Nach sieben Jahren wollte ich es mir eigentlich nicht noch einmal antun: Ein Finale von GNTM aushalten. Aber da sich unser Musikvideo, das wir zum Finale bringen wollten, um ein paar Wochen krankheitsbedingt verzögert, sollte unsere Community doch wenigstens ein paar Live-Kommentare von uns bekommen.

Wir sind uns einig: Es war nicht nur das schmerzhaft Peinlichste, was die meisten Zuschauer*innen im Fernsehen je gesehen hatten.

Es war vor allem widersprüchlich und pervers, im Angesicht krassestem Kapitalismus von Frauenpower und Feminismus zu sprechen.

Während die Models durch Geldscheine (wirklich! Massenhaft Fake-Dollar auf dem Laufsteg!) schreiten mussten, wurden Flugreisen nach Mexiko, Autos, Ressourcen-ausbeutendes Mineralwasser und Beautyprodukte verhökert als wäre Konsum der Heilsbringer schlechthin. Völlig angewidert blieb Thomas Gottschalk nur, diesen Wahnsinn „Kinderfasching“ zu nennen und seine Einsätze größtenteils zu verschlafen. Ich wartete heute Morgen auf die Nachfragen von der Presse, ob das nicht großartig sei, dass ProSieben jetzt auf Feminismus mache. Zum Glück gab es keine, die Frage beantwortet sich selber:

In der Werbepause wurden teilweise achtjährige Mädchen aufgefordert, den perfekten Walk zu trainieren und gefragt, ob sie auch schon eifrig GNTM schauen. Die Gewinnerin, Simone Kowalski, trug eine Bandage am Sprunggelenk, welches in der Vergangenheit stark verletzt wurde und sie deshalb ihre Leichtathletikkarriere aufgeben musste. Nun knickte sie wiederholt und für alle schmerzlich anzusehen auf ihren 12cm Heels um, aber sie habe gelernt, „die Zähne zusammen zu beißen“. Die Models waren für den Abend, deren Hauptinhalt die Vermarktung von Cirque du Soleil, Magic Mike oder Tokio Hotel zu sein schien, wirklich nur dekoratives Beiwerk, die man über die fremdbeschämende Hochzeitszeremonie fast vergessen hätte. Und da in der „Girlpower-Walk“-Sequenz ständig Bildung für Mädchen genannt wurde fragte man sich, ob ProSieben damit die Bildung zur perfekten Vermarktungsplattform meinten.

Spätestens, als der Fotograf Kristian Schuller einer Horde Männer mit nacktem Oberkörper anschrie, das auf ihnen liegende Model an zu grapschen („Macht mit ihr, was ihr wollt!“), dachte man, dies sei Satire. Und ja, es ist ein Fortschritt, wenn geflüchtete oder migrantische Models Hauptrollen bei GNTM spielen, wenn um Taylor Swift plus-Size-Tänzerinnen performen, ohne als solches genannt zu werden und auch, wenn Parolen wie „Stop Bodyshaming!“ auf der Leinwand aufpilzen. Aber bei einer Sendung, bei der es um nichts anderes geht?

Während Kinder und Jugendliche heute Morgen wieder zu Friday for Future lostingelten und es viele von denen bitter ernst meinen, hoffte ich, dass sie mit genervtem Augenrollen GNTM gestern Abend abgeschaltet hatten, weil sie besseres zu tun haben. Z.B. Plakate zu malen. Auf dem Weg zur Arbeit kam ich nämlich an einer Werbung vorbei, die es vor sieben Jahren, als ich Pinkstinks gründete, niemals gegeben hätte:

Dies ist nicht der Erfolg von einem „Feminismus by Heidi Klum“ oder einer „Feminismus-Liedschatten-Palette“ von L’Oreal. Es ist der Erfolg von Initiativen, Aktivist*innen, Querulant*innen, die sich gegen den Strom gestellt, demonstriert, getwittert, gebloggt und hart dafür gearbeitet haben, dass Menschen aufwachen und realisieren, wie das kapitalistische Mediennetzwerk sie einlullt, narkotisiert, normiert und ihnen das Gefühl gibt, alles wäre schon in Ordnung so. Und auch wenn wir uns freuen, dass man „Feminismus“ auch in den Medien wieder aussprechen darf, ohne schief angeschaut zu werden: Es ist mehr denn je wichtig, zu schauen, dass eine Protestkultur nicht von den Mächtigen gekapert und verwässert wird sondern Taten folgen. Modelshows für alle Größen, ökologisch und sozial nachhaltig hergestellte Mode, faire Arbeitsbedingungen, Girl Support statt Girl Hate. Gibt es tatsächlich schon – nur nicht bei GNTM.