Auf blauem Grund ist eine Illustration eines metallernen Konzertzauns zu sehen. An dem Zaun hängt ein Schild mit der Aufschrift: "Zutritt auf eigene Gefahr"

Tausendmal ist nichts passiert

Triggerwarnung: Die folgenden Inhalte behandeln Themen wie sexualisierte Gewalt, MeToo und Victim Blaming.

Es geht wieder los: Der Frühling ist da, die Tage werden wärmer und die Festivalsaison hat begonnen. Das heißt für 2024, dass auch die Band Rammstein wieder auf Tour gehen. Moment mal, Rammstein, Rammstein, war da nicht mal was? Übergriffe, Machtmissbrauch, regelrechtes Opfercasting? Row Zero, zahlreiche Vorwürfe, Aussagen von Festivalmitarbeitenden und derlei mehr?

Und hatte man sich nicht sogar band-intern ein „ruhiges, besonnenes Reflektieren und Aufarbeiten“ und „auch keinesfalls Victim-Blaming“ gewünscht, weil man die „persönlich nicht in Ordnung fand“?

Mag sein, aber alles Schnee von gestern. Rammstein gehen auf Europatour und die soll natürlich Feuer werden. Später schaut man dann noch auf dem Knotfest der Band Slipknot vorbei. Und während sich einige Fans von Slipknot in den Kommentaren zur Ankündigung fragen, warum Till Lindemann supportet wird, der auch als Einzelkünstler auftreten wird, und wieso immer alle von Cancel Culture reden, während Lindemann weiter auf riesigen Bühnen auftreten darf, geht es weiter, immer weiter. Die nächste Bühne wird bereitet, der Unterhaltungszirkus zieht in die nächste Stadt. Fans kaufen Tickets und sehen die Show, die ja weitergehen muss. Der Produzent Timbaland empfiehlt uns mit Blick auf den verurteilten Sexualstraftäter und Menschenhändler R. Kelly, „die Musik und das Persönliche nicht zu vermischen„. Dessen Verteidiger hatte zuvor im Prozess derartig auffällig eine Verbindung zwischen dem Twerking der Opfer auf Konzerten und Musikevents und den Taten seinen Mandanten herstellen wollen, dass er von der vorsitzenden Richterin aufgefordert wurde, in der Gegenwart anzukommen und das zu unterlassen. Angebliches oder tatsächliches aufreizendes Verhalten ist nun einmal keine Einladung für Missbrauch. Aber genau um die konstante Vermischung dieser Themen, um das Ausgrauen dieses Bereiches in „Wer weiß schon, was da genau passiert ist, wieso gehen die Frauen überhaupt in solche Konzerte und zu solchen Typen?“ geht es ja.

Auch bei dem Rapper und Produzenten Sean „Diddy“ Combs, wird diese Maschen gefahren. Inmitten zahlreicher Vergewaltigungsanschuldigungen und immer neuen üblen Details, die bekannt werden,

wird wie üblich nachgefragt:
Warum erst jetzt?
Warum hat sie sich nicht gewehrt?
Warum unterzeichnet sie eine Verschwiegenheitserklärung?
Warum lässt sie sich von ihm produzieren/mit ihm ein?

Es ist unfassbar traurig und beschämend, aber auch und gerade 2024 muss das offenbar klargestellt werden: Weil sie es dürfen!
Frauen dürfen erlittene sexualisierte Gewalt verdrängen, verschweigen, nie thematisieren oder auch zu einem Zeitpunkt aufbringen, der ihnen aus welchen Gründen auch immer geeignet erscheint.
Frauen müssen sich nicht gegen Übergriffe zur Wehr setzen. Es ist auch nicht ihre Aufgabe, sich nicht vergewaltigen zu lassen, sondern ihr Recht keine Gewalt zu erfahren.
Frauen dürfen sich unter Druck gesetzt fühlen, vor langwierigen Prozessen fürchten und jeden Ausweg nutzen, der legal ist und ihnen sinnvoll erscheint. Es ist nicht ihre Aufgabe, einen Täter hinter Gitter zu bringen. Es wäre unser aller Aufgabe gewesen, sie besser zu schützen.
Frauen dürfen sich protegieren lassen. Sie dürfen hoffen, mit ihrem Talent durch die Hilfe von mächtigen und einflussreichen Männern Karriere zu machen. Sie markieren sich damit nicht als „missbrauchbar“. Sie geben sich dadurch nicht selbst zur Vergewaltigung frei.

Bei allem Verständnis für die Schwierigkeit, die in einem MeToo-Kontext erhobenen Vorwürfe juristischen vollständig abzubilden und aufzuarbeiten, sollten wir einen Moment innehalten und uns vergegenwärtigen, was hier gerade geschieht: Auf allen Ebenen wird hier Frauen als Opfern von sexualisierter Gewalt vermittelt, dass sie ja irgendwie auch ein bisschen selbst schuld sind. Dass sie nicht so tanzen dürfen, wie sie wollen, und nicht zu Konzerten gehen sollten. Sie dürfen sich nicht protegieren lassen. Nicht schweigen, nicht aufschreien, nicht verzögern, nicht fordern. Übrigens auch nicht aussagen. Ein New Yorker Urteil gegen Harvey Weinstein wurde gerade aufgehoben, weil das Gericht Aussagen von Frauen gehört hatte, die selbst nicht geklagt hatten und die vorgeworfenen Taten auch nicht bezeugen konnten. Damit wollte sich das Gericht ein umfassendes Bild über die Missbrauchsmethode Weinsteins machen. Da aber Angeklagte ausschließlich mit Blick auf die ihnen vorgeworfenen Taten beurteilt werden dürfen, wurde der Prozess für fehlerhaft befunden. Auch wenn das juristisch durchaus folgerichtig sein mag, bleiben wir den Opfern sexualisierter Gewalt gesellschaftlich, juristisch, gemeinschaftlich und juristisch die Antwort auf die wichtigsten Fragen schuldig:

Was soll ich denn jetzt machen? Wie soll ich mich verhalten, wie kann ich dafür sorgen, dass mir geholfen wird und ich Gerechtigkeit erfahre?

Die „Antwort“ darauf lautet seit Jahr und Tag: So nicht! Auf gar keinen Fall so. Nicht in diesem Aufzug, nicht nach so langer Zeit, nicht mit dieser Aussage, nicht mit so viel oder so wenig Geld, nicht mit dieser oder jeder anderen Vorgeschichte. Nicht, wenn du vorher mit dem Täter einvernehmlichen Sex hattest. Nicht, wenn du vorher mit „vielen“ anderen Männern Sex hattest. Nicht, wenn du nach der Tat Sex hattest. Nicht, nicht, nicht, nein, nein, nein, so nicht!

Aber wie denn dann? Wenn wir nicht endlich anfangen, potenziellen Opfern brauchbare Mittel zum Umgang mit mutmaßlichen Taten an die Hand zu geben, wird wieder tausendmal nichts passieren – nachdem es passiert ist. Und dann wieder. Und wieder. Bis dahin sind Rammstein auf Europatournee, die Musik von R. Kelly gilt weiterhin als super, und Frauen, die sich gegen die Übergriffe mächtiger Männer wehren, gelten nach wie vor als „Gold Digger“, die „nur Karriere machen wollen“.
Alles wie immer.

Weiterführende Infos zum Thema

Konsequenzen für Rammstein: Ist ein deutschland- und österreichweites Bündnis, das sich vernetzt hat, weil Rammstein (und mit ihnen Till Lindemann) trotz schwerer Vorwürfe sexualisierter Gewalt ohne Konsequenzen auf Tour gehen. Gefordert wird eine juristische und gesellschaftliche Aufarbeitung der Vorwürfe. Von Demoaufrufen bis Infoposts – der Instagram Account des Bündnisses gibt Menschen eine Stimme, die gegen Rammstein laut sein möchten.

Awareness-Institut: Die Anlaufstellen des Projekts sollen Awareness Kulturräume angenehmer und sicherer für alle machen. Sie sind auch vor und nach Events erreichbar, es kann auf Wunsch Klärungsgespräche mit Veranstalter*innen, Personal, Security oder diskriminierenden Personen geben. Darüber hinaus soll die Entwicklung von Präventivkonzepten durch Bildungsangebote für Clubs und Veranstalter*innen gefördert werden.

Hilfsangebote und Links