Warum fällt uns Rassismus gegen Asiat*innen selten auf?

Seit der Coronakrise nehmen Gewalt, Drohungen und Beleidigungen gegen asiatisch aussehende Menschen zu. Doch was während der Pandemie in grausamen Ausmaßen gipfelt, ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt. Noch immer werden Menschen aufgrund ihres Aussehens stereotypisiert, diskriminiert oder im schlimmsten Fall sogar getötet. Damit das aufhört, muss die Gesellschaft sich verändern – und damit wir. Du und ich. Denn viele von uns tragen bewusst oder unbewusst zu dieser Problematik bei.

Spricht man über Feminismus, muss man heute auch über Intersektionalität sprechen. Also über die Mehrfachdiskriminierung gegenüber einer Person. Zum Beispiel durch Sexismus, und Rassismus oder Ableismus, also der Abwertung von Menschen mit Behinderung. Eine Person kann also von verschiedenen Diskriminierungsformen gleichzeitig betroffen sein. Egal, wie viele oder welche Diskriminierungen – ist doch egal? Hauptsache, wir halten als Feminist*innen zusammen?

Nein, so einfach ist es leider nicht. Wenn man sich mit Intersektionalität, also der Vielschichtigkeit von Diskriminierung und deren Ursprüngen auseinandersetzt, merken viele, dass sie sich relativ zu den Mehrfachdiskriminierten in einer privilegierten Position befinden. Das gilt insbesondere für weiße Cis-Personen, also Männer und Frauen, die sich mit der Geschlechtsbezeichnung, die ihnen bei der Geburt zugeteilt wurde, identifizieren. Damit gilt es auch für viele großartige Menschen, die sich täglich gegen Sexismus und für Gleichberechtigung engagieren. Es ist unangenehm, sich mit eigenen Strukturen und Denkweisen auseinanderzusetzen, die man bislang wenig oder gar nicht hinterfragt hat. Dennoch sieht man immer wieder, warum wir uns als Gesellschaft und damit auch uns selbst hinterfragen müssen.

Vor kurzem hat der öffentliche Rundfunk erneut gezeigt, dass er nichts gelernt hat. Im Januar lief im WDR die Sendung „Die letzte Instanz“, die einen beim Zusehen fassungslos machte. Da saßen fünf weiße Personen, die sich über Cancel Culture unterhielten und sich darüber echauffierten, dass man nicht mehr „Z*******-Soße“ sagen dürfe, weil ein Hersteller sein Produkt in „Paprikasoße ungarischer Art” umbenannt hatte.
Thomas Gottschalk verkündete in dieser Sendung unter anderem, dass er wisse, wie sich Schwarze Menschen fühlten, schließlich sei er als Schwarzer verkleidet mal auf einer Party gewesen.
Bereits im Februar fiel der Sender erneut negativ durch Blackfacing während einer älteren Karnevalsaufzeichnung auf. Im März gab es dann gleich noch einmal einen Fall von Blackfacing im öffentlichen Rundfunk – diesmal in einer aktuellen Satire-Sendung des Bayerischen Rundfunks.

Dass das nun wirklich gar nicht geht, sollte eigentlich offensichtlich sein. Warum werden solche Sendungen dennoch gesendet? Warum diskutiren ausschließlich weiße Personen in Talkshows über die Frage, was man noch sagen dürfe? Selbst hier schaffen es Medien bislang nicht, über Folgen ihrer Inhalte und Diskriminierung zu reflektieren.

Noch viel problematischer verhält es sich allerdings unter anderem bei Diskriminierungsformen, die selbst Menschen reproduzieren, die sich eigentlich für Gleichberechtigung oder Feminismus einsetzen, weil sie noch immer blind und taub gegenüber diesen Themen und der Personen sind, die diese betreffen. Die Grundlage für diese Diskriminierung liegt auch in unserem Alltag und wird viel zu selten hinterfragt. Dass das zu einem riesigen Problem wird, zeigt sich derzeit insbesondere an rassistischen und sexistischen Übergriffen gegen asiatisch aussehende Personen.

Als sich das Coronavirus ausbreitete, wurden immer wieder asiatisch aussehende Menschen unfreiwillig zum Gesicht der Pandemie gemacht. Man sah sie überdurchschnittlich oft und manchmal sogar völlig ohne Kontext auf Titelbildern von Magazinen oder Zeitungen. Donald Trump nannte das Coronavirus „China-Virus“.

Im Februar diesen Jahres vergleicht ein Bayern-3-Moderator die koreanische Boyband BTS mit einem Virus, für das es „hoffentlich ebenfalls bald eine Impfung [gebe]“ und sagte, er könne nicht rassistisch sein, weil er ein Auto aus Südkorea habe, woraufhin der Hashtag „Bayern3Racist“ international trendete.

Die Berichterstattung über das Coronavirus war von Anfang an in vielen Fällen stereotyp und voller Klischees. Daraufhin nahmen innerhalb der Corona-Pandemie Übergriffe gegen Menschen mit Asienbezug immer weiter zu. Netzwerke und Beschwerdestellen wie „Ich bin kein Virus“, Belltower News oder STOP AAPI (Asian American Pacific Islander communities) HATE bieten Plattformen und begannen zu Beginn der Coronakrise Fälle von Gewalt  und Rassismus öffentlich zu dokumentieren. Zwischen dem 19. März 2020 und dem 28. Februar 2021 meldet STOP AAPI HATE 3795 Fälle und unterscheidet hierbei zwischen verbaler Belästigung und Diskriminierung (68,1 %), physischen Übergriffen (11,1%), Bürgerrechtsverletzungen wie Diskriminierung am Arbeitsplatz (8,5 %) und Online-Belästigung (6,8 %). Frauen, so geht aus dem Bericht hervor, melden 2,3 Mal häufiger Vorfälle von Hass („hate incidents“), die ihnen wiederfahren sind.

Ein grausames Beispiel für Rassismus und Sexismus gegen asiatisch und weiblich gelesene Personen ist das Attentat in Atlanta am 16. März dieses Jahres, bei dem ein Mann drei Massagesalons stürmte und acht Menschen erschoss – sechs davon waren Frauen mit Asienbezug.

Die Problematik, die die Sichtweise auf Menschen asiatischen Aussehens betrifft, gibt es in Deutschland ebenso wie in den USA. In Artikeln der Journalistinnen Nhi Le, Minh Thu Tran oder Thi Minh Huyen Nguyen erklären sie, wo die Problematik in unserem Alltag sichtbar wird. Zum Beispiel in Filmen, Serien und anderen Medien, in denen asiatisch gelesene Frauen und Asiat*innen immer noch am häufigsten als „zarte Lotusblumen“ oder „Drachenladys“ dargestellt werden – immer verfügbar, immer hypersexuell, immer durch den Blick des westlichen Mannes betrachtet und durch ihn objektifiziert.

Noch immer reden sich Menschen mit „Humor“ heraus, wenn sie meinen asiatisch aussehenden Freundinnen und Frauen, denen ich schon lange auf Social Media folge und die dort von ihren Erlebnissen berichten, Gemeinheiten an den Kopf knallen. Sie mit „Sching Schang Schong“ begrüßen, sie fragen, ob sie Hunde essen würden oder wie teuer sie wären. Nichts davon ist witzig. Nichts davon sollte ein Mensch hören müssen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, ehrlich zu sich zu sein und auch eigene Vorurteile und eigenen Rassismus zu hinterfragen. Das kann schmerzhaft sein und traurig machen.

Ich erinnere mich heute an meinen Mathelehrer, der eine vietnamesich-deutsche Mitschülerin immer mit einem Wortspiel aufrief. Einer Verspottung ihres vietnamesischen Namens. Beim ersten Mal habe ich mitgelacht, die vielen nächsten Male blieb ich still, weil ich merkte, dass etwas daran irgendwie nicht richtig war. Heute wünsche ich mir, ich hätte mich damals getraut zu sagen, dass das nicht lustig ist. Oder wenigstens in der Pause meine Mitschülerin gefragt, ob alles okay sei.

Denn ich war damals immerhin schon in der 7. Klasse und hatte eigentlich eine große Klappe. Auch Kindheitserinnerungen können voller stereotyper Vorurteile sein. Mein liebstes Karnevalskostüm war zum Beispiel „Indianer“.

Mein zweitliebstes „Chinesin“, weil mein Onkel, der damals in Peking lebte, mir und meinem Bruder traditionelle, glänzend bestickte chinesische Kinderkleidung inklusive passender Mützen mitbrachte – klischeetreu mit langem schwarzen Zopf, der hineingeklebt war. Ich war stolz auf diese Kostüme, meinen (hypothetischen) Kindern würde ich sie aufgrund kultureller Aneignung und rassistischer Stereotype heute aber nicht mehr anziehen. Und ich würde auch nicht mehr das Lied „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ mit ihnen singen, weil ich mittlerweile weiß, dass Teile seines Ursprungs auf die gewaltsame Auflösung des Hamburger “Chinesenviertels“ in den 1930er Jahren zurückgehen und zudem die chinesische Sprache ins Lächerliche gezogen wird. Ich ertappe mich aber zum Beispiel auch jetzt noch immer wieder dabei, wie ich von „asiatischem Essen“ spreche, obwohl ich eigentlich vor kurzem gelernt habe, dass auch das eine Form von Rassismus ist.

Wenn in dem Zusammenhang Menschen wie in der WDR Talkshow „Die letzte Instanz“ ihre Sorge darüber bekunden, nichts mehr sagen zu dürfen und von der Cancel Culture bedroht zu sein, während sie gerade ironischerweise vor hunderttausenden Menschen sprechen, macht mich das wütend.

Ich möchte sie fragen, warum man etwas sagen wollen will, von dem man weiß, dass es andere Menschen diskriminiert und verletzt und dass es zu Stereotypisierung von Menschen und Kulturen beiträgt. Das ist weder witzig noch irgendjemandes Recht. Es ist unreflektiert, verbohrt und egozentrisch.
Wir müssen uns selbst immer wieder hinterfragen, anderen zuhören, Kritik annehmen, dazulernen und uns bilden. Wir müssen Feminismus intersektional denken und Personen in unserem Umfeld, die von Diskriminierung betroffen sind unterstützen, indem wir fragen, was ihnen wichtig ist und aufhören, kostenlose Bildungsarbeit von ihnen zu verlangen. Vor allem aber müssen wir verstehen, dass alle Stereotype, die wir reproduzieren, etwas in unserer Lebensrealität und unserer Gesellschaft bewirken. Eine positive Veränderung kann es nur geben, wenn wir sie in uns und anderen erkennen und uns bewusst dagegen

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