Astra! Was machen wir mit euch? 2016 haben wir euch gelobt, neuerdings hervorragend mit Sexualität zu spielen, ohne sexistisch zu werden. Im gleichen Jahr gab es einen überraschenden TV-Beitrag zu sexistischer Werbung vom Bayrischen Rundfunk (leider nicht mehr online): Dort erklärte die Werbeagentur Philipp und Keuntje (PUK), dass Astra in der Vergangenheit tatsächlich oft sexistisch warb, dies aber nicht mehr gewollt sei – es entspräche definitiv nicht mehr dem Zeitgeist. Und wir und viele andere fanden das super.

Doch gerade kommen bei uns wieder massenhaft Beschwerden rein, und zwar zu eurem neuen Plakat.

Die Kommentare dazu lauten ungefähr so:

-Was sagt es über eine Gesellschaft aus, die ein Bier feiert, nur weil das Logo geändert wurde und das Marketing-Budget…

Posted by Dies Irae on Samstag, 2. September 2017

Auch im Sommer erregte Astra viele Gemüter mit eurem Bart-Fetisch-Dings:

Und was sagen wir? Ist das jetzt sexistisch?

Wir stellen uns vor, unsere Gesetzesnorm gegen Sexismus in der Werbung wäre 2016 von Heiko Maas ins Wettbewerbsgesetz aufgenommen worden. (War ja nicht so. Statt dessen hat die SPD-Fraktion im Bundestag ein zweijähriges Monitoring sexistischer Werbung in Deutschland angeordnet, das wir durchführen sollen – und uns deshalb heute mit euch beschäftigen). Wir stellen uns also vor, ein Richter oder eine Richterin hat das Fingerleck-Plakat vor sich und muss unsere Kriterien anwenden. Ganz klar, Brüste an Bier: Muss weg. Oder? Denn Call-a-Pizza würde ganz klar mit einstweiliger Verfügung eingestellt werden:

Und da wird doch auch ein Nahrungsprodukt mit sexueller Verfügbarkeit beworben. Nur: Geht es bei Astra um sexuelle Verfügbarkeit? Ist hier Frau als reine Deko am Bier zu sehen, wie in vielen anderen Plakaten schon und oft gesehen?

Mein erster Eindruck vom Plakat waren die Wörter „Finger“ und „Lecken“, und in Zusammenhang mit dem Tattoos und der Kiez-Atmosphäre sah ich eher ein selbstbewusstes „Leck mich doch“ bzw. „Fuck you!“ anstatt einer lasziven Aufforderung zum „Fuck me“. Marcel sah zuerst das Sperma auf ihrem Bier, das sie sich von den Fingern lecken sollte und Ariane fand, dass die goldenen Nippel wirklich nicht sein mussten. Die Schwierigkeit liegt in den vielschichtigen Sehweisen, aber alle waren sich einig: Das ist kein Call-a-Pizza-Sexismus, sondern, wie oft in letzter Zeit bei Astra, ein „knapp dran vorbei“. Wobei das Video dazu eher die „Ihr seid so palle, ihr Deppen.“-Coolness der Barfrau hervorhebt:

 

Auch beim Bärtigen ist es der TV-Spot, der die nicht-sexistische Sehweise vorgibt, die manche zum Bartposter artikulieren. Der Kerl ist der leckenden Frau wirklich so was von egal und sie ihm auch, es ist das Bier, das verführt (oder der unfassbare Astra-Schaum). Jedem seins, halt (oder jede*r ihres). Im Spot bekommt sie (oder ist es ein er*? Kann man besonders auf dem Kiez nie wissen!) danach einen Bart, der Kerl sieht auf einmal sehr nackt aus und ein Dritter schüttet sich Astra an den Hals. Um einen Bart zu kriegen? Als Parfum? Komplettes Gendergaga jenseits von Stereotypen.

Den neuen Hang von Astra, alles und jede*n durch den Genderwolf zu drehen, zeigt auch dieser aktuelle Spot:

Aber wieder wird am Ende bzw. auf dem Foto nur eine*r davon zu sehen sein, nämlich die Transnixe.

Die Meinungen dazu wandern von „Endlich mal ein Mann in Bikini!“ zu „Klare Abwertung von Transmenschen.“ Der Werberat würde wahrscheinlich so etwas schreiben wie „Abbildung moderner Rotlichtkultur“. Und wenn wir Cross-Dresser und Transmenschen befragen bekommen wir auch lauter verschiedene Antworten, von brüllendem Lachen zu Unsicherheit, wie das gefunden wird. Eben wie die Frau am Fingerleck-Bier bei manchen Schulterzucken, bei anderen Empörung weckt. Klarer Schenkelklopf-Sexismus ist das nicht – und auch auf potentieller Gesetzesebene würde immer „im Zweifel für den Angeklagten“ gelten. Aber es bleibt das Problem des Schnappschusses, in der die diskriminierende Sichtweise dominieren kann. Wenn ihr daran noch schrauben könntet, Astra, fänden wir das schick. Die letzten Spots sind nämlich ziemlich grandios.