Ich habe neuerdings ganz viel Verständnis und Liebe für Frauen, die Feminismus „nicht brauchen“. Warum? Dafür muss ich etwas ausholen und von meiner Ärztin erzählen. Bei der heulte ich neulich rum, dass mich die rund-um-die-Uhr-und-Wochenend-Arbeit bei Pinkstinks nach sechs Jahren ganz schön schlaucht. Anstatt, wie ich gehofft hatte, mich auf Kur zu schicken, schaute sie mich einfach nur schräg an: „Wissen Sie, Sie müssen nur ihre Einstellung ändern.“ „Ach ja?“, erwiderte ich gespannt. „Ja, Sie müssen es mehr wie der Dalai Lama machen. Der arbeitet auch rund um die Uhr, schläft nur fünf Stunden und ist topfit. Sie müssen die Arbeit annehmen, bejahen! Der Lama kämpft auch gegen Feinde, aber er ist gutmütig und entspannt dabei!“

Als ich, noch immer unter Schock, später Ariane davon erzählte, machte sie ihr von mir so geliebtes „Die-hat-wohl-nicht-alle!“-Gesicht. „Aber der Dalai Lama ist doch nicht 24/7 auf Social Media. Er führt keine Protestkampagnen sondern sein Job ist es, Liebe zu versprühen und zu meditieren. Die Diskriminierung von Frauen im tibetischen Buddhismus und seine eigene Privilegierung darin ist auch nicht wirklich sein Hauptthema. Er hört auch nicht alle paar Minuten, dass er dringend mal vernünftig durchgevögelt werden sollte. Ist jetzt die Botschaft, dass du jedem „Du F*tze!“-Kommentator mit Liebe begegnest und erleuchtet lächelst?

Das kann ich schon deshalb nicht, weil es mich noch immer sauwütend macht, dass eine Horde Männer auf Facebook sofort meine und anderer Frauen Sexualität angreifen, wenn sie sich über unsere Forderungen aufregen. Egal, ob wir gegen §219a agieren oder in der deutschen Sprache sichtbar sein wollen, immer heißt es, wir hätten nicht genug Sex, wären zu hässlich und bekämen eh keinen ab. (Anderswo heißt es dann wieder, wir wären zu hübsch um zu protestieren, aber das kennt ihr ja.) Jedes Mal der Hieb unter die Gürtellinie, die Gewaltandrohung statt der Diskussion auf Niveau. Anders verhält es sich mit den Gegen-Argumenten von Frauen. „Ich will für meine Leistung gefördert werden, nicht, weil ich Frau bin!“ kommentieren sie bei uns auf Facebook zur Quotendebatte, oder „Ich fühle mich mitgemeint! Ich brauche keine Extra-Endung, die mich als Frau ausweist!“ zum generischen Maskulinum. Diesen Widerstand können wir sehr gut verstehen. Es ist verständlich, dass manche Frauen fest die Augen zudrücken und eine Make-Believe-Welt erbauen möchten, in der sie „Macher“ sind und in der es alle werden können. Vielleicht hat die eine oder andere auch tatsächlich nie Diskriminierung erlebt – das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ihre Tochter oder Nachbarin eher sexuelle Belästigung und Gewalt, Essstörungen, ungleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, Diskriminierung am Arbeitsplatz und Altersarmut (habe ich etwas vergessen?) erleben wird als ihr Sohn oder Nachbar. „Ich wünschte, ich müsste meinem Sohn nie den Holocaust erklären“, sagte eine jüdische Freundin einmal. Die konnte gut meine Angst verstehen, meine Töchter gegen historischen und aktuellen Sexismus stark machen zu wollen, ihnen aber damit gleichzeitig ein Stück Grundvertrauen in die Welt nehmen zu müssen. Sie gehören zum zweiten Geschlecht, nicht zum ersten. Und das ist einfach ungerecht.*

Ich wollte es auch ganz lange fest glauben: Wenn ich mich nur als „Macher“ (maskuline Form!) definiere, werde ich auch „einer“. Dann muss man die deutsche Sprache nicht verändern und ich muss mich nicht überall als Frau ausweisen oder ausgewiesen fühlen, wo ich mit dem Frausein eh meine Probleme habe. Ich finde mich im gesellschaftlichen und medialen Frauenbild unserer Welt nicht wieder und es nervt, zu einer Gruppe zugeordnet zu sein, für deren Gleichberechtigung man immer wieder kämpfen muss.

Wenn ich aber meinen Kindern erkläre, dass meine Mutter eine Unterschrift von meinem Vater brauchte, um arbeiten zu gehen, ist da eine ohnmächtige Wut. Genauso, wenn ich erzähle, dass sich vor hundert Jahren tausende von Frauen in Gefahr brachten, um ihr Wahlrecht zu erstreiten. Dass noch heute männliche Führungsetagen Frauen fernhalten oder Frauen sehr viel mehr sexualisierte Gewalt erleben als Männer. Hinter Wut steht aber immer Trauer: Warum ist das denn so? Warum macht das keiner weg? Warum müssen wir noch immer so hart kämpfen? Warum hat bei unserer Geburt keine gute Fee den Zauberstab über uns geschwungen und uns auf die Seite der Macht gehoben? Warum konnten nicht mal unsere Eltern das bewirken – und oft: Warum haben selbst die den Status Quo nicht hinterfragt? Warum müssen wir das jetzt selber machen?

Und wer kennt sie nicht: Die Trauer, nicht richtig zu sein und sich täglich gegen ein Bild stark zu machen, dass uns medial präsentiert wird. Haben wir im Haushalt alles im Griff? Sind wir hübsch genug? Sollten wir uns im Job mehr durchsetzen, haben wir alle Tipps aus der Cosmopolitan bedacht? Dazwischen immer wieder Wut, dass wir uns von der Erziehung zum folgsamen Mädchen in unserer Kultur und der intrinsischen Angst, die damit verbunden ist, immer nur stückweise lösen können und uns die früh eingeprägten Schuldgefühle immer wieder überrollen. Dahinter die Trauer der Erschöpfung, gegen dieses Bild und diese Matrix kämpfen zu müssen. Gestern war der WDR für eine Kindersendung bei uns. Wir schauten uns gemeinsam einen Berg von Kinderprodukten an: Auf jedem einzelnen (ob Kinderbuch, Badeschaum oder Puzzle) schaute das Mädchen (ob Cartoon, Legofigur oder echtes Kind) mit devotem Augenaufschlag den Betrachtenden an, während dem Jungen (meist Pirat) es schietegal war, ob ihn jemand anschaut (und bewertet): Mit Säbel oder Fernrohr bestückt schaute er in die Ferne und plante grinsend seinen nächsten Schritt, ganz für sich selbst.

Es kann ganz schön Angst machen, sich das Patriarchat genau anzuschauen. Das ist eine Riesenmacht, der wir mit ein paar größeren und kleineren Organisationen und Initiativen noch immer gegenüber stehen wie David gegen Goliath – von dem eigenen, täglichen Kampf ganz zu schweigen. Da kann man schon mal erschöpft und traurig sein, sich einsam und verlassen fühlen und das alles nicht wahrhaben wollen. Wenn ich etwas von meiner Ärztin gelernt habe, dann mich von den „Ich brauche keinen Feminismus, und Pinkstinks schon gar nicht!“- Kommentaren nicht ärgern zu lassen, sondern Mitgefühl zu haben. Da man trotzdem in einer Affengeschwindigkeit Kommentare löschen, Kampagnen schieben und Gewaltandrohungen weg atmen muss, mache ich im März eine Woche Urlaub. Um danach wieder zu kehren und mit sehr viel „Ja, ich liebe diese Arbeit!“ und euch allen zusammen kleine und große Schritte weiterzugehen hin zu einer Welt, in der mir meine Ärztin nicht mehr einen Mann als Campaigner-Vorbild vorsetzt. Oder ich keine Wut (und Trauer) mehr haben muss, wenn sie es tut.

Lieben Gruß! Eure Stevie

PS: Richtig, und dann sprechen wir mal über die Trauer und Angst der Männer, nie perfekt männlich sein zu können. Den Hass und die Wut, die sie produziert. Aber auch, wenn das nur die andere Seite der Medaille ist, ist es ein anderer Text. <3

*Der Holocaust und die Gefühle einer jüdischen Mutter sind nicht vergleichbar. Ich ziehe hier keinen Vergleich sondern sage, dass diese Freundin – wahrscheinlich aus Gründen – die erste Jungsmutter in meinem Umfeld war, die meine Sorge um die Mädchen verstand.

Foto: Matthew Henry / Unsplash