gefragt, wie es denn so ist als Vater einer jungen Frau, ob ich mir nicht Sorgen mache, ob sie schon einen Freund hat und so weiter. Das ist sicher nett und anteilnehmend gemeint, wirkt aber oft einfach nur schmierlappig und übergriffig. Zumal mir über meinen Sohn solche Fragen nicht gestellt werden. Mein Mantra bei solchen Fragen ist immer dasselbe:
Ich bin nicht der Türsteher der Sexualität meiner Tochter, auch wenn ich ständig dazu aufgefordert werde!

Aber während ich mich einerseits darum bemühe, die beiden gleichberechtigt zu behandeln und zu erziehen, muss ich anerkennen, dass ihre Lebenswirklichkeiten sehr verschieden sind. Meiner Tochter wird ständig suggeriert, dass ihr Körper für Männer zum Problem werden kann und dass sie doch ja aufpassen soll. Meinem Sohn macht man weis, dass seine Männlichkeit eine sehr begrenzte Ressource ist, die durch harte Sprache und Machogehabe aufgeladen und durch Mitgefühl und Sanftheit aufgebraucht wird.
Diese Realitäten müssen unterschiedlich adressiert und angegangen werden. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mir das ganz gut gelingt. Aber oft verzweifle ich auch. Gerade die Realität, die ihre Schatten auf meine Tochter voraus wirft, ist beängstigend und bedrückend. Das hat eine scheinbar einfache Frage der US-amerikanischen Aktivistin Danielle Muscato erst kürzlich wieder gezeigt. Muscato wollte wissen, was Frauen tun würden, wenn für alle Männer ab 21 Uhr eine Ausgangssperre gelten würde.

Bei den Antworten möchte man am liebsten laut schreien und um sich schlagen oder sich wochenlang einfach nur verstecken. Denn sie zeigen, was alles nicht geht. Was nicht „normal“ und selbstverständlich ist, obwohl es das sein sollte. Sein müsste.

Frauen würden nämlich so krasse Sachen machen wie nachts in den Park gehen oder zu ihrem Auto laufen, ohne den Schlüssel als Waffe in der Faust zu tragen.

Sie würden in warmen Nächten in Miniröcken durch dunkle Gassen laufen und keine Freundin anrufen, um ihr zu sagen, wo sie sind und wohin sie gehen – nur für den Fall. Sie würden so viel Alkohol trinken wie sie wollen und alleine mit den öffentlichen Verkehrmitteln nach Hause fahren. Sie wären nicht ständig nervös, sie würden sich nicht andauernd umdrehen,

und sie kämen nicht auf die Idee, dass ihnen irgendjemand etwas in den Drink schüttet. Sie hätten nicht das Gefühl, jedes Mal einen ganzen Katalog an Sicherheitsmaßnahmen umsetzen zu müssen – einfach weil es dazugehört.

Also wirklich eine Ausgangssperre für Männer? Natürlich nicht, die Idee ist einigermaßen absurd. Sie ist pauschalisierend, vorverurteilend und mal abgesehen davon auch nicht umzusetzen. Außerdem betrifft sie mich ja selbst (Huhu, Egoismus!) und ich gehe gerne nach 21 Uhr aus dem Haus – auch wenn ich mir wie viele andere Männer zu wenig Gedanken darüber mache, was für ein Privileg das eigentlich ist.

Aber ich hätte gerne so eine Welt für meine Tochter. Und für alle anderen auch. Eine wie mit Ausgangssperre Welt ohne Ausgangssperre. Eine, in der eine junge Frau nicht Gefahr läuft, auf dem Weg nach Hause vom Fahrer der U-Bahn vergewaltigt zu werden und dann anschließend auf das „Entschädigungsangebot“ des Verkehrsbetriebes für eine kostenlose Fahrt mit der Party-Tram reagieren zu müssen. Eine, in der mich Frauen nicht zu ihrer eigenen Sicherheit als Bedrohung einstufen.

Wie weit wir von dieser Welt entfernt sind war mir lange nicht mehr so klar wie jetzt. Aber der Wille darum zu kämpfen war – bei aller Verzweiflung und allen Rückschlägen – auch nie größer.